Boeing 737

Nach Flugzeugabsturz: USA verhängen neue Iran-Sanktionen

176 Menschen starben beim Absturz einer Boeing 737. Es verdichten sich die Hinweise auf einen Abschuss durch eine iranische Rakete.

Flugzeugabsturz im Iran

Wrackteile der ukrainischen Boeing 737 liegen auf einem Feld bei Teheran. Rettungskräfte sind vor Ort, konnten aber nicht mehr helfen. Alle Insassen sind tot.

Beschreibung anzeigen
Teheran. 
  • Nach dem Flugzeug-Absturz mit 176 Toten am Mittwoch im Iran verdichten sich Hinweise auf einen Abschuss
  • Sicherheitsexperten der USA, Kanadas und Großbritanniens glauben an einen Abschuss der Boeing 737
  • Wegen der veränderten Einschätzung der Sicherheitslage hat die Lufthansa Flüge ausgesetzt
  • Iranische Behörden halten an der Behauptung fest, ein technisches Problem habe zum Absturz geführt
  • Die Maschine der Ukraine International Airlines war am 8. Januar in der Nähe Teherans abgestürzt – nur Stunden nach iranischen Angriffen auf US-Stützpunkte im Irak
  • Alle Passagiere und Crew-Mitglieder kamen ums Leben
  • Mindestens vier der Todesopfer lebten in Deutschland, in Nordrhein-Westfalen und in Mainz
  • Der Fall weckt Erinnerungen an den Abschuss der malaysischen Passagiermaschine MH17 2014 über der Ostukraine

Nach dem Flugzeugabsturz im Iran gehen nun auch die USA davon aus, dass die Passagiermaschine abgeschossen wurde. „Wir glauben, dass es wahrscheinlich ist, dass dieses Flugzeug durch eine iranische Rakete abgeschossen wurde“, sagte US-Außenminister Mike Pompeo am Freitag im Weißen Haus. Pompeo betonte aber, man müsse die Untersuchung abwarten.

Zugleich erhöhen die USA den Druck auf Teheran mit neuen Wirtschaftssanktionen. Diese betreffen unter anderem den Stahlsektor des Landes und ranghohe Vertreter des Regimes, die in die jüngsten Attacken auf US-Truppen involviert gewesen sein sollen.

Schon zuvor hatten die USA etliche Strafmaßnahmen gegen den Iran verhängt. Sie zielen insbesondere auf den Ölsektor und den Bankensektor ab - zwei Lebensadern der iranischen Volkswirtschaft. Die Amerikaner wollen damit erreichen, dass der Iran sein Raketenprogramm aufgibt.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg gab unterdessen bekannt, die Annahme zu unterstützen, der Iran habe das Passagierflugzeug abgeschossen. Es gebe keinen Grund, den Berichten mehrerer Nato-Partner nicht zu glauben, sagte Stoltenberg am Freitag am Rande eines Sondertreffens der EU-Außenminister in Brüssel. Nun brauche es gründliche Ermittlungen. Dafür sei es besonders wichtig, dass der Iran sich an diesen Untersuchungen beteilige.

Ähnlich äußerte sich Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD). Er hält einen versehentlichen Abschuss der ukrainischen Passagiermaschine im Iran für möglich. Derzeit müsse davon ausgegangen werden, dass das Unglück „möglicherweise“ durch den „irrtümlichen Abschuss einer Flugabwehrrakete“ verursacht worden sei, sagte Maas am Freitag in Brüssel. Dies sei „mehr als tragisch“.

Flugzeugabsturz Boeing 737 im Iran: Trump hat „einen Verdacht“

Der US-Sender CBS hatte zuvor berichtet, US-Geheimdienste hätten Signale von einem Radar empfangen, das eingeschaltet worden sei. US-Satelliten hätten außerdem den Start von zwei Boden-Luft-Raketen kurz vor der Explosion des Flugzeugs entdeckt. Der Theorie eines versehentlichen Abschusses durch den Iran lägen die Analyse von Satelliten-, Radar- und anderen elektronischen Daten zugrunde, berichtet CNN. Diese würden routinemäßig vom US-Militär und den Geheimdiensten gesammelt.

Kanadas Premierminister Justin Trudeau hatte in einer TV-Ansprache gesagt, man habe Informationen, dass die Boeing von einer iranischen Rakete getroffen worden sei. Unter den 176 Toten waren 63 Kanadier.

Trudeau sagte, „verschiedene“ Geheimdienstinformationen deuteten darauf hin, dass die Maschine „von einer iranischen Boden-Luft-Rakete abgeschossen wurde“. Dies könnte nach seinen Worten „unabsichtlich“ geschehen sein.

US-Präsident Donald Trump hatte zuvor schon Mutmaßungen über die Absturzursache der Maschine angeheizt. „Ich habe meinen Verdacht“, sagte Trump am Donnerstag im Weißen Haus. „Ich will das nicht sagen, weil andere Menschen auch diesen Verdacht haben. Es ist eine tragische Angelegenheit.“ Trump sagte weiter: „Jemand könnte einen Fehler gemacht haben.“

Lufthansa-Flugzeug muss umkehren – Flüge bis Ende Januar gestrichen

Die größte deutsche Fluglinie setzt nach einer veränderten Situation Flüge in den Iran aus. So fliege die Lufthansa bis zum 20. Januar nicht mehr nach Teheran, wie am Freitag bekannt wurde.

Auch die Lufthansa-Tochter Austrian Airlines setzt seine Flüge nach Teheran aus. Die Entscheidung sei „aufgrund der aktuellen Meldungen und der veränderten Einschätzung der Sicherheitslage für den Luftraum rund um den Flughafen in Teheran“ erfolgt.

Die Lufthansa hatte zuvor am Donnerstagabend ein Flugzeug auf dem Weg in die iranische Hauptstadt Teheran umkehren lassen. Grund sei eine veränderte Einschätzung der Sicherheitslage für den Luftraum um den Flughafen Teheran, sagte ein Sprecher. Das Flugzeug mit der Flugnummer LH 600 kehrte nach Frankfurt um. Die Maßnahme sei rein vorsorglich, hieß es. Auch eine Austrian-Maschine war am Donnerstag umgedreht.

Erst am Donnerstagvormittag hatte die Lufthansa erklärt, nach eintägiger Unterbrechung wegen der Zuspitzung des Iran-Konflikts ihre Flüge in die iranische Hauptstadt wieder aufzunehmen.

Flugzeugabsturz: Iran hält an technischem Defekt fest

Die iranischen Behörden hatten am Donnerstag erneut bekräftigt, dass eine technische Ursache zu der Katastrophe geführt habe. „Wegen eines technischen Defekts hat die Maschine Feuer gefangen, und dies führte zum Absturz“, sagte Verkehrs- und Transportminister Mohammed Eslami der Nachrichtenagentur Isna.

Spekulationen über einen „verdächtigen“ Absturz und Gerüchte über einen Abschuss der Boeing 737 oder eine Terroroperation seien alle falsch, sagte der Minister. Wie er zu diesen Erkenntnissen kam, sagte Eslami nicht.

Videografik: So funktioniert ein Flugschreiber
Videografik- So funktioniert ein Flugschreiber

Die iranischen Behörden hatten bereits kurz nach dem Vorfall von einem technischen Defekt gesprochen, ohne aber zu erklären, worauf sie sich bei ihrer Einschätzung berufen. Irans Präsident Hassan Ruhani forderte später vom Verkehrsministerium und der Luftfahrtbehörde eine lückenlose Aufklärung, wie der Nachrichtensender Chabar berichtete.

CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak hat nach dem möglichen Abschuss Sanktionen gegen den Iran ins Spiel gebracht. Diejenigen, die verantwortlich sind für eine solche Tat, müssen zur Rechenschaft gezogen werden“, sagte Ziemiak am Freitag der „Bild“-Zeitung.

Sollte sich bewahrheiten, dass der Iran das Flugzeug abgeschossen habe - worauf aus Sicht Ziemiaks alles hindeute, dann dürfe das Verhalten nicht folgenlos bleiben. Auch nach dem Abschuss von MH17 in der Ukraine habe man die Sanktionen gegen Russland erhöht, argumentierte Ziemiak. „Dieses Terror-Regime, das Terror auch unterstützt in der ganzen Region und der Welt, muss die Konsequenzen seines Handelns spüren.“

Teheran will Blackboxen an Ukraine übergeben

Die ukrainische Regierung zieht momentan vier Versionen in Betracht: Alexej Danilow vom ukrainischen Sicherheitsrat schrieb auf Facebook, es sei möglich, dass die Maschine von einer Rakete des russischen Typs „Tor“ getroffen worden sei. Deshalb seien Experten an der Untersuchung beteiligt, die bereits 2014 beim Abschuss des malaysischen Fluges MH17 durch eine Flugabwehrrakete über der Ostukraine ermittelt hätten. Geprüft werden auch ein Zusammenstoß mit einem Flugobjekt wie etwa einer Drohne, ein Triebwerksschaden und ein Terroranschlag.

Der Iran will nach gründlichen Untersuchungen die beiden Blackboxen an die Ukraine übergeben. Das kündigte die Luftfahrtbehörde an. Laut Staatsanwaltschaft in Teheran sollten auch die Leichen an die ukrainischen Behörden übergeben werden.

Bei dem Absturz waren nach Angaben der ukrainischen Regierung alle Insassen ums Leben gekommen. Das Flugzeug war am Mittwochmorgen kurz nach dem Start in Teheran abgestürzt, nach iranischen Angaben waren 176 Menschen an Bord. Die Boeing 737 war auf dem Weg nach Kiew.

Boeing 737 abgestürzt: Doktorandin aus Mainz unter den Opfern

Eine der Toten ist offenbar eine Doktorandin aus Mainz. Das Max-Planck-Institut für Polymerforschung veröffentlichte auf seiner Webseite eine Traueranzeige für eine 29-jährige Forscherin: Sie sei bei „einem tragischen Zwischenfall“ in der Nähe ihrer Heimatstadt Teheran gestorben. Zuerst hatte die „Allgemeine Zeitung“ berichtet.

Auch eine Familie aus Nordrhein-Westfalen kam offenbar beim dem Absturz ums Leben. Es handele sich um eine Afghanin (30), ihre Tochter (8) und ihren Sohn (5), die seit mehreren Jahren in Werl bei Soest lebten – dies sagte der Bürgermeister der Stadt, Michael Grossmann (CDU), der Deutschen Presse-Agentur.

Er berief sich auf den in Werl lebenden Bruder der Frau. Die Familie habe er gekannt. „Man nimmt jeden Tag Katastrophen zur Kenntnis, und dann erlebt man hautnah, dass Menschen betroffen sind, die man gut kennt. Plötzlich bekommt die Katastrophe ein Gesicht. Das geht mir sehr nah“, sagte er dem „Soester Anzeiger“.

Iran: Karte zeigt Luftlinie

Eine Google-Maps-Karte zeigt, wie weit Kiew und Teheran voneinander entfernt liegen.

Der Vorfall fällt in die politisch angespannte Lage im Nahen Osten. In den vergangenen Tagen hat sich der Konflikt des Irans mit den USA dramatisch zugespitzt. Wenige Stunden vor dem Absturz hatte es einen iranischen Vergeltungsangriff auf US-Soldaten im Irak gegeben, eine Reaktion von US-Präsident Donald Trump steht noch aus.

Ukraine will die Ursache für den Flugzeugabsturz selbst aufklären

Spezialisten aus der Ukraine waren nach dem Crash in den Iran gereist. Sie sollten bei der Identifizierung der Passagiere der Boeing 737 helfen.

Die Ukraine will selbst zur Absturz-Ursache ermitteln. „Ich habe den Generalstaatsanwalt angewiesen, ein Strafverfahren zu eröffnen“, sagte Präsident Wolodymyr Selenskyj. Die Kommission, die den Absturz untersuchen soll, soll aus Vertretern der staatlichen Ermittlungsbehörden und den Experten für zivile Luftfahrt bestehen. „Wir müssen allen möglichen Versionen nachgehen“, sagte Selenskyj.

Handy-Bilder zeigen Flugzeugabsturz in Teheran
Handy-Bilder zeigen Flugzeugabsturz in Teheran

Maschine zwei Tage vor Absturz gecheckt

Der Fluggesellschaft Ukraine International zufolge war die Maschine vom Typ Boeing 737 mit Baujahr 2016 direkt beim Hersteller erworben worden. Die Maschine habe erst am Montag die reguläre technische Überprüfung durchlaufen.

Nach Angaben des ukrainischen Außenministers stammten die Opfer aus sieben verschiedenen Ländern. 82 seien Iraner gewesen, 63 stammten aus Kanada. Unter den Opfern seien auch Briten, Schweden, Ukrainer und Afghanen. Die Behörden in Kiew kündigten an, die Passagierliste zu veröffentlichen.

Iran: Boeing 737 abgestürzt – US-Hersteller reagiert auf Twitter

Der US-amerikanische Hersteller Boeing twitterte am Mittwoch: „Uns sind die Medienberichte aus dem Iran bekannt und wir tragen gerade mehr Informationen zusammen.“

Der Fall weckt Erinnerungen an Flug MH17. 2014 wurde ein Flugzeug von Malaysia Airlines von einer Buk-Rakete über der Ostukraine abgeschossen. Ermittlungen zufolge stammte die Rakete vom russischen Militär.

Damals wurden 298 Menschen unter bis heute nicht völlig geklärten Umständen durch eine Luftabwehrrakete plötzlich in den Tod gerissen.

Iran: Flugverbot für US-Flugzeuge wegen Verwechslungsgefahr

Kurz nach den iranischen Raketenangriffen auf Militärstützpunkte im Irak hatte die amerikanische Luftfahrtbehörde FAA US-Flugzeugen die Nutzung des Luftraums in Teilen des Nahen Ostens untersagt.

Über dem Persischen Golf, dem Golf vom Oman, im Irak und im Iran dürften in den USA registrierte Flugzeuge „wegen erhöhter militärischer Aktivitäten und steigender politischer Spannungen“ nicht mehr operieren, hieß es in einer Mitteilung am Dienstag (Ortszeit). Es gebe ein erhöhtes Risiko, das ein Flugobjekt falsch identifiziert werde.

Raketenangriffe als Revanche für Tötung von iranischem General Soleimani

Die vom US-Verteidigungsministerium bestätigten Attacken auf die amerikanisch genutzten Militärstützpunkte Ain al-Assad im Zentrum des Iraks und eine Basis in der nördlichen Stadt Erbil in der Nacht zum Mittwoch galten als Revanche für die Tötung des iranischen Top-Generals Ghassem Soleimani durch einen US-Luftschlag.

Weltweite Reaktionen auf den Tod von General Soleimani
Weltweite Reaktionen auf den Tod von General Soleimani

Der Iran und die USA hatten sich seit Tagen mit martialischen Drohungen überzogen. So drohte Trump etwa mit Angriffen auf 52 iranische Ziele. Eine Eskalation wird dadurch nicht unwahrscheinlicher:Warum der Konflikt zwischen dem Iran und den USA so brandgefährlich ist. Das deutsche Verteidigungsministerium reagierte bereits: Bundeswehr und Nato zogen wegen der Spannungen im Nahen Osten bereits Soldaten aus dem Irak ab.

(dpa/afp/cho/les/ac)