Frauengold

Ein Tipp für Julian Reichelt & Co.: Bild ist nicht Tinder

| Lesedauer: 5 Minuten
Birgitta Stauber
Nicht mehr der BILD-Chefredakteur: Julian Reichelt

Nicht mehr der BILD-Chefredakteur: Julian Reichelt

Foto: Malte Ossowski/SVEN SIMON / SvenSimon

Was bleibt vom Sex, von der Gier und Macht des Julian Reichelt? Die Erkenntnis: Wir leben eigentlich immer noch in Frauengold-Zeiten.

Berlin. Dies ist eine Frauenkolumne. Sie heißt Frauengold, eine Erinnerung an das gleichnamige Elixier für überlastete Hausfrauen in den 1950er Jahren, denen versprochen wurde, mit dem alkoholischen Gesöff (17%) bekommen sie ihr Leben in den Griff, gemeint war: Ihren Mann. Seine Erwartungen; zum Beispiel an ihre Kochkünste. Und an ihre ehelichen Pflichten. Also den Sex.

Damals durften Frauen ja noch gar nicht ohne die Zustimmung des Gatten arbeiten. Und wenn, dann mussten sie vieles erdulden, das sich nur aushalten ließ, wenn es in einer Bettgeschichte endete (Hauptsache, der Gatte, der den Job abgesegnet hatte, bekam nichts mit. Und wenn, war die Frage: Wer hat eigentlich schuld an der Affäre). Ja, so war das früher, als Frauen noch Frauengold brauchten.

Was sich seitdem geändert hat?

Heute gibt es Sauvignon Blanc. Der Gatte kann sie nicht am Broterwerb hindern. Und es gibt #metoo, die große globale Empörung über Machtmissbrauch am Arbeitsplatz. Die Bewegung verhindert nicht die Bettgeschichten zwischen Chef und Berufseinsteigerin.

„Vögeln, fördern, feuern“: Die toxische Unternehmenskultur

Aber sie macht Affären gefährlicher, so wie jetzt zwischen Julian Reichelt, dem Ex-Bild-Chef, und einer Schar von jungen, attraktiven Frauen, die er zunächst mit Lobeshymnen auf das Talent, dann mit krassen Beförderungen herumgekriegt und später wieder fallengelassen haben soll. „Vögeln, fördern, feuern“ nannte der „Spiegel“ noch im Frühjahr die Unternehmenskultur rund um den damaligen Bild-Chef.

Ich habe es schon 2017, als mit dem Produzenten Harvey Weinstein die #metoo-Bewegung ins Rollen kam, getan und wiederhole es jetzt, da wir in Deutschland unseren eigenen Aufreger haben: Ich entschuldige mich. Für all die Situationen, die ich in Jahrzehnten ertragen habe, ohne auszurasten: Sexistische Witze, plumpe Anmache – und schwülstige Komplimente, mit denen mein „großes Talent“ gelobt wurde. Mein „intensives Zuhören“. Mein „Interesse“. Ich habe Briefe bekommen, die auf tiefe Blicke in meine Augen folgten.

Die 18-jährige Sopranisten schläft mit dem Intendanten – ganz normal

Ich warf die Briefe weg, ich mied Blickkontakte – und schwieg über die Witze, statt dieses alberne Theater zur Sprache zu bringen. Statt Verantwortliche zur Rede zu stellen.

Schlimmer noch: Ich fand es normal, dass in dem Opernchor, in dem ich damals als Studentin sang und mir die knappe Haushaltskasse aufbesserte, die 18-jährige Kollegin mit dem Intendanten schlief. Alle wussten das. Sie bekam dafür die wichtigen Solostellen. Sie war auch stolz drauf. Alles einvernehmlich – und ganz normal. Theater halt. Der Mann oben, die (junge) Frau unten, im wahrsten Sinne des Wortes. Er lässt sie tanzen wie ein Puppenspieler seine Figuren.

So jung Julian Reichelt ist, so sehr ist er doch ein alter, weißer Mann

Dass heute, mehr als 30 Jahre später, die paternalistische, sexistische Topdown-Mentalität immer noch zur Firmenkultur des mächtigen Springer-Konzerns gehören soll, ist unfassbar. Dabei sind da noch nicht mal die sprichwörtlichen alten weißen Männer am Werk.

Julian Reichelt ist mit seinen 41 Jahren vergleichsweise jung. Sein mutmaßlich gieriges Kreisen um Macht, Geldund Sexwird aber freilich von dem obersten Boss, dem Verleger Matthias Döpfner(58), so lange durchgewunken, bis das globale Big Business mit dem neuen Geschäftsfeld in den USA bedroht ist.

Es ist tatsächlich ein Bericht derNew York Times, der den allmächtig scheinenden Julian Reichelt vom Thron der Bild-Chefredaktion stößt. Und ein mutiges deutsches Rechercheteam, das sich auch vom eigenen Verleger Dirk Ippennicht ausbremsen lässt – koste es auch den Job.

War doch einvernehmlich, also habt euch nicht so?

Und die betroffenen Frauen? War doch alles einvernehmlich, heißt nun das Zauberwort der Stunde. Sie haben ja mitgemacht. Für den Aufstieg auf der Karriereleiter zum Beispiel. Dass die Affäre in einem Burn-out endete? Dass Betroffene aus purer Angst vor dem brutalen Karriereende schweigen? Dass sie sich schlicht schämen? Es ist verständlich. Über Affären wird nur gern geredet, solange es die Affäre der anderen ist.

Die Relativierung widert mich derzeit am meisten an – und sie bewegt mich zu folgenden Folgerungen:

  1. Schluss mit dem Geschwafel von Einvernehmlichkeit, wenn der Boss eine Praktikantin nach der anderen ins Bett holt.
  2. Kann ja sein, dass sich echte, tragfähige Beziehungen am Arbeitsplatz entwickeln. Aber die Jagd nach Affären von oben nach unten muss aufhören, denn ein Unternehmen ist kein Anbahnungsinstitut. Und ein Medienkonzern ist nicht Tinder.
  3. Weg mit den Männerzirkeln auf hoher und höchster Ebene, sonst lässt sich der Herrenwitz niemals ausrotten.

Und ganz zum Schluss noch eine ganz persönliche Bemerkung: Frauen wollen nur eins: Einfach ihren Job gut machen.

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