Corona-Forscher

Streeck, Drosten und Co. – Wo die Experten daneben lagen

| Lesedauer: 12 Minuten

Corona: Unterschiedliche Lockdown-Bezeichnungen sorgen für Verwirrung

Corona: Unterschiedliche Lockdown-Bezeichnungen sorgen für Verwirrung

Harter Lockdown, weicher Lockdown, Lockdown Light oder doch eher ein Brücken-Lockdown? In Zeiten von Corona entstehen immer mehr Bezeichnungen. Das kann sehr verwirrend sein. Das Video gibt einen Überblick.

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Forscher wie Drosten oder Streeck sind durch die Corona-Pandemie einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden. Wo lagen sie richtig?

Berlin. 
  • Seit Beginn der Corona-Pandemie stehen Wissenschaftler wie Christian Drosten und Hendrick Streeck in der Öffentlichkeit
  • Am Anfang war wenig bekannt über das Coronavirus – doch trotzdem sprachen die Experten über die Sterberate und zogen Vergleiche zur Grippe
  • Doch welche ihrer Prognosen waren richtig – und wo lagen sie komplett daneben?

Die Menschen sind nach einem Jahr pandemiemüde. Zermürbt vom Lockdown. Sie haben den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen lange zugehört, die ständig auf den Fernsehbildschirmen in Talkshows zu sehen sind und in unzähligen Interviews die Corona-Situation immer wieder neu bewerten. Viele haben sich mittlerweile ihre eigene Meinung dazu gebildet.

Am 31. Dezember 2019 meldet China die ersten Infektionsfälle mit dem Coronavirus an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Vier Wochen später gibt es die erste bestätigte Infektion in Deutschland. Es handelt sich um einen 33-jährigen Mann aus Bayern.

Schaut man nun mit einem Jahr Abstand auf die Berichterstattung und die Aussagen der Forscher, wird deutlich, wie wenig Informationen zu Beginn der Pandemie verfügbar waren.

Experten-Aussagen am Anfang der Pandemie: Wer hatte Recht?

Müssen wir uns in Deutschland Sorgen um diese Lungenkrankheit im chinesischen Wuhan machen? Wird das etwa eine Pandemie? Wann wird alles wieder „normal“? Das waren die Fragen, die sich Wissenschaftler – und Bürger – vor rund einem Jahr stellten.

Nach mehr als einem Jahr Corona-Pandemie ist der Wunsch nun groß, Bilanz zu ziehen. Wer hatte mit seinen Aussagen über die Corona-Pandemie Recht, wer hatte Unrecht?

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28. Januar 2020: Drosten rechnet schon mit einer Pandemie

Wenig ist Anfang 2020 bekannt über dieses seltsame Virus aus China. Der damals ebenso noch weitgehend unbekannte Christian Drosten, Chefvirologe an der Berliner Charité, versucht sich damals dennoch mit einer ersten Prognose, die sich als ziemlich richtig herausstellen soll. „Das ganze Medizinsystem in Deutschland muss sich schon jetzt auf eine mögliche Pandemie vorbereiten“, sagt Drosten Ende Januar 2020 auf Tagesschau.de. „Das heißt, wir müssen die Pandemiepläne rausholen, um auf einen möglichen Massenanfall von Patienten vorbereitet zu sein“, rät Drosten – und hat Recht

Das ist der Coronavirus-Experte Christian Drosten
Das ist der Coronavirus-Experte Christian Drosten

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30. Januar 2020: Streek hält gewöhnliche Grippe für gefährlicher

Auch Hendrik Streeck, Chefvirologe an der Bonner Uniklinik, wagt eine erste Einschätzung – und liegt direkt völlig daneben. Für „falsch“ hält er die Entscheidung der WHO, die gesundheitliche Notlage auszurufen: „Nach den bisherigen Daten ist die #influenza dieses Jahr eine größere Gefahr als das neue #coronavirus“, schreibt er Ende Januar auf Twitter. Streeck forscht seit Jahren an HIV – einem Virus, das sich völlig anders verhält als das Coronavirus. Er sollte im Zuge der Pandemie noch öfter falsch liegen.

14. Februar 2020: Wieler glaubt, dass Corona wie Grippewelle verläuft

Ähnlich wie Streeck sieht es Mitte Februar RKI-Präsident Lothar Wieler. Er sagt auf einer Pressekonferenz: Das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 werde voraussichtlich „wie eine schwere Grippewelle durch Deutschland laufen“.

Während eine Influenza oft auf die Lungen beschränkt ist, kann bei Covid-19 fast jedes Organ des Körpers erkranken. Entsprechend höher ist die Komplikations- und Sterberate, wie eine vergleichende Studie im Dezember 2020 im britischen Ärzteblatt zeigt. Informationen, die Wieler also im Februar noch lange nicht hat – allerdings beruhen seine Annahmen zu diesem Zeitpunkt auf einer sehr geringen Anzahl an erkrankten Personen. Eine so allgemeine Aussage über die Gefährlichkeit des noch sehr unbekannten Virus ist durchaus riskant.

24. Februar 2020: Streeck rät von Masken als Corona-Schutz ab

Es bringe nichts, „jeden Tag mit einem Mundschutz herumzulaufen, denn das schädigt eher die Haut um den Mund herum“, sagt Streeck in einem Phoenix-Interview. Damit tue man sich keinen Gefallen, meint der Virologe.

Das ist der Virologe Hendrik Streeck
Das ist der Virologe Hendrik Streeck

Allerdings belegen bereits zu diesem Zeitpunkt Studien, dass das Coronavirus wohl primär über über die Luft übertragen wird. Schon damals weiß man: Wenn ein Infizierter ausatmet, niest oder hustet, verteilt er mikroskopische Tröpfchen in der Luft, die das Virus enthalten können.

Doch erst Anfang April empfiehlt die Bundesregierung, Masken zu tragen. Und selbst dann warnt die WHO noch immer vor einem „falschen Sicherheitsgefühl” durch Masken und dass damit riskiert werde, dass die Händehygiene vernachlässigt werde. Ende April setzen die Bundesländer aber doch eine Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln und dem Einzelhandel um.

27. Februar 2020: Drosten hält Masken auch nicht für sinnvoll

Aber auch Christian Drosten liegt am Anfang der Pandemie nicht immer richtig – zum Beispiel, als erstmals über eine Maskenpflicht nachgedacht wird: „Für dieses Tragen von Atemschutzmasken in der normalen Umgebung durch den Normalbürger“, sagt er Ende Februar in seinem damals noch neuen und täglich erscheinenden Podcast, „gibt es keine wissenschaftliche Evidenz, dass das irgendeinen Nutzen hat oder irgendeinen Schutz bietet.“

Nur einen Monat später revidiert er diese Aussage im NDR-Podcast jedoch selbst, wird dann sogar zum Verfechter des Mund-Nasen-Schutzes. Mittlerweile dürfte jedoch wohl unumstritten sein, dass Masken – insbesondere FFP2-Masken – einen guten Beitrag zur Vermeidung von Infektionen leisten.

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6. März 2020: Gassen hält Corona für eine „eher mediale Infektion“

Am 6. März glaubt der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, dass sich wohl ein Großteil der Bevölkerung anstecken werde. „Das kann vier oder fünf Jahre dauern. Je schneller es geht, desto größer ist die Herausforderung für das Gesundheitswesen. Aber dass wir selbst bei einem weiteren raschen Anstieg der Fälle an Grenzen stoßen, sehe ich definitiv nicht.“ Derzeit sei Corona „eher eine mediale als eine medizinisch relevante Infektion“, so Gassen in der „NOZ“.

Dabei hätte auch er es besser wissen können: Bereits 2012 ließ die Bundesregierung einen nationalen Pandemieplan erstellen, auf Basis des Sars-Virus – einem Erreger, auf den Christian Drosten spezialisiert ist. Der Pandemieplan skizzierte, was auf das Land zukommen könnte und nannte bereits dort drastische Zahlen. Jeder Experte, der diesen Plan kannte, hätte gewarnt sein können.

6. März 2020: Drosten rät von Schulschließungen ab

Ebenfalls im selben Interview mit der „NOZ” hält es Drosten für möglich, dass in Deutschland langfristig eine Viertelmillion Menschen am Coronavirus sterben könnte. Das Virus werde sich erst dann nicht weiterverbreiten, wenn zwei von drei Menschen zumindest vorübergehend immun seien, weil sie die Infektion schon hinter sich hätten, sagt der Virologe. Mit Impfungen kann er zu diesem Zeitpunkt noch nicht rechnen – da die Entwicklung eines neuen Impfstoffes in der Regel mehrere Jahre dauert.

Drosten befürwortet Anfang März zwar ein Verbot von Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern, ist aber der Ansicht, es sei für Schulschließungen „noch zu früh“.

Zum damaligen Zeitpunkt ist tatsächlich noch sehr wenig darüber bekannt, wie anfällig Kinder wirklich für eine Corona-Infektion sind. Bis heute gibt es Hinweise darauf, dass sich Kinder – insbesondere mit der ursprünglichen Variante des Coronavirus – weniger leicht infizieren. Hiermit lag Drosten also bereits Anfang März richtig. Allerdings können Schul- und Kitaschließungen laut derzeitigem Forschungsstand durchaus dazu beitragen, dass weniger Infektionen in die Haushalte hineingetragen werden.

18. März 2020: Streeck spricht weiter von niedriger Sterblichkeitsrate

Die Sterblichkeitsrate liege bei „ungefähr 0,2, 0,3 Prozent“, sagt der Virologe Hendrik Streeck im März bei „stern TV“ – und liegt damit wieder daneben. „Wäre uns nicht aufgefallen, dass es das Virus gibt, hätte man vielleicht gesagt, wir haben eine schwerere Grippewelle gehabt dieses Jahr“, behauptet Streeck sogar immer noch.

Mittlerweile gilt als gesichert: In Ländern wie Deutschland ist die Sterblichkeit durch Covid-19 acht- bis zehnmal so hoch wie bei der Grippe. Allerdings war das zu dem frühen Zeitpunkt in der Pandemie mit weniger Infektions- und Todesfällen schwieriger zu berechnen.

21. März 2020: Drosten glaubt an lange dauernde Pandemie

In einem Interview mit dem „Stern“ sagt Drosten: „Ich glaube aber überhaupt nicht daran, dass wir in irgendeiner absehbaren Zeit wieder Fußballstadien voll machen. Das ist überflüssig. Das wird es bis nächstes Jahr um diese Zeit nicht geben.“ Auf Dinge, die schön seien, aber nicht systemrelevant, werde man lange verzichten. Eine Aussage, die damals noch für großen Wirbel sorgt – sich ein Jahr später aber tatsächlich bewahrheitet hat.

23. März 2020: Kekulé meint, dass Zahlen schnell sinken müssten

Am 22. März ging Deutschland in den ersten Lockdown. Der Virologe Alexander Kekulé hält es daraufhin im Gespräch mit dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ fast für ausgeschlossen, dass man angesichts der extremen Maßnahmen kein „deutliches Sinken“ der Zahlen hinbekomme – und behält größtenteils recht. Anfang April erreicht die Zahl der in der ersten Welle gemeldeten täglichen Corona-Infektionen zwar noch einen Höhepunkt. Dann beginnen die Fallzahlen aber zu sinken.

25. April 2020: Drosten macht Hoffnung für den Sommer und warnt vor Lockerungen

Drosten gibt im April im ORF einen Ausblick auf den Sommer. Dann könne es zunächst aufgrund verschiedener Effekte zu weniger Infektionen kommen. Allerdings laufe man in Kombination mit Lockerungen mit einer „immunologisch naiven“ Bevölkerung in den Winter: „Dann könnte wieder der Lockdown drohen“, warnt Drosten. Direkte Auswirkungen der Lockerungen, die der Virologe befürchtet, bleiben jedoch zunächst einmal aus – es bleibt eines der wenigen Male, an denen sich Drosten mit seinen Prognosen irrt.

Im Sommer sind die Infektionszahlen vergleichsweise niedrig, erst im Herbst steigen sie wieder drastisch an und es kommt zur zweiten Welle in Deutschland.

Bilanz: Experten haben wenig Informationen und wollen keine Panik schüren

Diese Einschätzungen liegen jetzt rund ein Jahr zurück. Wer hat unterm Strich Recht behalten – die Mahner oder die Entspannten? Allen muss man eines zugute halten: Es ist schwierig, die Gefährlichkeit neuer Viren anhand einiger weniger Infektionsfälle abzuschätzen.

Doch insbesondere Experten wie Christian Drosten, die sich schon früh zu Beginn der Pandemie keine Illusion darüber machten, dass dies eine weltweite Pandemie werden würde, von der auch Deutschland nicht ausgenommen sein würde, sollten recht behalten.

Sicherlich war es insbesondere in den ersten Wochen schwierig, mit den wenigen zur Verfügung stehenden Informationen Politik und Öffentlichkeit zu warnen – ohne Panik zu schüren.

Doch das ist etwas nach hinten losgegangen. So ist die Behauptung aus den Anfangswochen der Pandemie – beziehungsweise im Fall von Hendrik Streeck noch Mitte März –, eine Corona-Infektion sei nicht schlimmer als die gewöhnliche Grippe, zum Mantra der Corona-Leugner geworden.

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