Ermittlungen

US-Kirche vertuschte Missbrauch jahrzehntelang systematisch

Hunderte Missbrauchsfälle werden in den USA enthüllt – und die Justiz hat kaum Handhabe. Nun wird über Verjährungsfristen debattiert.

Ein Kirchturm vor einem dunklen Himmel: Nach der Enthüllung jahrzehntelangen Missbrauchs durch Priester in den USA steht die katholische Kirche unter Druck.

Ein Kirchturm vor einem dunklen Himmel: Nach der Enthüllung jahrzehntelangen Missbrauchs durch Priester in den USA steht die katholische Kirche unter Druck.

Foto: imago stock&people / imago/blickwinkel

Washington.  Hochwürden Edward Graff aus der Diözese Allentown war so korpulent, dass er schon bei einer der ersten Vergewaltigungen in den 80er Jahren die Wirbelsäule seines zarten Opfers verletzte. Damals war Joey B. sieben Jahre alt. Die Ärzte verschrieben dem Jungen Schmerzmittel. B. wurde süchtig danach und starb an einer Überdosis. Vor seinem Tod schrieb er: „Vater Graff hat mehr getan, als mich zu vergewaltigen. Er hat mein Potenzial getötet. Und damit den Mann, der aus mir hätte werden sollen.“

Joey B. ist einer von mindestens 1000 Missbrauchs-Fällen der katholischen Kirche , die Josh Shapiro, der Generalstaatsanwalt von Pennsylvania jetzt öffentlich gemacht hat. Betroffen sind über einen Zeitraum von fast 80 Jahren mindestens 300 Priester.

Eine 23-köpfige Geschworenen-Jury des US-Bundesstaates hatte 18 Monate lang ermittelt. Herausgekommen ist auf 1400 Seiten ein Dokument des Schreckens. Die Beweislage ist erdrückend. Auf 500.000 Seiten aus Kirchen-Archiven, die bis dahin nur höchsten Würdenträgern zugänglich waren, sind die fast durchgängig straf- und zivilrechtlich verjährten Taten dokumentiert. Laut Shapiro muss mit einer Dunkelziffer gerechnet werden. „Die wahre Zahl der Opfer geht wohl in die Tausende.“

Priester missbrauchte fünf Schwestern einer Familie

Ein Blick in das Sünden-Register: In Harrisburg missbrauchte ein Priester fünf Schwestern einer einzigen Familie. In Greenburg schwängerte ein Geistlicher eine 17-Jährige, heiratete sie und ließ sich kurz danach scheiden. In Pittsburgh zwangen Priester einen Knaben dazu, nackt in der Stellung von Jesus am Kreuz zu posieren. Dabei gefertigte Fotos endeten in Kinder-Pornografie-Kreisen. „Das ist Mord an der Seele“, sagte James VanSickle. Der heute 55-Jährige wurde 1981 in Erie von einem Priester missbraucht.

Dabei deckte die Kirchen-Hierarchie Fehlverhalten in den eigenen Reihen systematisch. „Das Muster war Missbrauchen – Leugnen – Vertuschen“, sagte Josh Shapiro.

So wurden Priester, deren Vergehen bekannt wurden oder die sich selbst outeten und um Hilfe baten, nicht angezeigt und unverzüglich aus dem Dienst entfernt – sondern in Pfarreien in anderen Bundesstaaten versetzt. „Die Kirche erlaubte manchen Priestern, über 40 Jahre lang im Dienst zu bleiben“, sagte Shapiro.

Kirche sorgte sich nicht um die Opfer

Gegenüber den Opfern, meist Jungen, setzte die Kirche „den Glauben als Waffe ein“. Beispiel: Ein Priester zwang Jungen zum Oral-Sex mit dem Argument, dass „Maria einst Jesus nach der Geburt sauber geleckt hat“. Generalstaatsanwalt Shapiro: „Kindern wurde eingeredet, dass der Missbrauch nicht nur normal war – sondern ein sakraler Akt.“

Wie wenig die Kirchenführung die Opfer im Sinn hatte, zeigt der Fall von Reverend Thomas Skotek aus der Diözese Scranton. In den 80er Jahren schwängerte er ein Mädchen und bewerkstelligte die Abtreibung. Der damals verantwortliche Bischof James Timlin schrieb seinem Bruder einen einfühlsamen Brief: „Das ist eine sehr schwere Zeit in Deinem Leben, ich verstehe, wie besorgt Du bist, und ich teile Deinen Kummer.“

Über das Schicksal des Mädchens – kein Wort.

Schuldige Priester wollen anonym bleiben

Nur vereinzelt reagierten Kirchen-Obere auf den Enthüllungsbericht reumütig: „Traurigerweise ist Missbrauch weiter in der Gesellschaft verbreitet, in der wir leben“, schrieb Alfred Schlert, Bischof von Allentown, „wir räumen unsere Verfehlungen aus der Vergangenheit ein und sind entschlossen, alles zu tun, was notwendig ist, um Unschuldige heute und in der Zukunft zu schützen.“

Die Veröffentlichung des Berichts gelang nur, weil Zeitungen und Fernsehsender erfolgreich vor das Verfassungsgericht von Pennsylvania gezogen waren. Dort hatten etliche der pädophilen Priester geltend gemacht, dass ihre Namen geheim bleiben müssen. Darüber wird endgültig Ende September vor Gericht entschieden.

Die Enthüllungen kommen zu einem Zeitpunkt, an dem Missbrauch in der katholischen Kirche in den USA bis in allerhöchste Ränge Schlagzeilen schreibt. Vor Kurzem hatte Papst Franziskus Theodore McCarrick, bis 2006 Erzbischof von Washington, den Kardinals-Titel aberkannt und ihm befohlen, sich aus dem öffentlich-kirchlichen Leben zurückzuziehen.

McCarrick soll Minderjährige und Seminaristen missbraucht haben. Die Akte Pennsylvania bringt auch den jetzigen Erzbischof von Washington, Donald Wuerl, in Bedrängnis. Er war lange Zeit Bischof in Pittsburg/Pennsylvania.

Forderung nach Abschaffung der Verjährungsfristen bei Missbrauch

Als wichtigste Konsequenz fordert Shapiro die Abschaffung der Verjährungsfristen bei Kindesmissbrauch. In Pennsylvania können Opfer bis zum Alter von 30 Jahren zivilrechtlich tätig werden. Strafrechtlich endet der Anspruch bei 50-Jährigen.

Kirchen-Kritiker bemängeln, dass die Selbstreinigungskräfte der Kirche trotz großer Skandale in der Vergangenheit „offensichtlich nicht ausreichen“. Eine Anspielung auf den weltweit registrierten Fall, den vor 16 Jahren der „Boston Globe“ mit einer Serie von Artikeln öffentlich machte. In der Neuengland-Metropole hatte sich der Priester John Geoghan über Jahre allein an 130 Kindern vergangen. Die Enthüllungen dienten als Grundlage des oscargekrönten Films „Spotlight“.

Hochwürden Edward Graff, der Peiniger von Joey B., verließ Ende der 80er Jahre Pennsylvania. 2002 wurde er wegen Missbrauchs eines Jungen in Texas verurteilt. Er starb hinter Gittern.