Zuletzt sprach Spanien vor allem über die Skandale des Königshauses. Die Abdankung von Juan Carlos nach fast vier Jahrzehnten auf dem Thron kommt daher nicht mehr jenem Tabubruch gleich, den die spanische Gesellschaft noch vor nicht allzu langer Zeit in einem solchen Schritt gesehen hätte. Der gesundheitlich wie moralisch angeschlagene Monarch macht seinem Sohn Felipe Platz. Es ist auch ein Versuch, in Krisenzeiten das Überleben der Monarchie in Spanien zu sichern.

Die Frage, ob ihr von Affären und Krankheit geplagter 76-jähriger König abdanken sollte, trieb zuletzt immer mehr Spanier um. In Umfragen verlor Juan Carlos, der sich nach dem Tod des Diktators Francisco Franco im Jahr 1975 großen Respekt für seine Führungsrolle auf dem Weg in die Demokratie erwarb, in den vergangenen Jahren rapide an Zustimmung.

Die Monarchie, die jahrzehntelang von einem ehrfürchtigen „Pakt des Schweigens“ bemäntelt wurde, wie Monarchieexperte Torres del Moral einmal analysierte, sah sich plötzlich den Schwankungen des Stimmungsbarometers ausgeliefert. Vorbei war es mit der uneingeschränkten Hochachtung für den König als Wahrer der Demokratie.

Vom Diktator Franco zum Nachfolger auserkoren

Im November 1975 bestieg Juan Carlos nur Tage nach dem Tod von Francisco Franco den Thron. Der Diktator hatte ihn selbst zu seinem Nachfolger auserkoren. „Mein Vater sagte immer (...), dass es sein Ehrgeiz war, König aller Spanier zu werden, und ich bin sehr stolz darauf, dass ich den Traum meines Vaters zu einer unbestreitbaren Realität habe werden lassen“, sagte Juan Carlos in der 1993 erschienenen, bislang einzigen autorisierten Königs-Biografie.

Fest entschlossen zeigte er sich bei der Umsetzung der Demokratie in Spanien, die in Form einer parlamentarischen Monarchie in der 1978 beschlossenen neuen Verfassung verankert wurde. Hoffnungen von Franko-Anhängern auf eine Fortsetzung des Franquismus zerschlug Juan Carlos.

Den Putschisten entgegengestellt

Seinen historischen Rang begründete der junge König in der Nacht des 23. Februar 1981. In einer Fernsehansprache verurteilte Juan Carlos in der Uniform des Oberbefehlshabers den von einem Teil der Streitkräfte und der paramilitärischen Guardia Civil geführten Staatsstreich unter Oberstleutnant Antonio Tejero. „Ich wusste, dass die Soldaten einwilligen würden, weil ich von Franco ernannt worden war“, sagte der König später. Der Putsch verpuffte und am folgenden Tag demonstrierten in Madrid hundertausende Menschen für die Demokratie. Juan Carlos war von einem König von Francos Gnaden zum Bürgerkönig geworden.

Noch einmal konnte er seine Landsleute in ähnlicher Weise für sich gewinnen: Als er zusammen mit seiner Frau, Königin Sofia, nach den Anschlägen von Madrid 2004 mit 191 Toten mit dem Protokoll brach und bei der Trauerfeier persönlich Angehörige der Toten tröstete.

König verspielte das Vertrauen seiner Landsleute

Doch diesen Ruf verspielten das Königshaus und sein Oberhaupt zuletzt zusehends. „Einen Mangel an Problemen gibt es in der spanischen Monarchie derzeit nicht, sie haben allen Grund zur Sorge“, sagt del Moral Anfang des Jahres und äußerte die Erwartung: „Der Tag, an dem der König abdankt“, sei „sicherlich nah“.

Die Probleme der Königsfamilie häuften sich. Unter anderem sorgte eine luxuriöse Elefantenjagd in Botsuana 2012 inmitten der Rezession für Negativschlagzeilen. Die Reise wurde publik, weil Juan Carlos sich bei einem Sturz eine Hüfte brach und nach Hause geflogen werden musste. Vor den Augen einer sprachlos-wütenden Nation entschuldigte sich der König kleinlaut auf einem Krankenhausflur.

Infantin Christina vor Gericht

Die Anhörung seiner Tochter, Infantin Cristina, die in Februar vor Gericht zu einem Korruptionsskandal um ihren Ehemann Iñaki Urdangarin befragt wurde, war ein weiterer Schlag für den Palast. Hinzu kamen schwere gesundheitliche Probleme des Königs, der sich zwischen Mai 2010 und November 2013 neun Operationen unterziehen musste.

Noch in seiner Weihnachtsansprache hatte Juan Carlos zuletzt betont, nicht an Abdankung zu denken.

jah/gt