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Todesstrafe: Arizona will die Gaskammer wieder einführen

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Peter DeThier
Biden: Die USA wollen keinen "neuen Kalten Krieg"

Biden: Die USA wollen keinen "neuen Kalten Krieg"

US-Präsident Joe Biden hat in seiner Rede bei der UN-Generaldebatte versichert, keinen "neuen Kalten Krieg" mit China anzustreben.

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Seit 2014 hat Arizona die Todesstrafe ausgesetzt. Nun will der US-Staat wieder Schwerverbrecher hinrichten - ausgerechnet mit Zyklon B.

Washington. Für möglich halten möchte man es nicht, doch ein Dreivierteljahrhundert nach dem Ende des Holocaust schickt sich ausgerechnet ein republikanisch regierter Staat der Weltmacht USA an, die Gaskammer einzusetzen, um Todesstrafen zu vollstrecken.

Arizona, einer von 27 Staaten, in dem Mörder und andere extrem gewalttätige Verbrecher hingerichtet werden können, könnte noch in diesem Jahr beginnen, das Biozid Zyklon B mit dem Wirkstoff Blausäure zu verwenden, das während des Zweiten Weltkriegs in Auschwitz und anderen Konzentrationslagern zum Einsatz kam. Menschenrechtsorganisationen sind empört, doch nichts deutet darauf hin, dass die Gerichte bereit sind, die inhumane Strafe zu blockieren.

Todesstrafe: Mehr als 1.500 Menschen hingerichtet

In den USA ist "Capital Punishment", wie staatlich sanktionierte Hinrichtungen genannt werden, historisch tief verankert. Eingeführt wurden Exekutionen schon während der Kolonialzeit. Erst im 20. Jahrhundert meldeten sich dann die Gerichte zu Wort. 1972 verbot der Oberste Gerichtshof in Washington die Todesstrafe. Als dann mehrere, größtenteils konservative Südstaaten ihre eigenen Gesetze verabschiedeten, gab der Supreme Court vier Jahre später nach.

Seit 1976 wurden mehr als 8.500 Schwerverbrecher zum Tode verurteilt und davon mehr als 1.500 auch hingerichtet. Heute sitzen noch knapp 2.600 Verurteilte auf der sogenannten "Death Row" und warten auf ihren letzten Tag.

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Dabei ist die Todesstrafe in den USA, die neben Japan, Taiwan und Singapur als nur eine von vier Demokratien, die staatlich genehmigte Tötungen zulassen, hoch umstritten. In jenen Staaten, die aber darauf bestehen, in besonders gewalttätigen und moralisch verwerflichen Fällen Menschenleben zu beenden, tauchten dann vor fünf Jahren unerwartete Probleme auf.

Arizona hatte die Todesstrafe 2014 ausgesetzt

2016 machte nämlich der Pharmakonzern Pfizer Schlagzeilen. Zuvor hatte der Multi den kleineren Konkurrenten Hospira übernommen, der Natrium-Thiopental und andere Mittel herstellte, die bei tödlichen Injektionen verwendet werden, der mit Abstand häufigsten Form der Todesstrafe in den USA.

Pfizer führte scharfe Restriktionen beim Verkauf von nicht weniger als sieben seiner Produkte ein, die in Gefängnisse bei der Mischung des fatalen "Giftcocktails" benutzt werden. Arizona und andere Staaten beklagten plötzlich eine Knappheit und mussten sich für andere Hinrichtungsmethoden entscheiden: Den elektrischen Stuhl, ein Erschießungskommando, Erhängen oder eben die Gaskammer.

Dass sich ausgerechnet Arizona Anfang des Jahres entschied, Vorräte von Zyklon B zu beschaffen und mit der Reaktivierung der Gaskammer zu experimentieren, entbehrt nicht einer gewissen, tragischen Ironie. So hatte der Staat 2014 nach dem qualvollen Tod des verurteilten Mörders Joseph Wood die Todesstrafe ausgesetzt. Wood wurde eine Giftspritze zugeführt, die aber ihre Wirkung verfehlte. Zwei Stunden lang keuchte der Häftling, stöhnte, schnaubte und schnappte nach Luft, ehe er nach der Injektion der 15. Dosis schließlich starb.

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Todesstrafe: Gaskammer bevorzugte Methode

Sieben Jahre später sollen die schlimmsten Verbrecher nun wieder hingerichtet werden, und die Gaskammer soll offenbar zu den bevorzugten Methoden zählen. Bezeichnend ist das deswegen, weil in den USA zuletzt im März 1999 auf diesem Wege eine staatliche sanktionierte Tötung ausgeführt wurde, und das gegen einen deutschen Staatsbürger.

Die gebürtigen Augsburger Karl-Heinz und Walter LaGrand saßen im Florence Staatsgefängnis in Arizona, also jenem Knast, in dem die Gaskammer nun wieder den Betrieb aufnehmen könnte, auf der Death Row. Sie hatten bei einem gescheiterten Raubüberfall eine Frau getötet und ein weiteres Opfer schwer verletzt. Berufungen und selbst das unermüdliche Engagement des damaligen, deutschen Botschafters in Washington, Jürgen Chrobog, konnten keinen Aufschub bewirken. Walter, damals 37, entschied sich für die Gaskammer und ist bis heute der letzte, der in den USA so sein Leben verlor.

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Trotz der scharfen Kritik daran, dass sich Arizona nun stark dazu neigt, ausgerechnet die Gaskammer wieder einzuführen, hat C.J. Karamargin, Kommunikationschef für Gouverneur Doug Ducey, eine Antwort parat. "Angehörige der Opfer warten schon seit vielen Jahren auf Gerechtigkeit, und der Gouverneur hält sich an die Buchstaben der Arizona Verfassung" sagt er. Auch wird darauf hingewiesen, dass bis zu 17 Verbrecher auf der "Death Row" ähnlich wie LaGrand es vorziehen könnten, auf diesem Wege hingerichtet zu werden.

Anders sieht es Robert Dunham, Direktor des Death Penalty Information Center, einer Organisation, welche die Todesstrafe ablehnt und darauf hinweist, dass hunderte von Hingerichteten nach ihrem Tod entlastet wurden. "Man kann sich nur wundern, wie jemand glauben kann, dass es im Jahr 2021 moralisch akzeptabel sei, einen Menschen mit Zyklon B hinzhurichten".