Ziehen Sie die ältesten Schuhe an, die in ihrem Schrank vergessen stehn! Denn Sie sollten wirklich dann und wann auch bei Regen durch die Straßen gehen. Sicher werden Sie ein bisschen frieren, und die Straßen werden trostlos sein. Doch trotz allem: gehn Sie nur spazieren! Und, wenn’s irgend möglich ist, allein.
Ach, haben Sie gerade gedacht, in Ihrem Kopf klingt es plötzlich wie ein Gedicht? Keine Sorge, Sie hören keine Stimmen. Das ist nur der November. Der Monat, der in uns allen die nachdenklichen Seiten weckt. Die künstlerische Ader, den Sprachmaler, der uns Zeilen eingibt wie diese: Abends tropfen hunderttausend Lichter zischend auf den glitschigen Asphalt. Und die Pfützen haben fast Gesichter. Und die Regenschirme sind ein Wald. Ja, genau. Vielleicht klingt unser persönliches November-Ich nicht ganz so schön wie diese triefnassen Gedichtzeilen des Dichters Erich Kästner. Und weil er Berliner war und die Menschen mochte, führte Kästner seine Leser mit seinem Gedicht nicht, wie man meinen könnte, direkt in die Herbstdepression. Am Ende sind die Füße des Lesers wieder trocken und man weiß: So schlimm ist dieser Monat gar nicht. Oder?
Ohhh, November! In einer Woche ist es so weit. Dann werden wieder graue Wolken poetisch besungen, haben die Menschen so viele Beschwerden wie nie, sie fühlen sich schwach und allein. Aber muss das sein? Lässt sich der November nicht einfach vermeiden?
Einerseits: Ja. Greifen Sie einfach zu Ihrem Kalender, schlagen Sie ein Blatt um – und bitte! Schon ist Dezember. Andererseits, werden Sie nun einwenden, fehlt dann ja auch wieder was. Da haben Sie vollkommen recht. Kein Monat im Jahr wird so unterschätzt, so schlechtgeredet und zu Unrecht verachtet wie der elfte Monat des Jahres, der erstaunlicherweise die lateinische Neun im Namen trägt (er war der neunte Monat im altrömischen Kalender) und auch sonst allerlei Überraschungen mit sich bringt. Zumindest, wenn man sich die Mühe macht, etwas genauer hinzuschauen.
Zugegeben: Der November war schon immer eine schwere Zeit. Alte deutsche Namen für ihn lauten Windmond, Wintermonat oder Nebelung – am schlechten Wetter kam man im November eben noch nie vorbei. In den Niederlanden wurde der Monat auch profan Schlachtmond oder Schlachtemonat genannt, weil zu dieser Zeit die Schweine fett waren. Bei manchen Menschen heißt der November auch Trauermonat. Wäre es möglich, den November aus dem Kalender abzuwählen – mutmaßlich wäre eine Mehrheit der Deutschen dafür.
Der November ist ein Killer
Nichts ist einfacher, als den November in einem Satz zu vernichten. „Weißt du, wie wir dich damals genannt haben, Peter?“, heißt es in einem düsteren Spionage-Thriller mit Pierce Brosnan in drohendem Ton. „November-Mann. Denn wo du vorbeikamst, lebte nichts mehr.“
Ist der November tatsächlich ein Killer? Nur auf den ersten Blick. Denn zwar werden Novembergeborene angeblich häufiger Serienkiller als andere Menschen – zumindest liest man das häufiger. Bei genauer Betrachtung stammt diese Theorie nur aus einer wenig vertrauenswürdigen britischen Studie. Aber sie klingt eben gut. Anderen Studien zufolge werden wintergeborene Menschen älter, größer, sie sind sportlicher und sie haben bessere Chancen, auf dem Gymnasium eingeschult zu werden. Andererseits wiederum laufen sie auch höhere Gefahr, eine Haustierallergie zu bekommen.
Der November steht unter Verdacht. Der Monat, in dem die Blätter fallen und der Lebensmut sinkt: Sterben da nicht auch mehr Menschen als zu anderen Jahreszeiten? Auch wenn die These wahrscheinlich klingt – statistisch gesehen sterben die meisten Deutschen im Februar. Umgekehrt werden im November relativ wenig Menschen geboren, in manchen Jahren weniger als in allen anderen Monaten. Doch dafür kann wohl der November nichts.
Der November wird auch gern als Hochphase der Depressionen beschworen. Dies trifft jedoch, wenn überhaupt, nur auf die Winterdepressionen zu, die laut Ärzten wenig mit dem eigentlichen Krankheitsbild zu tun haben. Als Auslöser des „Winterblues“ gelten Lichtmangel und abnehmende Temperaturen, als Symptome werden Abgeschlagenheit, Abgespanntheit und Antriebslosigkeit beschrieben. Die Therapieansätze reichen von viel Bewegung und Licht (Arzt) über allerlei Tees, Tabletten und teure Badezusätze (Apotheke) bis hin zu Schokolade, Rotwein und gute Serien (beste Freundin).
Die wirkliche Krankheit Depression ist so einfach nicht zu heilen. Schon gar nicht durch Tees und gute Ratschläge. Die Ursachen sind vielfältig. Nicht selten führt diese Erkrankung zum Suizid – alerdings nicht, wie viele irrtümlicherweise meinen, gerade auch im November. Am häufigsten sind Suizide statistisch gesehen im Frühjahr und Frühsommer.
Der November steht am Beginn der dunklen Jahreszeit. Vielleicht erscheint er auch deswegen so besonders düster. Danach, so glaubt man, folgt immerhin der leuchtende Dezember mit all seinen Lichterketten und Weihnachtsmärkten. Doch die wenigsten Sonnenstunden gibt es nicht im November. Sondern mit durchschnittlich 1,3 Stunden erst im Dezember. Im November sind es immerhin noch 1,9 Stunden am Tag. Und in Wirklichkeit ist es auch gar nicht so kalt draußen, wie die dicken Schals und Jacken suggerieren, die jetzt alle wieder tragen. Der kälteste Monat in Berlin kommt erst noch: Im Januar wird es durchschnittlich maximal 2,3 Grad warm, im November sind es immerhin noch 7,5.
Wer jetzt trotzdem noch friert: Mit 13,1 Grad Durchschnittstemperatur gehört Berlin zu den wärmsten Städten Deutschlands. Und mit 1623 Sonnenstunden pro Jahr liegt die Hauptstadt sogar auf Platz 13 auf der Liste der sonnigsten Städte Landes.
Daran sollte man denken, wenn man auf den Novemberkalender schaut, der einem, zugegeben, tatsächlich ein bisschen den Mut nehmen kann. Bei der Verteilung der Feier- und Gedenktage hat man diesem Monat einiges aufgeladen. Vom 9. November wissen wir ja, dass er nicht nur an die frohen Stunden der Maueröffnung erinnert, sondern auch an düsterste Nächte, als Deutsche ihre Nachbarn überfielen, Läden und Synagogen zerstörten, aufgestachelt vom Hass. Aber das ist noch lange nicht alles.
Im November erwarten uns weitere düstere Feiertage. Es beginnt mit Allerheiligen (1.11.) und Allerseelen (2.11.). Zwei Wochen später wird am Volkstrauertag der Opfer von Gewaltherrschaft gedacht, gleichzeitig ist Weltgedenktag der Verkehrstoten. Am Totensonntag (22.11.) geht es noch einmal um unsere Verstorbenen. Am Buß- und Bettag sind zumindest Protestanten zur inneren Einkehr aufgerufen. Am 22. November gedenkt die Welt dann des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy, der 1963 erschossen wurde. Zum Nachdenken regt auch der Welttag der Philosophie (19.11.) an. Und selbst der Black Friday (27.11.) klingt düster, der in den USA begangen wird. Wobei dies ein (deutscher) Irrtum ist, denn dieser Feiertag hat nichts mit unserem Schwarzen Freitag zu tun, der an den Börsencrash 1929 erinnert. Ganz im Gegenteil. Am Tag vor dem Black Friday wird in Amerika Thanksgiving (26.11.) gefeiert, vergleichbar mit unserem Weihnachtsfest. Am darauffolgenden „schwarzen“ Freitag machen die Amerikaner dann das, was sie am liebsten machen: shoppen.
Aber zwischen all den Toten- und Trauertagen verbergen sich im Novemberkalender auch allerlei schöne und amüsante Anlässe. So gibt es einen Weltvegantag (1.11.), vielleicht als Gegenkonzept zum schon erwähnten Schlachtemonat, wer weiß. Es gibt einen Tag der Kastanie (14.11.), der zum Kampf gegen die Miniermotte aufruft. Wer noch mehr Bedürfnis nach Aktion hat, kann sich zum selben Datum beim Weltdiabetestag engagieren oder am Tag darauf für Meinungsfreiheit und inhaftierte Autoren am Writers-in-Prison-Tag.
Welttag der Männer und der Toiletten
An einem Tag gibt es gleich doppelt Spaß: Der Martinstag fällt dieses Jahr auf den 11. November, sodass die Kinder sich zum Laternenumzug gleich auch die Clownsnasen zum Karnevalsstart aufsetzen können. Außerdem im November: Weltmännertag (3.11.), Vorlesetag (20.11.) und, ja genau: Welttoilettentag (19.11.), an dem es ganz ernsthaft um Hygiene für Menschen geht, die ohne sanitäre Anlagen leben müssen. Für mehr gute Laune sorgen sicherlich der Welt-Hallo-Tag und der Tag der Hausmusik.
Ein Tag fehlt in der Aufzählung: Einen Welttag der Gemütlichkeit gibt es leider nicht, doch wenn er je eingeführt würde, müsste er im November liegen. Die Deutschen sind in dieser Disziplin ja Weltmeister – so sehr, dass sich das Wort nicht mal in andere Sprachen übersetzen lässt. Denn, seien wir ehrlich: Am Anfang der dunklen Saison sind Kerzen, Tee, Lebkuchen und der wohlige Blick aus dem Wohnzimmer hinaus ins Grau doch eben genau das – ziemlich gemütlich.
Vielleicht liegt es auch an diesem Gespür für Gemütlichkeit, dass die Deutschen den November so gern in Gedichten und Romanen beschwören. Nicht nur Erich Kästner widmete dem Monat gleich noch ein weiteres, etwas ungemütlicheres Gedicht („Es regnet, Freunde, und der Rest ist Schweigen“). Auch Goethe schrieb ein Novemberlied, das er dem Schützen als Sternzeichen und Orientierung am Himmel widmete.
Gottfried Benn besang den Raureif als unheimliche Macht, die die dunkle Welt erhellt: „Etwas aus den nebelsatten/ Lüften löste sich und wuchs/ Über Nacht als weißer Schatten/ eng um Tanne, Baum und Buchs.“ Und der Sänger Konstantin Wecker widmete dem November ein Lied mit den lebensklugen Zeilen: „Es fasst im Frühling der nur Mut, der sich im Herbst auch Trauer schenkt.
Es gibt ein Versprechen aufs Weiterleben
Was hat der November, das andere Monate nicht haben? Die reine Vorfreude auf Weihnachten zum Beispiel. Sie lässt sich am besten genießen, bevor der Adventsstress um Geschenke, Feiertage und Familienbesuch überhaupt beginnt. Wer einen Garten hat, weiß diesen Monat ebenfalls zu schätzen. Die schlimmsten Laubberge sind weggeharkt, das Unkraut ist weg. Was jetzt bleibt, ist die Beete zu bereiten fürs nächste Jahr. Wer Zuversicht sucht, dass das Leben auch nach dem angeblich so tödlichen November weitergeht, muss sich nur Bäume und Sträucher genau anschauen. Dort treiben jetzt schon die Knospen fürs nächste Jahr, ein Versprechen auf Blätter, Blüten und Weiterleben.
Sogar als Vorname hat sich der November inzwischen etabliert. Warum für Mädchen, bleibt unklar, ebenso, warum er ausgerechnet im Juli besonders häufig vergeben wurde – und das sogar häufiger als eben der sommerfrohe „Juli“, den es ebenfalls als Vornamen gibt.
Der November ist der Monat mit den besten Romanen. Die neuen erscheinen ja traditionell zur Buchmesse im Oktober. Die Novemberliebe der Autoren spiegelt sich auch in den Buchtiteln wider. Es gibt Bücher, die heißen „Novemberschnee“, „Novemberkatzen“, „Kalter November“ oder auch „Ein Schmetterling im November“. Manche Titel verlassen sich ganz auf die Wirkmacht des Monats, so etwa „An einem Tag im November“, „Eine Nacht im November“, „Vier Tage im November“ oder auch „Fünf Tage im November“. Das kann einen dann schon etwas nachdenklich machen. Ebenso wie diese Titelbehauptung: „Im November blüht kein Raps“. Zumindest bei milden Temperaturen kann es durchaus vorkommen, dass rund um Berlin das Wintergetreide im November noch einmal gelb blüht, bevor es dann abfriert.
Davon wissen allerdings nur die wenigen Menschen etwas. Denn so beliebt das Berliner Umland im Sommer ist, in der dunklen Jahreszeit finden die wenigsten Berliner überhaupt noch ins Freie. Dabei ist es selbst in der Stadt nie so einfach wie jetzt, dem Ratschlag Erich Kästners zu folgen, einmal in aller Ruhe spazieren zu gehen, „und, wenn’s irgend möglich ist, allein“.

