Tierpark

Serengeti-Park: Wie es zu der gefährlichen Löwen-Attacke kam

Die Fütterung der Löwen im Serengeti-Park in Hodenhagen war im Gang, als ein Tierpfleger das Gehege betrat. Er wurde schwer verletzt.

Nicht so friedlich wie auf diesem Bild ging es in Hodenhagen zu, als ein Tierpfleger zwei Löwen bei der Fütterung störte.

Nicht so friedlich wie auf diesem Bild ging es in Hodenhagen zu, als ein Tierpfleger zwei Löwen bei der Fütterung störte.

Foto: Waltraud Grubitzsch / dpa

Hodenhagen. Die Bisswunden im Brustbereich sind tief, mehrere Rippen gebrochen. Fünf Stunden lang operieren die Ärzte den schwer verletzten Tierpfleger im Krankenhaus in Hannover. Mittlerweile ist klar, dass das Leben des Mannes nicht in Gefahr ist. „Er wird körperlich wieder genesen“, versichert Asta Knoth, die Sprecherin des Serengeti-Parks in der Lüneburger Heide, gegenüber unserer Redaktion.

Der Schock über die blutige Attacke sitzt bei den Mitarbeitern tief. Es waren zwei ausgewachsene männliche Löwen, die den 24-jährigen Tierpfleger am Samstag angefallen haben. „Wir können von einem Wunder reden“, staunt Geschäftsführer Fabrizio Sepe am Sonntag, „dass der junge Kollege noch lebt.“ Wie konnte es zu der Attacke kommen? „Wir konnten nach der Operation noch nicht mit unserem Kollegen sprechen. Offensichtlich war es so, dass er eine Sekunde nicht aufgepasst hat“, sagt Asta Knoth.


Fataler Fehler führt zur Katastrophe

Denn es gebe eine goldene Regel für die Arbeit mit Raubtieren: Bevor ein Mensch den umzäunten Bereich betritt, muss er sich versichern, dass die Tiere in den fest verschlossenen Stallungen sind. Das hat der 24-Jährige, der als erfahrener Tierpfleger gilt, wohl nicht getan, als er am Samstag um kurz vor 10 Uhr die Tür zum Gehege öffnete.

Dort werden zwei kastrierte afrikanische Löwen getrennt von den anderen Löwen gehalten, weil sie sich mit dem Rudel nicht verstehen. Die für Besucher einsehbare Außenanlage dürfen diese beiden Tiere erst nach der Fütterung betreten, die Nächte verbringen sie in Boxen. Dann müssen sich dramatische Szenen abgespielt haben – Augenzeugen gab es zunächst nicht. Es dauerte einige Augenblicke, bis der Mitarbeiter seinen folgenschweren Fehler bemerkte. „Er war schon einige Meter innerhalb der Anlage unterwegs, als er sah, dass die beiden Löwen draußen waren“, schildert Knoth.

Der Mann versuchte noch, das Tor zu erreichen, doch die jeweils elf Jahre alten und 280 Kilo schweren Tiere waren schneller. „Da greift der Jagdinstinkt“, weiß Knoth. Die Löwen fielen über ihn her, bissen mehrmals zu, der Mitarbeiter schrie um Hilfe. Zwei Kollegen hörten das und lenkten die Tiere durch laute Geräusche ab. Schließlich gelang es ihnen, den blutenden 24-Jährigen in Sicherheit zu bringen.

Für Serengeti-Park ist Angriff ein PR-Gau

Wie lange er den Löwen ausgeliefert war, ist unklar. Die zur Rettung geeilten Kollegen wurden zwar von der Polizei befragt, konnten aber keine verlässlichen Angaben zur Zeitspanne machen.

Der Verletzte wurde per Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen. Er war wach und ansprechbar. Sein Glück war es wohl, dass die Löwen kurz vorher gefüttert worden waren. Dazu werden Fleischbrocken an Bäume gehängt oder im Gehege versteckt, um die Raubkatzen zu beschäftigen. Hungrig waren sie also nicht mehr.

Für den Serengeti-Park bedeutet der Angriff einen PR-Gau. Der 1974 gegründete Freiluftzoo lebt vom Vertrauen seiner Besucher – die fahren in Autos und Bussen auf einer gut zehn Kilometer langen Strecke durch den Park und begegnen dabei Giraffen, Nashörnern, Zebras, Elefanten und vielen anderen Tieren. Vor fünf Jahren sprang ein Löwe mit einem Satz in die Scheibe eines Safari-Busses, zerschlug sie und blieb kurz mit den Vorderpfoten hängen. Direkt hinter der zertrümmerten Scheibe saß damals eine Familie, die durch Glassplitter leicht verletzt wurde.

Geschäftsführer Fabrizio Sepe versichert, dass das Publikum dieses Mal nicht in Gefahr gewesen sei. Er gibt sich alle Mühe, seine Löwen zu verteidigen. Keine blutrünstigen Bestien seien sie, sagt er. Und beteuert, dass der Angriff dem Jagdtrieb geschuldet und daher eine natürliche Verhaltensweise gewesen sei. „Dramatisch und tragisch, aber ein normales Verhalten.“

Ein Verhalten, dem in Deutschland bereits mehrere Tierpfleger zum Opfer fielen. 2013 tötete ein Tiger im Münsteraner Zoo vor den Augen der Besucher einen 56-Jährigen während der Fütterung – das Tier war zuvor zwar in einen Käfig gesperrt worden, die Tür war jedoch versehentlich offen, weshalb der Tiger entweichen konnte.

„Man muss von menschlichem Versagen ausgehen“

2012 biss ein Tiger eine 43-jährige Revierleiterin im Kölner Zoo tot, als sie das Gehege säubern wollte – eine Sicherheitsschleuse war nicht richtig verschlossen. Wobei es nicht nur Großkatzen sind, die für Gefahr sorgen. Im Juni 2012 verletzte ein 20 Kilo schwerer Otter eine Putzfrau im Hamburger Tierpark Hagenbeck.

Der Marder war durch ein Loch im Zaun aus seinem Gehege entkommen und hatte die Mitarbeiterin überrascht, als sie gerade eine Sitzbank putzen wollte.

Mit Raubkatzen gibt es in Zoos und Safari-Parks immer wieder Unfälle: Eine Löwin biss in einem Wildreservat in Südafrika letztes Jahr eine junge Frau zu Tode. Auch ein Dompteur wurde in Frankreich vor zwei Jahren von seinem Löwen schwer verletzt. Im Dezember 2018 wurde eine junge Praktikantin in einem Zoo im US-Bundesstaat North Carolina von einem Löwen angegriffen und getötet.

„Man kann den Löwen keinen Vorwurf machen“, betont in ­Hodenhagen Asta Knoth. Das Unglück wird den Park lange beschäftigen. Es gibt offene Fragen. Warum etwa hat der Pfleger das Gehege betreten, obwohl dort schon das Fleisch für die Tiere verteilt worden war? „Völlig unerklärlich“ findet Knoth das. „So schlimm ich das Wort in diesem Zusammenhang auch finde: Man muss von menschlichem Versagen ausgehen.“ (Jonas Erlenkämper)

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