Pandemie

Christian Drosten: "Da deutet sich jetzt die Winterwelle an"

| Lesedauer: 7 Minuten
Jennifer Kalischewski
RKI-Strategie für den Herbst und Winter - das sind die wichtigsten Punkte

RKI-Strategie für den Herbst und Winter - das sind die wichtigsten Punkte

Das RKI hat eine neue Strategie für den kommenden Herbst und Winter erarbeitet. Damit soll ein weiterer Lockdown verhindert werden. Die Strategie ist vorerst nur eine Empfehlung für die Bundesländer.

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Momentan sinkt die Inzidenz. Ist die vierte Corona-Welle also schon überstanden? Virologen wie Drosten zeichnen ein anderes Bild.

Berlin. 
  • Christian Drosten sieht bereits Anzeichen, dass es im Winter zu einer richtigen Corona-Welle kommen könnte
  • Auch seine Kollegen äußern ähnliche Befürchtungen
  • Was kommt im Herbst und Winter auf die Kliniken zu? Drohen erneut Einschränkungen?

Zunächst machte es sich schleichend bemerkbar: In der zweiten Juli-Hälfte - gerade gewöhnte sich Deutschland an einen fast normalen Alltag, in dem das Corona-Gespenst kaum sichtbar war - stieg die Sieben-Tage-Inzidenz langsam wieder an. War das der Beginn der gefürchteten vierten Welle? Die Sorge vor dem zweiten langen Corona-Winter wuchs.

Innerhalb weniger Wochen stieg die Inzidenz deutschlandweit von 4,8 (3. Juli) auf 91,4 (9. September). Doch seither ist die Tendenz eindeutig: sinkend. Ist die vierte Welle also schon gebrochen? Kann sich Deutschland auf eine ruhige Herbst-Winter-Saison einstellen? Manch einer liebäugelte schon mit der Vorstellung, Lockdown-Gefahr, Masken und Kontaktbeschränkungen seien bald passé, Weihnachtsmarktbesuche und Heiligabend im Kreise der ganzen Familie dieses Jahr wieder unbeschwert möglich.

Doch so ganz möchte man dem coronafreien Weihnachtsbraten nicht trauen. Und auch einige der bekanntesten Virologen des Landes warnen vor zu viel Zuversicht. Ein Überblick:

Christian Drosten: Anzeichen der Winterwelle machen sich erst jetzt bemerkbar

Christian Drosten, Chefvirologe der Berliner Charité, sieht die Winterwelle erst jetzt auf Deutschland zurollen. Zwar hatte das Robert Koch-Institut (RKI) bereits Ende Juli in einem Papier deutlich formuliert: "Die vierte Welle hat begonnen.". Doch nach den jüngsten Einschätzung von Drosten im NDR-Podcast "Coronavirus Update" sei der letzte Anstieg bei der Sieben-Tage-Inzidenz vor allem auf das Testen an Schulen nach Ende der Sommerferien sowie aus dem Urlaub eingeschleppte Fälle zurückzuführen.

Die eigentliche Herbst- und Winterwelle hingegen komme noch auf Deutschland zu. Ein Blick auf das vergangene Jahr veranlasst Drosten zu dem Rückschluss: Eine neu Welle werde erst ab Mitte Oktober starten. Denn auch im vergangenen Jahr hatte der exponentielle Anstieg der Infektionen Mitte Oktober begonnen. Das könne auch der aktuelle Impfstatus in Deutschland nicht verhindern.

Mittlerweile sind in Deutschland 64,3 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft (Stand 28.09.). Am Dienstag, dem Tag der Ausstrahlung des Podcasts, dröselte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in einem Tweet die Verteilung weiter auf: "Knapp 75 Prozent der Erwachsenen und ein Drittel der 12-17-Järhigen haben den vollen Impfschutz."

Hinweise auf den Beginn der Winterwelle sieht Drosten bereits in einigen Regionen Deutschlands. Es sei erkennbar, dass in ostdeutschen Bundesländern die Inzidenz offenbar unabhängig vom Ferienende Fahrt aufnehme. "Ich denke, da deutet sich jetzt die Herbst- und Winterwelle an, die wir im Oktober wohl wieder sehen werden."

Ein Blick auf Daten des RKI zeigt zwar, dass die Inzidenzen momentan noch in der südlichen Hälfte Deutschlands höher liegen als im Norden. Die Orte mit den höchsten Inzidenzen liegen allesamt in Bayern und Baden-Württemberg, nur getoppt von Bremerhaven. Doch während die Inzidenz in den westlichen Bundeländern tendenziell ebenso sinkt wie die bundesweite Inzidenz, steigen die Kurven in den ostdeutschen Ländern an.

Grund zur Sorglosigkeit ist nach Christian Drostens Prognose für den Winter also wenig angebracht.

Alexander Kekulé befürchtet dramatisches Corona-Finale im Winter

Auch sein Virologen-Kollege Alexander Kekulé sieht keinen Grund für allzuviel Hoffnung für den Winter. Er warnte bereits Anfang September vor einem dramatischen Endspiel in dieser Pandemie. Im Winter komme eine "unsichtbare" Corona-Welle auf Deutschland zu. "Wir haben nicht nur die berühmte Welle der Ungeimpften, sondern auch eine nicht erkannte, unsichtbare Welle der Geimpften", sagte der Virologe, der vielen durch den MDR-Podcast "Kekulés Corona-Kompass" bekannt ist, bei "Markus Lanz" im ZDF.

Was Kekulé damit meint: Auch geimpfte Personen könnten sich - unbemerkt - mit dem Coronavirus infizieren. Und dieses dann weiter übertragen. Würden Geimpfte dann auch noch unvorsichtiger, weil sie sich durch die Impfung in Sicherheit wähnen, werde diese Gruppe der Geimpften zum Ansteckungsherd - vor allem für ungeimpfte Kinder und Jugendliche.

Schwere Folgen träfe dann auch wieder genau diese Gruppe. Zwar seien die Risiken durch eine Covid-19-Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen verhältnismäßig gering, doch die Auswirkungen durch Corona-Maßnahmen wie Schulschließungen umso dramatischer. Kekulé warnte in diesem Zusammenhang vor "sekundären Kollateralschäden". Auch seien mögliche Langzeitfolgen durch eine Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen bislang nicht genau abzuschätzen. Lesen Sie dazu: Corona: Wie gefährlich ist Long Covid für Kinder?

Eine positive Einschätzung des Virologen bleibt allerdings: Eine Überlastung der Intensivstationen hält er aufgrund des Impffortschritts für unwahrscheinlich. "Die, die im Sturm stehen, sind die jungen Leute."

Hendrik Streeck rechnet mit hohen Infektionszahlen im Winter

Genau wie Alexander Kekulé erinnert auch Hendrik Streeck, Direktor des Institutes für Virologie und HIV-Forschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn, daran, dass sich auch vollständig Geimpfte mit dem Coronavirus infizieren und es weitergeben können. Streeck sieht Deutschland mittlerweile in einer "unbestimmten Übergangsphase" von der Pandemie zur Endemie, wie er in der vergangenen Woche in einem Video-Podcast mit dem FDP-Bundestagsabgeordneten Jens Brandenburg sagte. Das bedeute, dass das Coronavirus künftig nicht verschwinden, aber die Gefährlichkeit dadurch verlieren werde, dass immer mehr Menschen geimpft oder genesen sein werden.

Youtube: Hendrick Streeck zur vierten Welle

Ob in den kommenden Monaten mit einer vierten Welle zu rechnen sei, mag Streeck nicht abschließend kommentieren. Das sei für ihn offen. Allerdings rechnet er im Winter mit hohen Infektionszahlen. Ein Abfallen der Infektionszahlen werde sich erst im Frühjahr zeigen, daher rechne er auch damit, dass dann das Ende der Pandemie ausgelobt werde. "Aber wir werden auch nächsten Herbst und Winter wieder einen Anstieg sehen, also 2021/22. Aber die Wellen werden immer flacher werden", so seine Aussicht auf die Corona-Zukunft.

Auch die Aufhebung aller Corona-Maßnahmen in Form eines Freedom Days, wie erst kürzlich diskutiert wurde, hält er für verfrüht. Stattdessen plädiert er für die schrittweise Aufhebung von Maßnahmen, die man bei Bedarf wieder reaktivieren müsse. Streeck wirbt für die Corona-Impfung und für die 3G-Regel. Und er betont, dass es auch nach dem Ende der Corona-Maßnahmen Gebote statt Verbote geben sollte, also beispielsweise die Ermutigung, weiter Masken zu tragen, auch wenn es dazu keine Vorschrift mehr gebe.

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