Verschwörungen

Nach Hanau: Wie Verschwörungstheorien rechte Gewalt befeuern

Der Hanauer Attentäter glaubte an Verschwörungstheorien. Das Gefährliche: Für rechte Verschwörer ist Gewalt oft die letzte Option.

Nach Hanau: Muslime in Deutschland mahnen mehr Schutz an

Nach dem offensichtlich rassistischen Anschlag von Hanau haben die Muslime in Deutschland mehr Schutz und Anerkennung angemahnt. Islamfeindlichkeit müsse klar als Problem benannt und ihr entgegengetreten werden, verlangten der Zentralrat sowie der Koordinationsrat der Muslime in Berlin.

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Berlin. Manche meinen, die Tatsache, dass der Täter des rassistischen Terroranschlags von Hanau an eine ganze Reihe von kruden Verschwörungserzählungen geglaubt hat, zeigt, dass er kein Rechtsextremist war. In seinem Bekennerschreiben fantasierte er von einer angeblichen Überwachung durch ominöse Geheimdienste, von Gedankenkontrolle und Manipulation.

AfD-Chef Jörg Meuthen schrieb über die psychische Verfasstheit des Täters: „Das ist weder rechter noch linker Terror, das ist die wahnhafte Tat eines Irren.“ Vor allem aus dem rechten und rechtsextremen Lager kamen solche Aussagen. Doch pathologisiert man den Attentäter von Hanau, verharmlost man die Tat. Verschwörungsideologien sind nicht nur irre Hirngespinste. Sie sind Teil des Prozesses der Radikalisierung.

Hanau-Anschlag: Auch AfD verbreitet Verschwörungstheorien

Bei Pegida-Demos und AfD-Versammlungen hört man immer wieder Verschwörungserzählungen zum Thema Migration und Islam, mal mit kryptischen Formulierungen verschleiert, mal deutlich formuliert. Der Ursprung so mancher Verschwörungserzählung findet sich im rechtsextremen Milieu. In Online-Communities wird eine angebliche Islamisierung des Abendlandes herbeifantasiert und teils offen dazu aufgerufen, Aktivisten, Journalisten und Politiker zu ermorden.

Das ist kein neues Phänomen. Verschwörungserzählungen sind schon immer ein Brandbeschleuniger für Radikalisierung gewesen. Auch die NS-Propaganda fußte auf antisemitischen Verschwörungserzählungen.

Verschwörungserzählungen sind der Klebstoff, der weite Teile der rechtsextremen Szene zusammenhält. Sie erfüllen eine wichtige Funktion für die innere Stabilität von Gruppen: Wer glaubt, die Regierung würde von bösen Mächten gesteuert werden, der zieht sich aus dem politischen Prozess zurück.

Verschwörungstheoretiker sehen überall Feinde, wo vorher Mitmenschen waren

Damit wird ein “Gut-Böse“-Schema konstruiert. Auf der einen Seite stehen dabei diejenigen, die die angebliche “Wahrheit“ kennen, auf der anderen die “Unwissenden und Verschwörer“. Ein solches Weltbild macht immun gegen jede Form der Kritik.

Kritische Stimmen werden durch die Brille einer Verschwörungsideologie als “Marionetten böser Mächte“ diskreditiert, Medienvertreter, Politiker oder Wissenschaftler kurzerhand zum Teil der Verschwörung erklärt. Je weiter die Radikalisierung fortschreitet, desto schwieriger wird es zu derart “imprägnierten“ Gruppenmitgliedern durchzudringen. Sie sehen die Welt zunehmend durch die Brille der Verschwörungsideologie. Das bedeutet: Sie sehen plötzlich Feinde, wo vorher Mitmenschen waren.

Hanau, Halle, Christchurch: Für Verschwörungstheoretiker ist Gewalt die “letzte Option”

Mit Verweis auf Verschwörungserzählungen wird in rechtsextremen Zirkeln die Anwendung von Gewalt gegen Andersdenkende als “letzte Option“ verkauft. Wer seinen Gefolgsleuten einredet, dass die Politik durch geheime Mächte gesteuert werden würde, erklärt nicht selten im nächsten Atemzug Terrorakte zur angeblichen “Notwehr“.

Dass ein rechtsextremer Attentäter seine Tat mit Verschwörungserzählungen rechtfertigt, ist alles andere als ungewöhnlich. Ähnliches ließ sich bei zahlreichen Taten der letzten Jahre beobachten – von Anders Breivik über Christchurch bis Halle.

Die angebliche Verschwörung erlaubt Tätern, sich als Helden zu sehen

Der Glaube an Verschwörungserzählungen ist für die Attentäter ein zentraler Baustein ihres Selbst- und Weltbildes. Sie erlauben ihnen, sich selbst als Helden im Kampf gegen eine angebliche globale Intrige zu verklären. Der rechtsextreme Attentäter von Norwegen, Anders Breivik, der 2011 77 Menschen ermordete, hat später vor Gericht mit “Notwehr“ argumentiert. Auch sein Bekennerschreiben ist voll von Verschwörungserzählungen gewesen. Der Rechtsextremist sah sich als “Kreuzritter“.

Bei dem rechtsextremen Terroranschlag am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur 2019 in Halle begründete der Täter seine Taten damit, dass er der Überzeugung war, dass Flüchtlinge gezielt nach Europa eingeschleust werden. Die angeblichen Urheber dieser Verschwörung: Juden.

Über den Geisteszustand des Täters von Hanau lässt sich nur spekulieren

Im Nachhinein lässt sich über den Geisteszustand des Täters von Hanau nur spekulieren. Nicht zu leugnen ist allerdings, dass die Tat rassistisch motiviert war. Wenn es im Bekennerschreiben heißt, ganze Völker sollten “ausgelöscht“ werden, ist die politische Motivation eindeutig.

Täter von Hanau war 43-jähriger Deutscher
Täter von Hanau war 43-jähriger Deutscher

Dass er neben seinem rassistischen Weltbild auch von kruden Verschwörungserzählungen überzeugt war, ist nicht ungewöhnlich. Die psychologische Forschung hat gezeigt: Wer an eine Verschwörungserzählung glaubt, hält auch oft weitere für wahr. Es gibt Rechtsextreme, die an UFOs und Echsenmenschen glauben und das mit antisemitischen Verschwörungserzählungen kombinieren.

Die Inszenierung des Anschlags folgt der Logik von Anschlägen wie Halle oder Christchurch

Die zentrale Frage sollte daher nicht sein, ob der Täter von Hanau psychisch krank oder Rassist war. Vieles spricht dafür, dass beides zutrifft. Wichtig ist: Die Tat hat nicht im luftleeren Raum stattgefunden. Die Inszenierung des Terroranschlags folgt der Logik vorangegangen Anschläge wie Halle oder Christchurch.

Auch die Narrative knüpfen an rechtsextreme und rassistische Diskurse an, die in den letzten Jahren immer lauter geworden sind. Es wundert allerdings nicht, dass insbesondere die AfD derartige Zusammenhänge gerne unter den Tisch fallen lässt. Schließlich ist mancher Parteifunktionär eng mit der rechtsextremen Szene vernetzt.

Auf die Partei dürfte in den nächsten Wochen eine unbequeme Diskussion zukommen. Denn diese Tat ist das Produkt einer bewusst gesteuerten Strategie der extremen Rechten. Wer rassistische Mythen verbreitet, die zentral für die Radikalisierung von Attentäter sind, kann nicht hinterher einfach so tun, als habe er nichts damit zu tun.

Es ist klar, dass die AfD sich vor dieser Debatte drücken will. Ebenso klar ist aber auch, dass eine Gesellschaft, die rassistische Morde verhindern will, sich ihrer Verantwortung stellen muss und sich auf solche Ablenkungsmanöver nicht einlassen sollte.

Das sind die Autorinnen dieses Textes:

  • Katharina Nocun ist freie Autorin und beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf Politik und Gesellschaft. Sie bloggt unter kattascha.de und betreibt den Denkangebot Podcast.
  • Pia Lamberty ist Psychologin und forscht zu den psychologischen Hintergründen von Verschwörungsideologien.
  • Ihr gemeinsames Buch „Fake Facts – Wie der Glaube an Verschwörungstheorien unser Denken bestimmt“ wird im Frühsommer 2020 bei Quadriga erscheinen.

Mehr zum Thema: Rechtsextremes Attentat in Hanau

Am 19. Februar erschoss ein rechtsextremer Täter neun Menschen mit Migrationshintergrund. Später wurden auch seine Mutter und der mutmaßliche Attentäter selbst tot aufgefunden. Alle Entwicklungen zum Hanau-Anschlag lesen Sie in unserem News-Blog. Besonders für Betroffene von Rassismus sind Attentate wie der Hanau-Anschlag traumatisierend: Wie Gäste in Berliner Shisha-Bars auf Hanau reagieren. Unser Autor schreibt in einem Kommentar, wie der Staat nach dem Hanau-Anschlag verantworten muss.

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