Sexualforschung

Katholische Kirche: Wie das System Kindesmissbrauch fördert

Ein Bericht über hundertfachen Kindesmissbrauch erschüttert die katholische Kirche in den USA – wieder einmal. Ist das Zölibat schuld?

Foto: Matt Rourke / dpa

Berlin.  Es ist die größte Sammlung von Missbrauchsvorwürfen in der katholischen Kirche der USA. Im Bundesstaat Pennsylvania sollen mindestens 300 Geistliche in den vergangenen 70 Jahren rund 1000 Kinder systematisch missbraucht haben, die Führung der Kirche soll die Taten vertuscht haben. Das berichtete die zuständige Staatsanwaltschaft vergangene Woche .

Seit etwa 20 Jahren werden immer wieder Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche aufgedeckt – in den USA, in Irland, Frankreich, Belgien, Chile oder Australien. Aber auch die Missbrauchskarte von Deutschland liest sich wie ein Zeugnis der Scham einer Institution , die in alle Himmelsrichtungen dienen will.

Warum ausgerechnet in der katholischen Kirche?

Missbrauch gab es im Süden und Norden, im Westen und Osten, in den Bistümern Aachen, Essen, Hamburg, Magdeburg, München, am Cani­sius-Kolleg in Berlin, im oberbayerischen Kloster Ettal, im Kinderheim Vincenzhaus Hofheim wie im St.-Blasien-Kolleg im Schwarzwald.

27 Bistümer waren laut der Enzyklopädie Wikipedia mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert. Und die Dunkelziffer, so die Einschätzung von Experten, dürfte noch höher liegen. Aber wieso passiert so etwas in der katholischen Kirche – ausgerechnet dort?

Studie sieht Zölibat als wichtigen Faktor

Der Reflex liegt nah, dem Zölibat eine Schuld an den vielen Missbrauchsfällen zu geben. Der Zölibat (lat. „coelibatus“, von „coelebs“ = „unvermählt“) ist die vom katholischen Priester oder Ordensangehörigen übernommene Verpflichtung, ein Leben ohne Ehe, Sex und Kinder zu führen – ein Leben in absoluter Enthaltsamkeit. Ist es da nicht logisch, dass sich sexuelle Abnormitäten leichter entwickeln können als in Partnerschaften und familiären Strukturen?

In einer 2017 veröffentlichten Studie kamen zwei australische Wissenschaftler, beide ehemalige katholische Priester, zu dem Schluss, dass sich das Zölibat zumindest begünstigend auf sexuellen Missbrauch auswirkt.

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Peter Wilkinson und Desmond Cahil hatten untersucht, ob es Ursachen dafür gibt, die im Gesamtsystem der katholischen Kirche weltweit begründet sind. Der 384 Seiten umfassende Report analysiert den Autoren zufolge die Ergebnisse von Untersuchungskommissionen, polizeilichen Ermittlungen, kirchlichen Studien und wissenschaftlichen Forschungen aus Australien, den USA und Europa.

Weniger Missbrauchsfälle, wo es kein Zölibat gibt

Faktoren sehen Wilkinson und Cahil im Zölibat und in der erheblichen Zahl der von der Kirche betriebenen Waisenhäuser. „Kinder (...) in Bildungs- und Wohlfahrtseinrichtungen sind einem Risiko ausgesetzt, wenn psychosexuell unreife und/oder sexuell benachteiligte zölibatär Lebende, einschließlich Priester und Ordensleute, zu ihnen Zugang haben“, heißt es in dem Bericht. Zudem weisen die Wissenschaftler auf eine niedrigere Zahl von Missbrauchsfällen in den katholischen Ostkirchen hin, in denen Priester heiraten dürfen.

Die Ursachen allein im Zölibat und in der Nähe zu Minderjährigen zu sehen, greife zu kurz, sagt Professor Peer Briken, Direktor des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am UKE in Hamburg. Er warnt davor, Menschen, die sexuell enthaltsam leben, unter Generalverdacht zu stellen. Auch das postulierte „Täterprofil“ eines pädophil veranlagten Geistlichen ließe sich nicht verallgemeinern.

Strukturell hat sich wenig geändert

Briken, der auch Mitglied der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs ist, sieht vielmehr ein ganzes „Bündel an Ursachen“, die aber das System der katholischen Kirche als Ganzes betreffen. Zwar sei zwingend, die Missbrauchsfälle im Kontext der damaligen Zeit zu verstehen – die meisten liegen jahrzehntelang zurück –, allerdings habe sich strukturell seither wenig geändert.

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So ginge eine Gefahr für die Ausbreitung von Missbrauch etwa von einem patriarchalischen System aus, das in sich geschlossen ist, in dem autoritäre Hierarchie- und Machtverhältnisse vorherrschen. „Das sind Verhältnisse, in denen Missbrauch erleichtert wird, weil sie potenzielle Täter ermutigen und Betroffene einschüchtern können.“

Unterdrückte Sexualität

Ein weiteres Problem sei der Umgang mit Sexualität. Ein Umgang, der vor allem auf Eingrenzung, Unterdrückung und Reglementierung dieser Bedürfnisse ausgelegt sei, bei dem auch Masturbation oder Pornografie verteufelt würden.

„Das kann zu intransparenten Verhältnissen führen“, so Briken. Konkret: Betroffene leben ihre Beziehungen und ihre Sexualität dann im Geheimen aus. Oder sie unterdrücken ihre Bedürfnisse und verleugnen ihre Neigungen. Aber ist das dauerhaft möglich?

Sexualwissenschaftler Briken sieht das Problem auch im Kontext mit intimen Situationen, denen Priester und Ordensleute häufig ausgesetzt sind. Sie kommen ihren Geschlechtsgenossen bei Zeremonien, bei der Seelsorge oder bei der Beichte näher – sowohl geistig als auch körperlich. „Solche nahen und intimen Situationen können auch sexuelle Interessen wecken und ausgenutzt werden“, folgert Briken.

Großteil der Opfer ist männlich

Anders als beim Missbrauch in Schulen und Kindergärten ist bei dem durch Kleriker der Großteil der Opfer männlich. Eine Vermutung dazu hat der Theologe und Psychotherapeut Wunibald Müller schon 2010 geäußert, nachdem in Einrichtungen der Jesuiten in Deutschland eine Vielzahl von Missbräuchen bekannt geworden war. Danach könnten die kirchlichen Vorbehalte gegen die Homosexualität dazu führen, dass homosexuell veranlagte Priester Probleme haben, sich über ihre Neigung klar zu werden.

Schockierend sei die Beobachtung, dass viele beschuldigte Priester in ihrer sexuellen Entwicklung „auf der Stufe eines 13- oder 14-Jährigen stehen geblieben sind“, so Müller in der Zeitschrift der deutschen Jesuiten, „Stimme der Zeit“. Die Unreife bedeutet aber auch einen Mangel an Empathie und einen Mangel an Bereitschaft, sich auf eine Therapie der eigenen Persönlichkeitsprobleme einzulassen.

Priester verstehen Zölibat nicht als Verdrängungsübung

Das aber wäre Voraussetzung, „auf eine reife Weise“ damit umgehen zu können und sich und anderen Grenzen zu setzen. Wer sexuell unreif ist, folgert Müller, sei eher gefährdet, zum Täter zu werden.

Praktizierende Priester predigen das Zölibat nicht als Verdrängungsübung, sondern als anspruchsvolle Form, sich seiner Sexualität bewusst zu sein und sie zu kanalisieren. Doch da beginnen die Probleme. Experten wie Briken sehen eine besondere Herausforderung darin, über Sex Bescheid zu wissen, ohne ihn je praktiziert zu haben.

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