Ermittlungen

Flüchtling (15) in Celle erstochen – Kritik am Staatsanwalt

Ein Deutscher soll in Celle einen Iraker getötet haben. Ermittler erkennen kein rassistisches Motiv – und stehen daher in der Kritik.

Die Bushaltestelle in der Bahnhofstraße in Celle, an der ein 15-jähriger Junge tödlich verletzt wurde.

Die Bushaltestelle in der Bahnhofstraße in Celle, an der ein 15-jähriger Junge tödlich verletzt wurde.

Foto: Ole Spata / dpa

Celle. Der gewaltsame Tod eines 15 Jahre alten Flüchtlings beschäftigt die Ermittlungsbehörden in Celle – und ruft Kritik an der Staatsanwaltschaft hervor. Das Opfer – ein jesidischer Kurde, der mit seiner Familie aus dem Irak nach Deutschland geflohen war – wurde am Dienstagabend offenbar grundlos von einem 29-jährigen Deutschen mit einem Messer angegriffen und tödlich verletzt, nachdem er mit dem Fahrrad an ihm vorbeigefahren sein soll.

Der Verdächtige, Daniel S. aus Celle, war nach der Tat von Zeugen festgehalten und schließlich von der Polizei festgenommen worden. Es wurde Haftbefehl wegen Verdachts auf Totschlag erlassen. Am Samstag teilten die Behörden mit, man arbeite weiter „mit Hochdruck“ an der Aufklärung, es würden unter anderem die Social-Media-Accounts des Mannes durchleuchtet. Der Beschuldigte sei mutmaßlich drogenabhängig und „psychisch auffällig“. Ein psychiatrisches Gutachten sei in Auftrag gegeben worden.

Flüchtling in Celle erstochen – Staatsanwaltschaft in der Kritik

Oberstaatsanwalt Lars Janßen ging zunächst davon aus, dass eine psychische Erkrankung die Ursache für die Tat war. Er sehe „keine Anhaltspunkte für einen politischen Hintergrund oder eine rassistische Motivation“, teilte er am Donnerstag mit. Mehrere Gruppierungen, darunter jesidische Vereine, kritisierten die Äußerung. Sie warfen der Staatsanwaltschaft in einer gemeinsamen Erklärung vor, einen möglichen rassistischen Hintergrund kleinzureden. „Psychische Erkrankungen sind kein Widerspruch für ideologische Motive“, hieß es in der Erklärung.

Bereits am Donnerstag hatte „Zeit Online“ berichtet, dass drei Social-Media-Accounts des mutmaßlichen Täters „eine Nähe zu rechtsextremen Verschwörungsideologien“ belegten. Auf Facebook soll sich der Mann unter anderem für Inhalte aus der Reichsbürger-Szene, für antisemitische Beiträge und für Postings von Holocaust-Leugnern interessiert haben. Auch sei er Teil einer Facebook-Community gewesen, die die Erde für eine Scheibe hält. Die Polizei habe bestätigt, dass es sich beim Inhaber der Konten um den Verdächtigen handele.

• Hintergrund: Wie Verschwörungstheorien rechte Gewalt befeuern

Zahl rechtsextremer Straftaten in Deutschland zuletzt angestiegen

Auch die rechtsextremen Attentäter von Halle und Hanau interessierten sich für Ideologien und Theorien von Verschwörungstheoretikern. Der renommierte Terrorismus-Forscher Peter Neumann forderte vor dem Hintergrund dieser Taten im Gespräch mit unserer Redaktion Behörden dazu auf, wachsamer zu sein, was die Verbreitung von rechtsextremen und verschwörungstheoretischen Inhalten im Netz angeht.

Die Zahl rechtsextremer Straftaten in Deutschland war zuletzt größer geworden. Für 2019 meldeten die Behörden einen Anstieg vor allem bei Propagandadelikten und Fälle von Volksverhetzung. Mitte März hatte Innenminister Horst Seehofer erstmals einen Verein aus der Reichsbürger-Szene verboten.

Auch ein prominenter Verfechter von Reichsbürger-Theorien stand zuletzt öffentlich in der Kritik: Xavier Naidoo verlor seinen Job als Jury-Mitglied der RTL-Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“, nachdem Videos in sozialen Netzwerken aufgetaucht waren, in denen der Sänger seine verschwörungstheoretischen Ansichten bekräftigt hatte.

(dpa/br)

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