Lkw-Attentat

Berliner Polizei hatte den Falschen – Täter weiter flüchtig

Ein Lkw ist auf einen Berliner Weihnachtsmarkt gerast, es gab zwölf Tote. Die Polizei hat den ersten Verdächtigen wieder frei gelassen.

Bewaffnete Polizisten patrouillieren auf einem Weihnachtsmarkt in Potsdam.

Bewaffnete Polizisten patrouillieren auf einem Weihnachtsmarkt in Potsdam.

Foto: Ralf Hirschberger / dpa

Berlin.  Der nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt festgenommene 23-jährige Flüchtling aus Pakistan ist offenbar nicht der Täter. Die Bundesanwaltschaft teilte am Dienstagabend mit, gegen den Mann sei kein Haftbefehl beantragt worden. Er sei auf freien Fuß gesetzt worden.

„Die bisherigen Ermittlungsergebnisse ergaben keinen dringenden Tatverdacht gegen den Beschuldigten“, so die Bundesanwaltschaft. Der Festgenommene habe in seiner Vernehmung umfangreiche Angaben gemacht, eine Tatbeteiligung aber bestritten.

Inzwischen hat die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) den Angriff für sich in Anspruch genommen. Das IS-Sprachrohr Amak meldete am Dienstag im Internet, ein IS-Kämpfer sei für den Angriff verantwortlich gewesen.

De Maizière: Täter womöglich auf der Flucht

Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) schließt nicht aus, dass der Attentäter aus Berlin weiter auf der Flucht ist. Er verwies am Dienstagabend im ZDF darauf, dass der ursprünglich verdächtige Pakistaner wieder freigelassen worden sei. „Deswegen ist es in der Tat so, dass nicht auszuschließen ist, dass der Täter flüchtig ist.“

Innerhalb der Berliner Polizei ging man bereits davon aus, dass der festgenommene Pakistani nicht der Todesfahrer gewesen ist. „Es ist in der Tat unsicher, dass es der Fahrer war“, sagte Berlins Polizeipräsident Klaus Kandt am Dienstag.

Möglicherweise mehrere Täter

Bei dem festgenommenen Mann sollen sich kaum Spuren gefunden haben, die auf einen Kampf hindeuten, wie der „Spiegel“ aus hochrangigen Ermittlerkreisen erfahren haben will. Zudem habe man keine typischen Schmauchspuren an seinem Körper gefunden, die auf eine Schussabgabe schließen lassen. Neben der Frage, wer der Täter ist, ist ebenfalls nicht geklärt, ob es einen oder mehrere Täter gegeben hat.

Im Führerhaus des Lkw wurde nach Angaben aus Sicherheitskreisen blutverschmierte Kleidung gefunden – bei dem später in einiger Entfernung vom Tatort festgenommenen Verdächtigen dagegen nicht. Ob dies darauf hindeuten könnte, dass der Mann noch im Lkw die Kleidung gewechselt haben könnte, blieb zunächst unklar.

Der Generalbundesanwalt geht bei dem Attentat auf einen Berliner Weihnachtsmarkt von einem terroristischen Hintergrund aus. Dafür spreche die Art der Tatbegehung, die an den Anschlag in Nizza erinnere, sagte Frank. Auch das symbolträchtige Ziel Weihnachtsmarkt zählte er zu den Indizien.

Das IS-Sprachrohr Amak meldete am Dienstag, der Täter sei ein „Soldat des Islamischen Staates“ gewesen. Die Echtheit der Nachricht ließ sich zunächst nicht verifizieren. Sie wurde aber über die üblichen IS-Kanäle im Internet verbreitet. Auch die Form der Erklärung entspricht früheren Bekenntnissen der Extremisten. Die Operation sei eine Reaktion auf Aufrufe, die Bürger der Staaten der internationalen Koalition anzugreifen.

Der zunächst Festgenommene war den deutschen Sicherheitsbehörden bislang nicht als Islamist aufgefallen. Er sei „kein eingestufter Gefährder“ gewesen, sagte BKA-Präsident Holger Münch.

Berlins Polizeipräsident Kandt kündigte eine erhöhte Polizeipräsenz an. Die Weihnachtsmärkte würden an den Eingängen Polizisten mit Maschinenpistolen und Schutzwesten positioniert werden.

Innenminister: Keine Zweifel an terroristischem Hintergrund

Auch Thomas de Maizière (CDU) geht bei dem Lkw-Attentat auf einen Berliner Weihnachtsmarkt eindeutig von einem Anschlag aus. „Wir haben keinen Zweifel mehr, dass es sich bei dem schrecklichen Ereignis gestern Abend um einen Anschlag gehandelt hat“, sagte der Minister am Dienstag in Berlin.

Die Todes-Route des Lkw

„Alle polizeilichen Maßnahmen zu dem vermutlich terroristischen Anschlag am Breitscheidplatz laufen mit Hochdruck und der nötigen Sorgfalt“, twitterte die Polizei am Dienstagmorgen über die Tat im Herzen Berlins.

Dutzende Verletzte in Krankenhäusern

Unmittelbar davor hatten die Ermittler einen Unfall ausgeschlossen. „Unsere Ermittler gehen davon aus, dass der Lkw vorsätzlich in die Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gesteuert wurde“, teilte die Polizei über Twitter mit.

Bei der Tat im Westen der Stadt war am Montagabend ein Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gerast und hatte mindestens zwölf Menschen getötet. 48 weitere Menschen lagen am Morgen zum Teil schwer verletzt in Krankenhäusern. 14 von ihnen ringen laut de Maizière noch mit dem Tod, 24 konnten das Krankenhaus am Dienstag wieder verlassen.

Der Lkw wurde am Dienstagmorgen zur Spurensicherung abgeholt. Die Unglücksstelle in der Nähe der Gedächtniskirche war weiträumig abgesperrt.

Beifahrer wurde möglicherweise erschossen

Der dunkle Lastwagen mit polnischem Kennzeichen fuhr laut Polizei um 20.02 Uhr auf einer Strecke von 50 bis 80 Metern über den Markt und zerstörte dabei mehrere Buden. Ein weiterer Mann, der auf dem Beifahrersitz saß, ist tot.

Er wurde nach dpa-Informationen mit einer kleinkalibrigen Waffe erschossen. Der Pole hatte den Lastwagen nach bisherigen Erkenntnissen gefahren, bevor der Lkw in die Hände des Mannes fiel, der mit dem Lkw auf den Weihnachtsmarkt raste.

Trauer via Social Media: So twittert die politische Weltgemeinde

Polnischer Beifahrer sei Opfer, nicht Täter

Ob es sich um eine Entführung gehandelt hat, ist ebenfalls noch unklar. Deutsche Sicherheitskreise wollten sich zu dieser Frage bisher nicht äußern. Der polnische Kraftfahrer sei Opfer und nicht Täter, teilte Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) am Dienstag nach einer Telefonkonferenz der Innenminister der Länder mit.

Der Lastwagen gehörte einer polnischen Spedition, wie deren Eigentümer Ariel Zurawski dem polnischen Sender TVN 24 sagte. Der Fahrer, sein Cousin, sei seit etwa 16 Uhr am Montag nicht mehr zu erreichen gewesen. Für ihn könne er die Hand ins Feuer legen, dass er kein Attentäter sei. „Ihm muss etwas angetan worden sein“, mutmaßte er.

Wie der Anschlag jetzt unser Land verändert

Lastwagen sollte offenbar Stahlträger nach Berlin bringen

Der Lastwagen hatte Stahlkonstruktionen aus Italien nach Berlin transportiert, berichtete Zurawski. Wegen einer Verzögerung habe der Fahrer bis zum Dienstag warten müssen und den Lastwagen in Berlin geparkt.

Die Berliner Polizei hatte zunächst mitgeteilt, es bestehe der Verdacht, dass der Sattelschlepper in Polen von einer Baustelle gestohlen worden sei. (dpa/les)