Jugendmagazin

So skurril ist der Streifzug durch die „Bravo“-Geschichte

| Lesedauer: 4 Minuten
Ein „Bravo“-Cover mit Sängerin Sandra azs dem Jahr 1986.

Ein „Bravo“-Cover mit Sängerin Sandra azs dem Jahr 1986.

Foto: Bravo

Die „Bravo“ öffnet ihr Archiv und lässt Erinnerungen aufleben – an Pop-Idole, wilde Frisuren, Dr. Sommer und ein überholtes Frauenbild.

Berlin. Nach einer Woche war das Heft meist völlig zerfleddert, denn die „Bravo“ war heiße Ware, ging folglich durch viele Hände und musste oftmals unter Kopfkissen versteckt werden: Bei den meisten Eltern galt die Jugendzeitschrift als anrüchig. Für die Teenies der Bundesrepublik aber war sie eine Verbündete, „ein Fenster zur fernen Showwelt, zu meinen Idolen wie AC/DC“, erinnert sich Alex Gernandt.

Der Journalist arbeitete von 1988 bis 2013 für die „Bravo“, war Chefreporter und Chefredakteur: „Aber die Aufklärungsseiten habe ich als Leser früher auch nicht achtlos überblättert.“

Jetzt öffnet die Zeitschrift ihr Archiv und stellt die Ausgaben ihrer goldenen Ära von 1956 bis 1994 ins Internet – um in der Corona-Krise „Licht in dunkle Zeiten“ zu bringen. „Das ist wie ein Trip in vergangene Zeiten, da werden spannende Erinnerungen wach“, sagt Gernandt. Es ist eine Reise durch Musikgeschichte, Kulturgeschichte, Frisurengeschichte, durch Sehnsüchte und Ängste. Es sind 38 Jahre, in denen die Ausrufezeiten und die Superlative zunahmen. Viele der Teenieidole, etwa Uschi Glas, Peter Maffay oder Nena, sind heute würdige Altstars, andere sind längst vergessen.

Marilyn Monroe zierte das erste „Bravo“-Cover

Am 26. August 1956 erschien die erste Ausgabe. Marilyn Monroe war auf dem Cover. „Haben auch Marilyns Kurven geheiratet?“, heißt es kryptisch dazu. Der angekündigte Fortsetzungsroman „Gepeinigt bis aufs Blut“ irritiert, die 50er hatte man sich friedliebender vorgestellt. Über Sex wurde mit den Eltern oder in der Schule nicht gesprochen, die „Bravo“ übernahm die Aufklärung. „Sie nahm die Jugendlichen ernst“, betont Gernandt.

Und, ja, die „Bravo“ war auch lange die einzige Möglichkeit, zu schauen, wie ein anderer Mensch nackt aussieht. So wie Vater den „Playboy“ nicht nur wegen der Interviews kaufte, las man die „Bravo“ nicht nur wegen des Backstage-Reports über Kajagoogoo. 1972 wurden zwei Ausgaben der „Bravo“ als jugendgefährdend eingestuft: „Die sexuelle Reife allein berechtigt nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane“, stand in der Begründung.

Das Geschlechterbild von früher wirkt heute bedenklich

„Dass Liebende und Eheleute auch dann lieben können, wenn sie keine Kinder zeugen wollen, halten Jugendliche immer noch für etwas Verbotenes. Andererseits können sie nicht verstehen, dass man überall auf Fotos und in Filmen nackte Menschen sehen darf“, lautet die Einleitung zur „Bravo“-Serie „Das erste Erlebnis“ in der Ausgabe vom 19. März 1972.

Solchen Doppelbotschaften und einer solchen Spannung zwischen sexualisierter Umwelt und eigener Scham sind Jugendliche heute mehr denn je ausgesetzt. „Im Grunde sind die Fragen und Sorgen der Jugendlichen über Jahre die gleichen geblieben“, sagt die Sozialpädagogin Jutta Stiehler, die 16 Jahre im „Dr. Sommer“-Team der „Bravo“ war.

Hinter den meisten Fragen stecke die Befürchtung, „nicht normal“ zu sein und der Wunsch dazuzugehören. „Und dass sie sich informieren wollten, hieß nicht, dass sie alles auch gleich ausprobieren wollten.“

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Das Geschlechterbild, das bis in die 80er-Jahre vermittelt wurde, erscheint dagegen überholt wie bedenklich: Jungs sind lässig, aber gefährlich. Mädchen bringen sich durch ihre Naivität und falsche Signale in Schwierigkeiten.

So schilderte 1972 eine 15-Jährige eine Begegnung mit einem jungen Mann an einem Badesee: „Auf einmal lag er über mir und fing komische Sachen an.“ Aufklärer „Dr. Alexander Korff“ schrieb dazu: „Der sogenannte Kavalier hat ein hilfloses und dankbares Mädchen ausgenutzt.“ Der Begriff Vergewaltigung fällt nicht. „Ein Mädchen wurde zur Liebe gezwungen“ heißt ein weiterer Artikel – heute undenkbar.

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