Pandemie

Corona-Inzidenz: Warum der Rückgang stagnieren könnte

| Lesedauer: 5 Minuten
Tobias Eßer
Corona: Digitaler Impfpass startet

Corona: Digitaler Impfpass startet

Die Impfkampagne zur Eindämmung der Pandemie schreitet immer weiter voran. Nun gibt es den digitalen Impfpass in Apotheken. Wie man diesen bekommt, sehen Sie im Video.

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Die Corona-Zahlen sinken zur Zeit. Der Abwärtstrend wird sich aber nicht unbegrenzt fortsetzen. Experten erklären, wieso das so ist.

Berlin. In den letzten Wochen fiel die Corona-Inzidenz in Deutschland mit einer Geschwindigkeit, dass einem schwindelig werden konnte. Immer mehr Öffnungsschritte wurden in immer kürzerer Zeit vollzogen.

Die sinkenden Zahlen haben mehrere Gründe. Neben der in Fahrt gekommenen Impfkampagne zeigen auch Corona-Notbremse und Kontaktbeschränkungen ihre Wirkung. Außerdem haben sich die Temperaturen endlich auf einem frühsommerlichen Niveau eingepegelt, so dass sich das Virus langsamer ausbreitet. Auch der Mathemathik kommt eine wichtige Rolle zu.

Das hat vor allem mit der sogenannten Reproduktionszahl zu tun. Die gibt an, wie viele Menschen eine infizierte Person im Mittel ansteckt. Liegt dieser R-Wert unter 1, nimmt die Entwicklung im Modell exponentiell ab. Je niedriger der Faktor - also je weiter weg von 1 -, desto schneller der Rückgang, wie André Scherag vom Institut für Medizinische Statistik, Informatik und Datenwissenschaften des Universitätsklinikums Jena erklärt.

R-Wert: Je höher, desto rascher breitet sich Corona aus

In den letzten anderthalb Jahren kamen exponentielle Veränderungen vor allem in die andere Richtung vor - bei den Virus-Wellen, als die Infektionszahlen immer wieder rapide in die Höhe schossen. Sobald der R-Wert über 1 liegt, ist das Wachstum nach dem einfachen Modell exponentiell. Hier gilt umgekehrt: Je höher der Wert ist, desto rascher breitet sich das Virus aus.

Um die Funktionsweise von exponentiellen Veränderungen zu erklären, vergleicht Statistik-Professor Helmut Küchenhoff von der Ludwig-Maximilians-Universität München die Pandemie mit der Zins-Entwicklung: "Ist der Zinssatz nicht so hoch, dauert es lange, bis sich das Geld vermehrt. Ist er höher, wird man schneller reich."

Außerdem sei wichtig, wie viel Geld überhaupt vorhanden ist: "So ist es auch bei Infektionen: Wenn viele schon krank sind, können die auch mehr anstecken", sagt Küchenhoff. Exponentielles Wachstum sei nicht immer gleich starkes Wachstum.

Corona-Inzidenzen werden nicht weiter so fallen

Gerade sind wir also gewissermaßen im Gegentrend: Zuletzt waren die Inzidenzwerte vielerorts im Sinkflug. Wer sich Musterkurven für den Verlauf eines exponentiellen Abflauens anschaut, sieht auch, dass die Linien sich im Verlauf der Zeit strecken.

Doch der Rückgang der Corona-Zahlen wird nicht immer so schnell gehen wie aktuell, weiß Jan Fuhrmann vom Forschungszentrum Jülich: "Ähnlich wie ein exponentieller Anstieg anfangs sehr langsam erscheint und sich dann immer weiter beschleunigt, beginnt ein exponentieller Abfall rasant und wird immer langsamer".

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Modellrechnung lässt sich nicht auf Realität anwenden

Der Rückgang der Inzidenz von 200 auf 100 dauere bei einem konstanten R-Wert von unter 1 ähnlich schnell, wie der Rückgang von 40 auf 20. Und die Bedingung, dass der R-Wert sich nicht ändert, macht schon deutlich: Das gilt in der Theorie. Aussagen über exponentielles Wachstum seien vor allem im Modell leicht zu machen, sagt Scherag.

Die Realität ist allerdings weitaus komplexer. So würden aktuell verschiedene Maßnahmen gelockert, Impfungen und durchgemachte Infektionen hätten Auswirkungen und verschiedene Coronavirus-Varianten seien unterschiedlich ansteckend. Deshalb greife das aktuelle Modell nicht mehr, sagt Scherag: "Zwar kann man dann einen R-Wert auf Basis der existierenden Daten berechnen, eine einfache Interpretation ist in der Regel nicht mehr möglich."

Das findet auch Helmut Küchenhoff. Modellrechnungen seien mit großen Unsicherheiten verbunden, weshalb er auch vom "stochastisch exponentiellen Wachstum" spricht - einem Wachstum, das teilweise vom Zufall abhängt.

Forscher: Menschen denken in linearen Zusammenhängen

"Das Problem ist, dass wir Menschen uns exponentielle Entwicklungen nur schwer vorstellen können", sagt Scherag. "Menschen neigen dazu, in linearen Zusammenhängen zu denken." Ein weiteres Problem sei, dass exponentielles und lineares Wachstum anfangs nur schwer voneinander zu unterscheiden seien. "Und wenn Sie merken, dass Sie im exponentiellen Wachstum stecken, ist es meist schon zu spät, um gegenzusteuern."

Für den Sommer rechnet Fuhrmann ähnlich wie im letzten Jahr mit einem mäßigen Infektionsgeschehen. Zwar seien die vorherrschenden Virusvarianten ansteckender, ein zunehmender Anteil potenziell infizierbarer Personen sei aber durch Impfungen geschützt.

Abwärtstrend wird sich vermutlich nicht mehr beschleunigen

Dass der Abwärtstrend sich aber beschleunigt, glaubt er nicht. "Zumal mit sinkender Inzidenz immer Öffnungsschritte einhergehen, die wiederum zusätzliche Kontakte und damit mögliche Übertragungswege zur Folge haben", erläutert er. "Da mit einer vollständigen Ausrottung des Virus in absehbarer Zeit nicht zu rechnen ist, wird aber auch der exponentielle Trend selbst im günstigsten Fall früher oder später abbrechen, und die Inzidenz wird um ein niedriges Niveau schwanken."

Schon eine Stellschraube könne bei der Bekämpfung der Pandemie entscheidend sein, zum Beispiel die Maskenpflicht, die eventuell bald gelockert werden könnte. Seit einigen Wochen liegt der R-Wert in Deutschland bei grob 0,8.

Ersetzte man in dieser Situation nur die aktuell dominierende Virusvariante Alpha durch eine im Schnitt 30 Prozent leichter übertragbare, so stiege R laut Fuhrmann auf knapp über 1 - und man käme bald aus einem zügigen Abwärtstrend zu einem schleichenden, sich beschleunigenden Anstieg der Inzidenz. "Und dabei wäre angenommen, dass alle anderen Rahmenbedingungen völlig unverändert blieben", erläutert Fuhrmann. (mit dpa)

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