Kommentar

Die katholische Kirche ist als Moralinstanz am Ende

Durch den Missbrauchsskandal hat die katholische Kirche massiv Vertrauen verspielt. Es ist dringend an der Zeit für radikale Reformen.

Kardinal Reinhard Marx (oben links) stellt sich bei der Vorstellung der Missbrauchsstudie den Fragen der Reporter.

Kardinal Reinhard Marx (oben links) stellt sich bei der Vorstellung der Missbrauchsstudie den Fragen der Reporter.

Foto: Arne Dedert / dpa

Berlin.  Die ganze Wahrheit über den systematischen Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche wird womöglich nie ans Licht kommen. Die vorliegenden Zahlen über die Verbrechen an Kindern, so erschütternd sie bereits sind, zeigen nur einen Ausschnitt. Es gibt vermutlich viel mehr Täter und viel mehr Opfer. Dieser Skandal hat sein Ende noch nicht gefunden – weil die katholische Kirche selbst eine umfassende Aufklärung behindert.

Was also nützt die öffentliche Scham des Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, wenn sie ohne Konsequenzen bleibt? Anstatt sich wiederholt wortreich zu entschuldigen, hätte die katholische Kirche den Tausenden Missbrauchsopfern und der Öffentlichkeit einen wahren Dienst erweisen, wenn sie die Studie zum Missbrauchsskandal ernsthaft unterstützt hätte.

Systematisches Verschweigen und Vertuschen

Aber daran hatte sie seit Bekanntwerden des systematischen Missbrauchs nie ein Interesse: So konnten die Bistümer selbst entscheiden, wie eng sie mit den Wissenschaftlern kooperieren. Vielerorts zeigten die Verantwortlichen nur ein zaghaftes Interesse an der Auskunft. Akten wurden vernichtet, Türen verschlossen gehalten, Daten nur häppchenweise herausgegeben.

Kardinal Marx stellt Missbrauchsstudie in Fulda vor
Kardinal Marx stellt Missbrauchsstudie in Fulda vor

Man möchte Kardinal Marx Vertrauen schenken, wenn er von einem neuen Anfang spricht, „damit die Menschen uns wieder glauben“. Aber der gesunde Menschenverstand verweigert dieses Vertrauen, wenn Würdenträger wie der Kardinal selbst dem systematischen Verschweigen und Vertuschen ganz offensichtlich kein Ende setzen können.

Studienergebnisse klingen wie Warnung vor der Kirche

Dass es in der katholischen Kirche nach wie vor Strukturen gibt, die den sexuellen Missbrauch begünstigen können, daran haben die Autoren der Studie keinen Zweifel. Die Aussagen klingen geradezu wie eine Warnung vor dieser Kirche. Viele Priester werden diese pauschale Beurteilung ungerecht finden, weil sie an der Basis Vertrauen entziehen könnte, wo es noch da ist. Es gibt genug Gemeinden, die tatsächlich als Horte der frohen Hoffnung und des gelebten Glaubens funktionieren, wo es ein vertrauensvolles Miteinander und Füreinander gibt.

Können sie das nach all dem, was nun bekannt ist, überhaupt noch sein? Manche Gründe für das unbegreifliche moralische Versagen in der Vergangenheit und Gegenwart liegen im Selbstverständnis der katholischen Kirche. Sie nimmt für sich in Anspruch, die wahre Kirche Jesu Christi zu sein. Aus dieser Haltung und ihren damit verbundenen Traditionen zieht sie bis heute ihre Autorität. Über Jahrhunderte mag ein solches System in sich funktioniert haben, es mag den Missbrauch klerikaler Macht begünstigt haben.

Macht der Kirche erodiert

Aber so darf Kirche nicht mehr sein, weder als theologische noch als sittliche Institution. Auch als weltliche Macht, die im Sozial- und Bildungsbereich staatliche Aufgaben verantwortet, büßt sie ihre Glaubwürdigkeit ein. Sie arbeitet in der Suchtberatung, in der Elternhilfe, sie betreibt Krankenhäuser und Altenheime, Schulen und Kitas. Sie bezieht Steuergeld und hat in sozialpolitischen Fragen Einfluss auf den Bundestag und die Bundesregierung. Ihr Wort hat Bedeutung. Zugleich verliert sie an Bindekraft, die sinkenden Mitgliedszahlen weisen es aus. Ihre Macht erodiert bereits. Sie wird sich die Reformfrage stellen müssen – in aller Radikalität.

Wenn die katholische Kirche weiter meint, als Männerbund mit einem rückständigen, gestörten Verhältnis zur Sexualität eine moralische Instanz für die Gläubigen sein zu können, wird die Gesellschaft über sie hinweggehen. Es ist Zeit für ein neues Selbstverständnis.

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