Covid-19-Pandemie

Coronavirus: So kam es zum Lockdown im Berchtesgadener Land

Als erste deutsche Region verhängt das Berchtesgadener Land in der zweiten Welle einen Lockdown. Eine der Ursachen ist eine Party.

Verzögerungseffekt: Was sind die besten Corona-Maßnahmen?

Die richtigen Corona-Maßnahmen brauchen Zeit, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Was wirklich hilft, sieht man oft erst später. In der Wirtschaftspolitik heißt dieses Phänomen "Verzögerungseffekt" und er greift auch bei der Coronapandemie.

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Berlin/Bad Reichenhall.  Ausgerechnet das idyllische Berchtesgadener Land. Die ländliche Urlaubsregion im Süden Bayerns hat angesichts explodierender Infektionszahlen als erste Kommune in Deutschland nach der Corona-Welle im Frühjahr wieder einen Lockdown verhängt. Dabei galt unter Experten als ausgemacht, dass die Metropolen die neuen Problemzonen in der Pandemie sind.

Doch nun gelten ab Dienstag um 14 Uhr im gesamten Landkreis Berchtesgadener Land strikte Ausgangsbeschränkungen. Die Allgemeinverfügung ist zunächst auf zwei Wochen befristet.

Lockdown im Berchtesgadener Land: Das sind die Beschränkungen

Das sind die Maßnahmen, die die bayerische Agrarministerin Michaela Kaniber (CSU) am Montagabend nach einer Krisensitzung mit Landrat Bernhard Kern (CSU) und der Regierungspräsidentin von Oberbayern, Maria Els, in Bad Reichenhall bekanntgab:

  • Das Verlassen der eigenen Wohnung ist nur erlaubt, wenn triftige Gründe vorliegen. Dazu gehören der Weg zur Arbeit, Arztbesuche, Einkäufe und Sport.
  • Schulen und Kitas schließen. Es gibt lediglich eine Notbetreuung.
  • Freizeiteinrichtungen aller Art schließen, auch die bekannte Watzmann-Therme. Veranstaltungen werden untersagt, mit Ausnahme von Gottesdiensten.
  • Restaurants, Bars und Hotels schließen. Ausnahmen gibt es unter anderem für Mitnahme-Angebote in der Gastronomie. Übernachtungen für Geschäftsreisende sind weiterhin erlaubt.
  • In Fußgängerzonen der größeren Städte gilt eine Maskenpflicht.

Die höchste Sieben-Tage-Inzidenz in ganz Deutschland

Grundlage für die Lockdown-Entscheidung war die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz: Diese Zahl der Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen war in dem Landkreis an der Grenze zu Österreich rasant gestiegen – am Montagabend lag sie bei 272,8. Das ist deutschlandweit der Spitzenwert.

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Die Landesregierung mit Ministerpräsident Markus Söder (CSU) will am Dienstag erneut über Maßnahmen gegen die Pandemie beraten. Denn die Lage ist in ganz Bayern kritisch.

Insgesamt wurden Corona-Grenzwerte in mehr als der Hälfte aller Kreise und kreisfreien Städte des Freistaats überschritten. 57 Kommunen lagen über der Marke von 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen, 29 davon sogar über 50 neuen Fällen. Doch nirgendwo ist die Lage so brenzlich wie im Berchtesgadener Land. Wie konnte es dazu kommen?

Wieder soll eine Party Auslöser der Ansteckungswelle gewesen sein

Die Corona-Entwicklung im Berchtesgadener Land zeigt exemplarisch, wie schnell es gehen kann: Vor knapp drei Wochen, Anfang Oktober, gab es in dem oberbayerischen Kreis kaum Neuinfektionen. Doch plötzlich sind die Zahlen rasch angestiegen Am Wochenende wurden laut Gesundheitsamt 118 Infektionen gemeldet. Nur, muss man sagen, denn an Wochenenden werden in der Regel weniger Infektionen registriert und an das Robert Koch-Institut (RKI) übermittelt.

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Mit fast 273 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner ist das Berchtesgadener Land nun unrühmlicher Spitzenreiter in der deutschen Hotspot-Rangliste. Lesen Sie auch: Corona: So schlimm wütet die Pandemie in Osteuropa

Die Verantwortlichen rätseln, wie es zu der Infektionswelle kommen konnte. Doch klar ist: Zumindest ein „Ausgangspunkt“, wie es Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Montag sagte, war „auch wieder eine entsprechende Party“.

Das Landratsamt hat reagiert – und Beschränkungen erlassen

Landrat Bernhard Kern hatte schon am Montag vergangener Woche (12. Oktober) berichtet, dass die Zahl der Neuinfektionen über das Wochenende (10. und 11. Oktober) massiv gestiegen sei. Dieser Anstieg sei auf eine Party im Norden des Landkreises zurückzuführen. Neuinfektionen gebe es im ganzen Landkreis, erklärte Kern, aber ein Schwerpunkt liege dort. Nach Angaben des Landratsamtes kletterte die Sieben-Tage-Inzidenz an jenem Montag bereits auf 57,6 Infizierte pro 100.000 Einwohner.

Der Landkreis hat reagiert: Schon am Sonntag (11. Oktober) hatte Landrat Kern an die Bürger und Bürgerinnen appelliert: „Vermeiden Sie jetzt am Sonntag unbedingt kritische Situationen – und halten sie sich an die Hygienevorschriften und Abstandsregeln.“ Lesen Sie dazu: Bringt uns die Corona-Impfung das normale Leben zurück?

Als Reaktion auf den überschrittenen 50er-Grenzwert bei der Sieben-Tage-Inzidenz hatte das Landratsamt am Dienstag (13. Oktober) eine erste Allgemeinverfügung erlassen: Maximal 25 Menschen durften demnach an privaten Feiern teilnehmen. In Bars war es höchstens fünf Personen erlaubt, zusammen an einem Tisch sitzen. Für Restaurants, Bars und Clubs galt eine Sperrstunde.

Appell und erste Maßnahmen haben nicht gefruchtet

All das ist jetzt Makulatur. Und tatsächlich haben weder Kerns Appell noch die neuen Regeln das Infektionsgeschehen eindämmen können. Möglicherweise war es schlicht zu spät – denn zwischen Infektion und dem Auftreten erster Symptome vergehen Experten zufolge zwei bis 14 Tage.

Die aktuelle Statistik spiegelt das Infektionsgeschehen verzögert wider. Viele derjenigen, die nun offiziell als infiziert gemeldet sind, hatten sich mutmaßlich schon vor dem Erlass der ersten Beschränkungen angesteckt. Lesen Sie dazu: Frauen nehmen Coronavirus ernster – und erkranken seltener

Hinzu kommt Unvernunft: Noch am vergangenen Wochenende stellte die Polizei im Berchtesgadener Land in einer Shisha-Bar in Freilassing, einer Stadt bei Salzburg, massive Verstöße gegen die Corona-Beschränkungen fest: Mehr als 100 Personen hielten sich in der Bar auf, aber nicht an die Hygiene- oder Abstandsregeln. Auch die Kontaktdaten der Gäste wurden nicht erfasst.

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Infektionsgeschehen im Berchtesgadener Land mittlerweile „diffus“

Kern zeigte sich am späten Montagabend bei einer Pressekonferenz in Bad Reichenhall ernüchtert: „Vielleicht hat das Ganze nicht gefruchtet“, sagte der Landrat mit Blick auf die zunächst erlassenen Beschränkungen. Nun müssten die „Daumenschrauben“ weiter angezogen werden.

Gemeint ist der Lockdown. Die Verantwortlichen bezeichnen die Maßnahmen als einschneidend, „aber auch notwendig“. So sagte es Regierungspräsidentin Maria Els am Montagabend. Die Infektionen lassen sich nach ihren Angaben nicht mehr auf einzelne Orte zurückführen, sie sind vielmehr diffus und betreffen den ganzen Landkreis. Die Eindämmung des Infektionsgeschehens wird damit weiter erschwert.

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