Frauengold-Kolumne

Warum Joe Biden und der Biontech-Impfstoff unser Glück sind

Der Impfstoff ist da. Und Joe Biden wird US-Präsident. Die beiden Nachrichten überlagern alles – und sie haben eine Menge gemeinsam.

Ugur Sahin und Özlem Türeci haben ihr Leben der Forschung gewidmet. Sie sind die Köpfe des Corona-Impfstoffes.

Ugur Sahin und Özlem Türeci haben ihr Leben der Forschung gewidmet. Sie sind die Köpfe des Corona-Impfstoffes.

Foto: imago / imago/Sämmer

Berlin.  So viel US-Wahl und Biden , so viel Biontech : Diese Woche war herrlich für uns Journalistinnen (und Journalisten): Ob Presse, Radio und Fernsehen oder Social Media – an den beiden Themen kommt derzeit kein Medium vorbei. Das ist aufregend, bringt Farbe in den derzeit so tristen Alltag. Wen interessieren da die hohen Infektionszahlen? Es gibt gute Gründe, warum wir uns darüber freuen sollten.

1. Biden und der Biontech-Impfstoff: Es sind gute Nachrichten.

Der Impfstoff macht es sehr wahrscheinlich, dass diese Pandemie in absehbarer Zeit vorbei ist. Noch ein Winter in Isolation und Tristesse, noch ein vorsichtiges Frühjahr, dann kommt ein entspannter Sommer und dann sind alle geimpft, so meine schlichte wie optimistische Vorstellung. Kann gut sein, dass im nächsten Winter die Clubs und Restaurants wieder voll und die Theater- und Konzertsäle ausgebucht sind. Und in den Fußballstadien wilde Fans wieder verbotenes Feuerwerk in die Luft schießen.

An einem Präsidenten Joe Biden ist das Wunderbare, dass künftig nicht mehr ein Mensch am Machthebel sitzt, der mit Beratungsresistenz und um sich selbst kreisender Unberechenbarkeit um sich schlägt, sondern ein zwar relativ alter, aber eben sehr erfahrener Politiker künftig mit Besonnenheit regieren wird.

2. Trump ist weg, die Impfung kommt – die ganze Welt ist betroffen

Es geht um Bausteine für die Weltgesundheit und den Weltfrieden. Zu erwarten ist, dass Biden weniger diplomatisches Porzellan zerschlagen wird als Trump . Und dass Corona irgendwann ein Abschnitt der Geschichte sein wird – so wie die spanische Grippe .

Bei aller Euphorie: Betrachten wir die Krankheiten in ihrer Gesamtheit, ist der Corona-Impfstoff allenfalls ein Wimpernschlag. Das gilt natürlich auch mit Blick auf die weltweit bewaffneten Konflikte. Selbst ein US-Präsident kann da nur Stellschrauben drehen.

3. Wir bekommen unser Gefühl der Sicherheit zurück

Ein Virus, das manche Infizierte gar nicht bemerken und andere niederstreckt, wobei immer noch unklar ist, warum, ein Virus, dem selbst westliche Gesundheitssysteme nicht gewachsen sind, macht Angst. So wie eine polternde und populistische Regierung der größten Weltmacht.

Ähnlich war es beim Fall der Mauer und dem Ende der Sowjetunion – damit ging schließlich der Kalte Krieg zu Ende und damit die Bedrohung, in einen alles vernichtenden Atomkrieg zu geraten.

4. Kamala Harris und Özlem Türeci greifen den weißen Mann an

Bislang funktioniert das Gefüge in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft so: Der Unterbau einer weißen, männlichen und westlichen Vorherrschaft ist weiblich, zugewandert oder sonst wie bunt. Das ist im Prinzip bei Joe Biden und Biontech nicht anders. Neu ist: Dieser Unterbau drängt in die Öffentlichkeit – und zerbröselt das alte Gefüge des weißen Mannes .

Schon jetzt ist Kamala Harris, die gewählte Vizepräsidentin, bekannter als es ihre Vorgänger je waren. Auch Joe Biden schaffte diese Popularität als Vize von Barack Obama nicht. Harris, die afro-amerikanische Hoffnungsträgerin mit indischen Wurzeln, wird schon jetzt als die künftige Präsidentin gehandelt.

Sie fasziniert einfach mit ihrer Lebenslust, Intelligenz und Kraft. Es ist ihr durchaus zuzutrauen, dass sie den gewählten US-Präsidenten in den Schatten stellt.

5. Geschlecht und Herkunft – wen interessiert das schon?

Und auch wenn der Biontech-Chef Uğur Şahin heißt: Die Frau hinter dem neuen Impfstoff gegen das Corona-Virus ist Özlem Türeci, die medizinische Geschäftsführerin des Pharma-Unternehmens. An dieser Stelle könnte natürlich lamentiert werden, sie sei von den Medien in den Schatten gestellt worden als Frau an der Seite ihres Mannes Uğur Şahin – der wiederum als Einwanderer- und Arbeiterkind gefeiert wird.

Und ja: Natürlich hat dieses Erstaunen über den Erfolg des Forscherpaares einen toxischen Beigeschmack: Mensch, sind die hochbegabt, lautet der Jubelchor, und das trotz ihrer Herkunft. Da schau her.

Das Schöne ist, siehe die Punkte 1-3: Der Erfolg ist so mächtig und so wichtig, dass die Herkunft der Protagonisten, ihr Geschlecht, die Arbeiterklasse und sonst was so unbedeutend wird wie ein Sack Reis, der in China vom Tisch fällt.

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