Totensonntag

Trauer - Wohin mit den Gefühlen?

Rituale helfen in der Trauer. Manche Beileidsbekundungen bewirken eher das Gegenteil. Warum der Totensonntag als Gedenktag wichtig ist.

Kerzen, Blumen und die Frage: Warum? Wenn Menschen sterben, helfen Rituale, um mit Gefühlen wie Trauer, Angst und Fassungslosigkeit umzugehen (hier. Winnenden, 2009)

Kerzen, Blumen und die Frage: Warum? Wenn Menschen sterben, helfen Rituale, um mit Gefühlen wie Trauer, Angst und Fassungslosigkeit umzugehen (hier. Winnenden, 2009)

Foto: Michael Dalder / REUTERS

Es ist wie ein Reflex. Sobald die Nachricht über ein tödliches Unglück oder eine Gewalttat an die Öffentlichkeit dringt, stehen am Schauplatz Kerzen, werden Blumen abgelegt, Plüschtiere und oft auch persönliche Nachrichten. Manchmal sind es gute Wünsche für die Hinterbliebenen, manchmal auch Anklagen an die Täter oder die Gesellschaft. Fast immer hinterlässt jemand schriftlich die Frage: „Warum?“ Mit ziemlicher Sicherheit wird dann ein Foto davon in den Medien auftauchen. Mit dem Vorwurf wird damit die immerwährende Frage in die Welt getragen: Warum müssen wir sterben?

So war es jetzt in Paris, aber so ist es oft auch, wenn einzelne Menschen tragisch zu Tode kommen. Wie in Berlin, als Anfang November auf dem Tempelhofer Feld ein 64-jähriger Fahrradfahrer in einen Lenkdrachen geriet und stürzte. Vier Tage später erlag er seinen schweren Verletzungen. Sein Tod schockierte. Das Tempelhofer Feld mit seinen fliegenden Drachen und entspannten Besuchern galt bisher als friedlicher, freier Ort inmitten Stadt. Schnell entstand am Rande des einstigen Flugfelds ein kleiner Gedenkort. Samt Fotografie des Verstorbenen und einer rührenden Trauerbotschaft der Enkel.

Warum? Diese Frage wird immer gestellt

Warum? Diese Frage wurde auch gestellt, als vor einigen Wochen die Befürchtung zur Gewissheit wurde: Zwei Kinder aus Berlin und Potsdam, Mohamed, 4, und Elias, 6, sind bestialisch missbraucht und ermordet worden. Für Mohamed entstand ein provisorischer Gedenkort am Lageso, wo ihn der mutmaßliche Täter entführt hatte. Für den Elias brachten Anwohner Kerzen, Spielzeug und Blumen an das Gemeindehaus des Potsdamer Viertels, in dem der Junge gewohnt hatte.

Im Sommer hatten hier hunderte Anwohner wochenlang nach dem Kind gesucht. Wie bei der Suche riefen sie auch nun wieder im Internet wieder zu gemeinsamen Aktionen auf. So oft und so lautstark verkündeten einige ihre Anteilnahme, dass erst einige protestierten, dann gab es Streit. Schließlich wandte sich die Familie des getöteten Jungen verzweifelt an die Öffentlichkeit, an die sie nur einen Wunsch hatte – in Ruhe gelassen zu werden.

Hinterbliebene bitten: „Hört auf“

Was ist angemessene Anteilnahme? Immer öfter, so scheint es, schlagen Mitleid und Mitgefühl für Hinterbliebene ins Gegenteil um. Auch für die Medien gilt das. Im Gedächtnis ist noch der Umgang mit den Hinterbliebenen des Flugzeugabsturzes über den französischen Alpen im März dieses Jahres. Während die Weltöffentlichkeit fassungslos die Katastrophe verfolgte, die der Pilot mutmaßlich bewusst herbeigeführt hatte, erlebten in der Stadt Haltern am See die Eltern, Geschwister und Freunde der getöteten 14 Schülern und zwei Lehrerinnen unverhohlene Sensationsgier und das empathielose Verhalten von Reportern und Schaulustigen. Schließlich hing an der Schule ein Transparent mit dem Ruf: „Hört auf!“

Auch in Traueranzeigen wird dieser Wunsch nach Zurückhaltung oft formuliert, meist in der Phrase: „Von Blumen und Beileidsbekundungen bitten wir abzusehen.“ Gerade in Deutschland ist es üblich, seine Toten „in aller Stille“ zu bestatten und erst recht zu betrauern. Offentliche Tränen sind die Ausnahme. Wer sich zu lautem Weinen und Schreien hinreißen lässt, riskiert, dass besorgte Mitmenschen den Notarzt holen, weil viele Menschen immer weniger darüber wissen, was es bedeutet Trost zu spenden. Tränen zu ertragen, kann Menschen mitunter überfordern.

In Deutschland gibt es für die stille Trauer sogar einen eigenen Feiertag, den heutigen Totensonntag. 1816 im evangelischen Preußen eingeführt, wird bis heute jeweils am letzten Sonntag vor dem Advent der Verstorbenen gedacht. Der Totensonntag ist heute in allen Bundesländern besonders geschützt. Vielerorts sind Musikaufführungen und Tanz in Gaststätten verboten.

Womit die Stille der Trauer füllen?

Doch womit soll man die Stille der Trauer füllen? Tanzverbote sind einfacher auszuhalten als große Gefühle. Und auch, wenn übertriebene Anteilnahme und Inszenierung irritiert – das vollkommene Schweigen tut es ebenso. So wie in Kreuzberg, wo Anfang November zwei junge Männer kurz nacheinander gewaltsam zu Tode kamen und, nach einigen kurzen Zeitungsmeldungen, sofort wieder vergessen wurden.

In der Nacht zum 7. November war zunächst ein 26-jähriger Mann am Oranienplatz angegriffen und erstochen worden. Ein 28-Jähriger wurde, ebenfalls erstochen, zwei Tage später im Volkspark Hasenheide von einem Jogger entdeckt. Das erste Opfer stammte aus Spanien, er hat, so heißt es, als Touristenführer in Berlin gearbeitet. Das andere Opfer kam aus Weißrussland.

Zwei junge Menschen: Beide haben, so muss man vermuten, auch Eltern, die nun trauern. Vielleicht hinterlassen sie Geschwister, eventuell sogar Kinder, sicherlich Freunde. Doch ihr Tod bewegte niemanden zu öffentlichen Beileidsbekundungen. Am Tag, nachdem der Tote in der Hasenheide von Kriminaltechnikern abgeholt worden war, spielte am Fundort auf dem Hochplateau schon wieder eine Kitagruppe im Laub. Auch an der Bushaltestelle am Oranienplatz herrscht längst wieder Alltag. Nichts erinnert hier an den gewaltsamen Tod des jungen Spaniers, es sei denn die Befragungen durch die Polizei, die immer noch hofft, dass es Zeugen der Gewalttat oder der Stunden davor gibt. Um das herauszufinden, hat sie ein Bild des Getöteten veröffentlicht. Niemand hat es ausgedruckt und eine Kerze dazugestellt.

Die vergessenen Gewaltopfer von Kreuzberg

Ist diese Teilnahmslosigkeit herzlos? Oder ist sie darin begründet, dass die beiden Opfer nicht aus Deutschland stammten? Oder liegt es am Bezirk, in dem die beiden getötet wurden? Kreuzberg ist berüchtigt für Drogenhandel und Kleinkriminalität. Wären die beiden am Alexanderplatz gestorben, hätte die Öffentlichkeit mutmaßlich anders reagiert. Seit dem gewaltsamen Tod des 20-jährigen Jonny K. vor drei Jahren gilt der Alexanderplatz als Schwerpunkt der Gewalt unter jungen Männern – und auch als Ort, an dem auf solche Gewalt gern besonders aufgeregt reagiert wird.

Dass von Jonny K. bis heute gesprochen wird, hat einen besonderen Grund. Wäre die Schwester des Opfers, Tina K., nicht gewesen: Man müsste davon ausgehen, dass auch Jonny K. längst vergessen wäre. Ihr Bruder hatte in der Nacht zum 14. Oktober 2012 einem betrunkenen Freund helfen wollen, als er von Gleichaltrigen angegriffen wurde. Ein tragischer Vorfall wie viele andere, so klang es zunächst in den Nachrichten. Tina K. war es, die damals das öffentliche Entsetzen über die Tat und den Tod ihres Bruders in andere Bahnen lenkte. Sie wich nicht zurück, sondern zeigte ihre Trauer, sprach darüber, versuchte aber auch, die Wut auf die Täter, die ewige Frage nach dem Warum, das Mitleid umzulenken in eine positive Debatte: Wie kann man Gewalt verhindern? Wie schützt man die nächsten potentiellen Opfer?

Was Tina K. anders machte

Sie wandte sich dagegen, die Gewalttat an ihrem Bruder mit den familiären Hintergründen von Täter und Opfer in Verbindung zu bringen und auf diese Weise zu marginalisieren. Ja, die Täter stammen aus türkischstämmigen Familien, während Jonnys und Tina K.s Mutter einst aus Thailand kam. Doch Täter wie Opfer, wiederholte Tina K. immer wieder, waren vor allem eines: junge Berliner, in dieser Stadt sozialisiert. Von der Stadt forderte sie nun, sie solle sich mit der Gewalt nicht nur mit Gefühl befassen und auf den Einzelfall bezogen, sondern generell. Oder, wie es in der Sprache der Politik heißen würde: ergebnisorientiert.

Nebenbei erteilte Tina K. Politik und Medien ein kleines Lehrstück in Sachen Trauerrituale. Jonny K. wurde nach buddhistischem Ritus aufgebahrt und betrauert. Zur öffentlichen Zeremonie mit buddhistischen Mönchen kam neben allerlei Prominenz auch Klaus Wowereit, damals Regierender Bürgermeister von Berlin. Er war sichtlich berührt. Die Bilder dieser Trauerfeier bewegten die ganze Stadt. Am Alexanderplatz erinnert heute eine Gedenktafel an Jonny K. – auch dafür setzte sich die Schwester persönlich sehr ein. Jedes Jahr im Oktober entsteht dort wieder ein Kerzenmeer wie nacj Jonnys Tod 2012. Damals war es monatelang nicht erloschen – es war mehr als nur eine Geste.

Gräber werden weniger

Gibt es einen „angemessenen“ Umgang mit dem Tod? In Berlin sterben im Jahr etwa 32.000 Menschen. Von den wenigsten nimmt die Öffentlichkeit Notiz. Nicht nur Traueranzeigen sind rückläufig, auch die traditionellen Grabstätten auf Friedhöfen werden weniger. Opulente Familiengräber werden in Berlin heute oft nur noch erhalten, wenn die Toten Berühmtheiten waren oder die Gräber unter Denkmalschutz stehen.

Rund 40 Prozent der Verstorbenen werden in Berlin anonym bestattet. Dies hat sicherlich zum einen Kostengründe, Erdbestattungen mit Sarg sind teuer, ebenso der Unterhalt einer Grabstätte. Schon seit Jahren werden deshalb Discount-Bestattungen im Ausland immer beliebter, ebenso wie solche jenseits der Friedhöfe. Bestattet wird auf See, in Friedwäldern unter Bäumen, auf Felsen, Almwiesen und auch schlicht in der Luft, wobei die Asche aus einem Heißluftballon in die Luft gestreut wird. Was aber bleibt, wenn die Asche verflogen ist, zumal in einer säkularen Stadt wie Berlin?

Vielleicht ist der Abwendung von der Trauer auch damit zu erklären, dass sich immer mehr Menschen eigene Wege der Trauer suchen, jenseits der Kirchen und ihrer Rituale. So haben hier sicherlich auch jene Berichte und Sondersendungen ihre Funktion, die von Katastrophen und tragischen Schicksalen berichten. Sie helfen gewissermaßen, die eigenen Gefühle zu delegieren an fremde „Betroffene“, denen man Mitleid spendet, mit denen man trauert und, vielleicht, vor dem Fernseher weint.

Trauer lässt sich nicht wegdiskutieren

So ist vielleicht auch das gigantische Interesse zu verstehen, das 2009 der Tod des Nationaltorwarts Robert Enke hervorrief. Zur Trauerfeier für den 32-Jährigen, der an Depressionen litt und sich das Leben genommen hatte, kamen ins Fußballstadion von Hannover 40.000 Gäste. Weitere sieben Millionen verfolgten die Veranstaltung live im Fernsehen. Enkes Tod löste eine große Debatte über die Krankheit Depression aus. Ob die Veranstaltung Enkes Hinterbliebenen in der Trauer geholfen hat, bleibt dahingestellt.

Wie kann man Trauer begegnen? Der Umgang mit Verlust und Abschied ist heute Thema zahlreicher Bücher, es gibt eine eigene Ratgeberliteratur-Sparte zur Trauerarbeit, Seminare zum Umgang mit Kindern in Trauer, Ausbildungen für Trauerbegleiter. Wer in das Thema etwas tiefer einsteigt, kann schnell den Eindruck gewinnen, dass letztlich auch hier in vielen Fällen wieder ein typisch deutscher Weg gegangen wird. Gefühle werden erklärt, diskutiert und, letztlich, delegiert an den Verstand. Der dann wieder die Frage stellt: Warum?

Was Günter Grass dazu sagte

Also: Warum? Der Schriftsteller Günter Grass, einer der vielen großen Gestorbenen aus diesem Jahr, hat uns dazu einen Gedanken hinterlassen. Sein letztes Buch war fast fertig, als Grass im April 2015 starb. Im Sommer erschien dann der Band mit dem ostpreußisch klingenden Titel „Vonne Endlichkait“. Darin: Zeichnungen, Lyrik, Geschichten und Gedanken zum (eigenen) Abschied. Und viel zarter und derber Grass’scher Humor. In einem „Selbstgespräch“ überschriebenen Gedicht heißt es am Schluss: „Was unsren Tod betrifft, / sind wir uns einig: / Nur was / im unmöblierten Nichts geschieht, / bleibt eine immergrüne Frage.“

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