Pandemie

Deshalb rückt die dritte Corona-Impfung immer näher

| Lesedauer: 7 Minuten
Julia Emmrich
Stiko: Corona-Impfung muss wieder aufgefrischt werden

Stiko: Corona-Impfung muss wieder aufgefrischt werden

Die Ständige Impfkommission (Stiko) geht davon aus, dass Impfungen gegen das Coronavirus im kommenden Jahr aufgefrischt werden müssen.

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Experten rechnen damit, dass die ersten schon im Herbst eine dritte Corona-Impfdosis bekommen werden. Es wird nicht die letzte sein.

Berlin. 
  • Nach anfänglichen Problemen geht es bei den Corona-Impfungen in Deutschland immer schneller voran
  • Dass die Corona-Impfungen in Deutschland zur Normalität werden, davon sind Forscher überzeugt
  • Die dritte Corona-Impfung wird für viele Menschen im Herbst schon nötig sein

„Hast du schon den Termin für die dritte Impfung?“ Noch klingen solche Fragen absurd, doch das dürfte sich bald ändern: Experten gehen davon aus, dass die ersten Bundesbürger schon im Herbst eine dritte Dosis Corona-Impfstoff bekommen werden. Mehr noch: Weil der Impfschutz nicht ewig hält und sich das Virus weiter verändern wird, rechnen Mediziner und Virologen damit, dass Corona-Impfungen in den nächsten Jahren zur regelmäßigen Routine werden.

Corona-Impfschutz lässt nach einiger Zeit nach

Wie viele andere Impfstoffe müssen auch die Vakzine gegen das Coronavirus nach einiger Zeit aufgefrischt werden. Anders als bei der Tetanus-Impfung oder der Grippeschutzimpfung weiß man aber noch nicht exakt, wann der Impfschutz bei den Corona-Vakzinen nachlässt. Dafür dauert die Impfkampagne noch nicht lange genug.

Es gibt aber bereits Anhaltspunkte aus Studien: „Ich gehe davon aus, dass die Immunität nach einer Impfung gegen Covid-19 sechs Monate hält“, sagte der Mediziner und SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach dieser Redaktion. „Die erste Auffrischung wird deshalb für einige bereits im Herbst fällig sein.“

Corona-Impfung: Auffrischung nach sechs bis zwölf Monaten

Pfizer-Chef Albert Bourla geht ebenfalls davon aus, dass wahrscheinlich eine dritte Dosis binnen sechs bis zwölf Monaten nötig sei. Möglicherweise aber auch schon früher: Sollten sich in Deutschland Mutationen verbreiten, gegen die die aktuellen Impfstoffe nicht so stark wirksam sind, „müsste man möglicherweise auch schon früher mit einem angepassten Impfstoff beginnen“, so Lauterbach.

Gegen die südafrikanische Variante etwa wirkten die Vakzine von Astrazeneca und Johnson&Johnson nicht so gut. Noch spielt die Mutation hierzulande kaum eine Rolle. Doch das kann sich ändern: „Sollte sich diese Variante bei uns stark verbreiten, sollten die betroffenen Personen dann als erste besser immunisiert werden.“ Lesen Sie dazu:Corona: So wirksam sind die Impfstoffe bei Mutationen

Bei Vorerkrankungen könnte ein „Booster“ schon früher nötig sein

Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat bislang noch keine Empfehlung für eine Auffrischungsimpfung, für einen „Booster“, wie es heißt: „Im Augenblick gibt es noch nicht genügend Daten, um sagen zu können, wann eine Auffrischung des Impfschutzes nötig sein könnte“, sagte der Virologe Thomas Mertens dieser Redaktion.

So funktioniert der digitale Impfnachweis
So funktioniert der digitale Impfnachweis

Der Stiko-Vorsitzende hat aber bereits bestimmte Gruppen im Blick: „Wir müssen sicherlich noch einige Monate warten, um zu sehen, ob möglicherweise bei einzelnen Gruppen der Impfschutz bereits wieder nachlässt oder generell zu schwach war. Das könnte einzelne Altersgruppen betreffen oder auch Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen.“

Bei Patienten, deren Immunabwehr medikamentös gesteuert wird, oder auch nach Transplantationen könne es sein, dass der aufgebaute Immunschutz zu schwach und bereits kurzfristig eine dritte Dosis nötig sei.

Drosten: Dritte Dosis zusammen mit der Grippeschutzimpfung geben

Auch der Berliner Virologe Christian Drosten rechnet damit, dass im Herbst bestimmte Gruppen in Abhängigkeit von Alter und Risiko großzügig gegen Covid-19 nachgeimpft werden sollten. Ihm schwebe vor, dies auch mit der Immunisierung gegen Grippe zu verbinden.

„Jemand, der ein Risiko hat für Influenza, der hat auch dieses Risiko für Covid.“ Es sei zu befürchten, dass die nächste Grippe-Welle schwer ausfalle, wenn man nicht mit Impfungen gegensteuere.

Lauterbach: „Werden in den nächsten Jahren regelmäßig impfen müssen“

Einig sind sich die meisten Experten, dass die Corona-Impfungen in diesem Jahr nicht die letzten sein werden. Der Corona-Schutz wird noch lange nötig sein: „Es wird mit Sicherheit nicht bei einer Auffrischung bleiben“, so Lauterbach.

„Das Corona-Virus und seine Mutanten werden uns noch auf absehbare Zeit beschäftigen. Wir werden in den nächsten Jahren regelmäßig gegen Covid-19 impfen müssen.“ Das sieht auch Stiko-Chef Mertens so: „Das Virus wird uns nicht wieder verlassen. Die aktuellen Corona-Impfungen werden deswegen nicht die letzten sein.“

Grundsätzlich müssten sich die Bundesbürger darauf einstellen, dass möglicherweise im nächsten Jahr alle ihren Impfschutz auffrischen müssen. Die Hersteller arbeiteten nach eigener Aussage bereits an modifizierten Impfstoffen, die gegen relevante derzeit bekannte Mutanten wirksam sein sollen. Es sei deshalb sinnvoll, die Produktion von Covid-19-Impfstoffen auch in Deutschland anzukurbeln.

Kinder unter 12 Jahren sind noch lange ohne Impfschutz

Im Herbst wird die Lage auch ohne gefährliche Mutationen kompliziert: Während die einen möglicherweise bereits die dritte Impfung benötigen, sind Kinder unter 12 Jahren vermutlich noch komplett ohne Impfschutz. „Die Krankheit wird im Herbst nicht verschwunden sein“, mahnt Drosten. Ungeimpfte würden sich weiter anstecken und erkranken können.

Heikel findet er besonders die Situation der noch ungeimpften kleineren Kinder: Viele Erwachsene hätten im Herbst ihre Impfung ein halbes Jahr hinter sich, und deren Schutz werde schwächer. Dabei gehe es dann weniger um die Gefahr einer eigenen Erkrankung der geimpften Erwachsenen als um das Risiko der Weitergabe des Virus an Kinder. Die Studien zu Impfungen kleinerer Kinder seien kompliziert und dauerten. „Ich bin ich nicht so sicher, ob man so schnell kleinere Kinder impfen kann“, so Drosten.

EU bestellt 1,8 Milliarden Impfstoffdosen für die kommenden Jahre

Deutschland und die EU bereiten sich bereits darauf vor, auch nach der ersten Immunisierungswelle genug Impfstoff für Auffrischungen zu haben. Die Bundesregierung will erreichen, dass sich das Land bereits ab nächstem Jahr selbst mit Impfstoff aus eigenen Produktionsstätten versorgen kann.

Die Europäische Union kauft bis zu 1,8 Milliarden weitere Dosen Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer. Damit sollen bis ins Jahr 2023 die 70 bis 80 Millionen Kinder in der EU gegen Covid-19 geschützt und Impfungen von Erwachsenen aufgefrischt werden.

Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte an, dass weitere Vereinbarungen folgen könnten. Der neue Großvertrag hat ein Volumen von bis zu 35 Milliarden Euro und bedeutet weitere Investitionen in Deutschland und Belgien.

Für Auffrischungen und die Impfung von Kindern werden nach Schätzung der Kommission 2022 und 2023 zusammen rund 700 Millionen Dosen benötigt. Tritt eine Mutation des Virus auf, gegen die die bisherigen Impfungen nicht helfen, bräuchte man 640 Millionen Dosen, um 70 Prozent der EU-Bevölkerung völlig neu zu immunisieren.

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