Verhandlung

Niels Högel gesteht 100 Morde – Bedrückender Prozessauftakt

Wegen zweier Morde ist Ex-Krankenpfleger schon verurteilt. Jetzt gesteht er 100 weitere. Der Prozess in Oldenburg beginnt bedrückend.

Ex-Krankenpfleger Niels Högel verbarg zum Prozessauftakt sein Gesicht vor den Fotografen im Gerichtssaal in Oldenburg.

Ex-Krankenpfleger Niels Högel verbarg zum Prozessauftakt sein Gesicht vor den Fotografen im Gerichtssaal in Oldenburg.

Foto: POOL / REUTERS

Oldenburg.  Stummes Entsetzen, Fassungslosigkeit, Totenstille: Mit einer Schweigeminute begann am Dienstag der Prozess um die wohl größte Mordserie in der deutschen Nachkriegszeit. Angeklagt: Niels Högel, 41 Jahre. Dunkle Haare, hohe Stirn, Vollbart, blässliches Gesicht. Ein Mann, der mehr als 100 Menschen umgebracht haben soll. Die Staatsanwaltschaft will das beweisen. Die Anklageschrift ist lang. Die Vorwürfe: erdrückend.

70 Minuten dauerte allein die Verlesung der Todesliste – nervenaufreibend vor allem für einige Dutzend der insgesamt 120 Nebenkläger, die beim Prozessauftakt dabei sind. Es sind Angehörige jener Menschen, die Niels Högel schützen sollte, die er aber getötet haben soll. Jedes einzelne der 100 Opfer zählt Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann auf, jeden Tatort, jede Tatzeit, alles minutiös rekonstruiert. Eine bedrückende Stimmung greift Raum im Saal.

„Ja“, sagt Högel – die Vorwürfe treffen zu

Dass der Angeklagte ein überraschendes Geständnis ablegt, geht im Publikum beinahe unter. Die allgemeine Frage des Vorsitzenden Richters Sebastian Bührmann, ob die Vorwürfe im Grundsatz so zutreffen, beantwortet Högel mit einem leisen „Ja“.

Alles in diesem Verfahren wirkt groß, kalt und befremdlich. Auch der Gerichtssaal, die Weser-Ems-Halle in Oldenburg. Messen und Kongresse finden hier sonst statt, Sportveranstaltungen, Konzerte und Comedy-Shows. Am Dienstag dominiert der Schrecken. Gleich nach Prozessbeginn bittet Richter Bührmann alle Anwesenden, sich für eine Schweigeminute zu erheben. Es ist eine Geste für die Hinterbliebenen im Saal.

„Alle ihre Angehörigen haben es verdient, dass man ihnen in Ehren gedenkt“, sagt Bührmann. Er meint es unabhängig davon, ob der Angeklagte etwas mit deren Tod zu tun hat. Denn: „Ein jedes dieser Menschenleben ist so viel wert wie ein anderes“, egal ob es von Högels Hand ausgelöscht worden sei oder nicht. „Wir werden uns bemühen und mit allen Kräften nach der Wahrheit suchen“, verspricht der Richter den Angehörigen.

Niels Högel ist schon zu Lebenslang verurteilt

Dann wendet er sich dem Angeklagten zu. Mit ihm hat er eine Vorgeschichte. Er hat Högel bereits verurteilt. Wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuches und versuchten Totschlags bekam der Ex-Pfleger lebenslang mit anschließender Sicherungsverwahrung. Es ist die höchste Strafe, die es in Deutschland gibt.

Aber in diesem Prozess geht es nicht mehr um Strafe. Es geht um die Angehörigen. Um Gewissheit und Erleichterung. Darum, endlich Ruhe finden und innerlich Abschied nehmen zu können. „Sie wollen dem Angeklagten in die Augen schauen“, sagt Nebenklage-Anwältin Gaby Lübben.

Einzigartig in der deutschen Kriminalgeschichte

Doch mit der Gewissheit ist das so eine Sache. Denn einerseits erinnert sich Niels Högel nur noch recht mühsam und sporadisch an einzelne Taten, so viele waren es. Und wenn er sich erinnert, „dann weniger an die Namen, eher an die Krankengeschichte“, wie Richter Brühmann weiß. Erst kurz vor Prozessbeginn fiel dem Angeklagten in einer Vernehmung ein weiterer Fall ein. Andererseits können potenzielle weitere Taten nicht aufgeklärt werden, weil die möglichen Opfer feuerbestattet wurden. Exhumierungen, die in den anderen Fällen die entscheidenden Befunde ergaben, scheiden hier als Beweismittel aus.

Die Dimensionen des Falles sind einzigartig in der deutschen Kriminalgeschichte: Zwischen 2000 und 2005 soll Högel an den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst weit mehr als 100 Patienten getötet haben. Während seiner Dienstzeiten spritzt er den Opfern eine Überdosis von Medikamenten, die akute Herzprobleme auslösen – „um seine Renanimationskünste zu demonstrieren und um seine Langeweile zu bekämpfen“, so die Staatsanwaltschaft.

Högel benutzt für seine Taten die Medikamente Gilurytmal, Kalium, Sotalex, Xylocain und Cordarex. Am häufigsten greift er zum Herzmittel Gilurytmal. Der Angeklagte habe aus niedrigen Beweggründen und heimtückisch gehandelt, so Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann.

Krankenschwester ertappte Högel

Die tödlichen Einsätze fallen erst auf, als ihn eine Krankenschwester 2005 auf frischer Tat ertappt. 2006 wird der Pfleger wegen versuchten Totschlags in einem Fall zu fünf Jahren Haft und einem befristeten Berufsverbot verurteilt. Weil das Urteil in Revision geht, kann er noch in zwei Altenheimen als Pfleger arbeiten.

Im Revisionsverfahren 2008 wird die Strafe wegen versuchten Mordes auf siebeneinhalb Jahre Haft erhöht. Auf Drängen der Tochter eines Opfers werden 2009 acht Leichen exhumiert. In fünf Fällen entdecken die Ermittler Gilurytmal; Högel wird daraufhin im Februar 2015 wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

Die Sonderkommission „Kardio“ untersucht schon ab November 2014 alle fragwürdigen Todesfälle während der Dienstzeiten von Högel. Mehr als 500 Patientenakten werden ausgewertet. Die Staatsanwaltschaft lässt 134 Leichen auf 67 Friedhöfen ausgraben. In 99 Fällen finden sich auffällige Spuren von Medikamenten. 64 der Opfer starben am Klinikum Delmenhorst, 35 in Oldenburg. In bislang 174 Fällen wird gegen Högel ermittelt.

Prozess läuft wohl mindestens bis Mai

Zum Prozessauftakt erzählte der Ex-Pfleger aus seinem Leben. Geboren in Wilhelmshaven, der Vater Krankenpfleger, die Mutter Rechtsanwaltsgehilfin. Er sei „behütet und geschützt aufgewachsen“, ohne jede Gewalterfahrung. Die Oma, eine Krankenschwester, habe viel von zufriedenen Patienten erzählt, so habe er sich für den Pflegeberuf interessiert. Högel wird Krankenpfleger, macht eine zusätzliche Ausbildung für den Rettungsdienst. „Ich hätte eine Menge Potenzial“, habe ihm sein Chef gesagt. Deshalb habe er sich im Klinikum Oldenburg beworben.

Eingesetzt wird er dort in der Herzchirurgie, auf Station 211, die Högel nur „Zwo-Elf“ nennt. Stress und Leistungsdruck seien ihm nicht gut bekommen, erzählt er. Er habe Schmerzmittel und Opiate geschluckt, „irgendwann immer mehr gebraucht“ gegen Unruhe und Ängste. In der Zeit habe ihn sein Vater gefragt, ob er dort gut aufgehoben sei. Högels Antwort: „Ja.“ Geweint habe er später.

Zu den mutmaßlichen Morden wird Högel an den nächsten Verhandlungstagen gehört. 24 Prozesstermine sind bisher angesetzt. Sie reichen bis in den Mai 2019. 23 Zeugen sowie elf toxikologische und rechtsmedizinische Sachverständige sind geladen.