Justiz

100 Patienten getötet – Ex-Krankenpfleger gesteht Morde

Niels Högel muss sich wegen der Todesfälle von 100 Patienten verantworten. Am Dienstag gestand der ehemalige Krankenpfleger die Taten.

Niels Högel im Landgericht Oldenburg während des Prozesses.

Niels Högel im Landgericht Oldenburg während des Prozesses.

Foto: POOL / REUTERS

Oldenburg.  Der frühere Krankenpfleger Niels Högel hat in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst in Niedersachsen jahrelang Patienten umgebracht – so viele, dass die Ermittler von der wohl größten Mordserie in der deutschen Nachkriegsgeschichte sprechen. Am Dienstag startete ein neuer Prozess – und förderte direkt eine ganz neue Dimension der Taten zutage.

Högel, bereits zu lebenslanger Haft verurteilt, räumte ein, weitere 100 Menschen, ehemalige Patienten von ihm, getötet zu haben. Auf eine Nachfrage des Vorsitzenden Richters, ob die 100 Vorwürfe vom Missbrauch an Patienten bis zur Todesfolge größtenteils zuträfen, antwortete der 41-Jährige leise und knapp: „Ja“.

Zuvor war der Prozess mit einer Schweigeminute losgegangen. Der Vorsitzende Richter, Sebastian Bührmann, betonte, er wolle insbesondere an die Menschen erinnern, die nicht mehr im Gerichtssaal sein könnten. „Wir werden uns bemühen und mit allen Kräften nach der Wahrheit suchen“, versprach Bührmann. An Högel gerichtet sagte er: „Ich werde mit Ihnen fair verhandeln, ich werde mit Ihnen offen verhandeln in guten Sachen wie in schlechten Dingen.“

Zahl der mutmaßlichen Opfer liegt bei 106

Zunächst hatte der Prozess 99 Todesfälle klären sollen. Bei Befragungen durch einen Psychiater hatte sich Högel allerdings an einen zusätzlichen Fall erinnert. Damit erhöht sich die Zahl seiner mutmaßlichen Opfer auf insgesamt 106.

Högel wurde vor drei Jahren schon wegen des Todes von sechs Patienten auf einer Delmenhorster Intensivstation zur Höchststrafe verurteilt. Dabei wurde auch die besondere Schwere der Schuld festgestellt. Daran wird auch der aktuelle Prozess nichts ändern. Allerdings könnte das Urteil Folgen haben, wann und ob er überhaupt jemals wieder auf freien Fuß kommt.

Högel hatte dem Vorsitzenden Richter Sebastian Bührmann schon vor seinem Geständnis zugestanden, im Prozess aussagen zu wollen. Der 41-Jährige antwortete zunächst auf Fragen zu seiner Erziehung und der Berufswahl. Er sei in Wilhelmshaven geboren und „behütet und beschützt“ und ohne Gewalt aufgewachsen. Als Vorbilder auch für seinen Berufswunsch Krankenpfleger nannte er seine Großmutter und seinen Vater, die beide den Beruf ausübten.

Hat Niels Högel aus Langeweile getötet?

Zwischen 2000 und 2005 soll Högel nach Ansicht der Staatsanwaltschaft immer wieder Patienten ein Medikament gespritzt haben, das tödliche Nebenwirkungen hatte. Anschließend versuchte er, seine Opfer wiederzubeleben – was in vielen Fällen misslang.

Er soll dies aus Langeweile getan haben – und um vor Kollegen mit seinen Wiederbelebungskünsten zu glänzen.

In beiden Krankenhäusern schöpften Kollegen Verdacht, schritten aber nicht ein, obwohl es nach Ansicht der Ermittler konkrete Hinweise auf die Taten gab. Vier frühere Kollegen von Högel am Klinikum Delmenhorst werden sich deshalb wegen Totschlags durch Unterlassen vor Gericht verantworten müssen. Die Ermittlungen gegen fünf ehemalige Klinikmitarbeiter aus Oldenburg laufen noch.

Der Fall schockiert viele Menschen, nicht nur wegen der vielen Opfer. Schockierend daran ist auch, dass es jeden hätte treffen können. Fast jeder war selbst schon einmal im Krankenhaus oder hat dort Stunden am Bett von kranken Verwandten verbracht. Der Fall offenbart auch die Schwachstellen in den Kliniken.

Chronologie der Krankenhausmordserie

  • 1999-2002: Niels Högel arbeitet im Klinikum Oldenburg. Schon damals gab es nach Ansicht der Ermittler Hinweise, dass ungewöhnlich viele Patienten während seiner Schichten starben. Der Pfleger wurde mit einem guten Arbeitszeugnis weggelobt.
  • 2002-2005: Der Pfleger arbeitet auf der Intensivstation im Klinikum Delmenhorst. Auch dort gibt es Gerüchte um die Zahl der Todesfälle während seiner Schichten.
  • Juni 2005: Eine Krankenschwester ertappt Högel, wie er einem Patienten ein nicht verordnetes Medikament spritzt. Der Patient stirbt
  • 2006: Das Landgericht Oldenburg verurteilt Högel wegen versuchten Totschlags zu fünf Jahren Haft. Der Bundesgerichtshof kippt das Urteil.
  • Juni 2008: Im Revisionsprozess verurteilt ihn das Landgericht Oldenburg zu siebeneinhalb Jahren Haft wegen Mordversuchs.
  • September 2014: Högel steht erneut vor Gericht, diesmal wegen fünf Verdachtsfällen.
  • November 2014: Eine Sonderkommission der Polizei geht mehr als 200 Verdachtsfällen an den beiden Kliniken nach und lässt die Leichen von früheren Patienten exhumieren.
  • Februar 2015: Das Landgericht Oldenburg verurteilt Högel wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung an Patienten in Delmenhorst zu lebenslanger Haft.
  • August 2017: Die Sonderkommission beendet ihre Ermittlungen. Sie geht von der größten Mordserie in der deutschen Nachkriegsgeschichte aus.

Erwartungen an den Prozess waren groß

Auf den Tag des Prozessauftakts warteten die Familien der Opfer seit Jahren. Die Erwartungen waren groß. 119 Nebenkläger wollten dem mutmaßlichen Mörder der von ihnen geliebten Menschen endlich ins Gesicht blicken. „Es wird eine Achterbahn der Gefühle“, sagte Christian Marbach, der Sprecher der Nebenkläger. „Sie wollen, dass es endlich losgeht. Gleichzeitig haben sie auch Angst davor.“

Der Diplom-Kaufmann weiß, wovon er spricht. Sein Großvater ist eines der Opfer von Niels Högel. „Wir haben vier Jahre für diesen Prozess gekämpft und erwarten, dass Högel wegen weiterer 100 Morde verurteilt wird“, sagte Marbach am Dienstag. „Das Ziel ist, dass Högel so lange wie möglich in Haft bleibt.“

Am Dienstag erschienen nicht alle der über 120 Nebenkläger. In den reservierten Platzreihen blieben viele Stühle leer. Insgesamt ist der Prozess bis Mai 2019 terminiert. Seine Haft sitzt Högel in der JVA in Oldenburg ab.

Wegen des großen Andrangs hat das Landgericht die Verhandlung in die Weser-Ems-Hallen in Oldenburg verlegt, wo Unternehmen normalerweise zu Tagungen, festlichen Banketten oder Bällen laden. An 23 Prozesstagen verwandelt sich der 700 Quadratmeter große Raum in einen Gerichtssaal: Fast 350 Menschen finden dort Platz. Etwa 200 der rotgepolsterten Stühle sind für Journalisten und Zuschauer reserviert.

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Für den Vorsitzenden Richter Sebastian Bührmann ist es bereits das dritte Verfahren, das er gegen Niels Högel leitet. Dieses sei notwendig, damit die Angehörigen Gerechtigkeit erführen und Gewissheit über das Schicksal der Opfer bekämen, sagt er. „Das ist der Sinn des Prozesses: Soweit wie möglich Klarheit zu schaffen.“

Und selbst wenn am Ende kein anderes Urteil als zuvor stehen wird, hat dieses doch auch juristische Konsequenzen, wie die Nebenklage-Anwältin Gaby Lübben betont.

Eine lebenslange Haftstrafe bedeutet in Deutschland nicht zwangsläufig, dass jemand bis zu seinem Tod im Gefängnis sitzt. Nach einer bestimmten Zeit prüft eine Strafvollstreckungskammer, ob die Strafe ausgesetzt werden kann.

„Jede nachgewiesene Tat verlängert seine Haft“, sagt Lübben. Bei mehr als 100 Morden könnte das möglicherweise bedeuten: auf eine sehr lange Zeit oder sogar für immer. (dpa/jha)

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