Royal

Wie das spanische Königshaus eine Seifenoper inszeniert

Betrugsvorwürfe, „Elefantenaffäre“ und ein teurer Verlobungsring: Prinzessin Cristina ist nicht die Einzige, über die neuerdings auf Spaniens Straßen hergezogen wird.

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Die zwei Söhne des Thronprätendenten sind allein in einem Zimmer. Mit einem Revolver. Plötzlich ein Schuss. Eine Kugel hat die Stirn des 14-jährigen Alfonso durchbohrt. Er stirbt. Was geschehen ist, bleibt für immer ein Rätsel. Der Bruder, Juan Carlos, damals 18, wird niemals öffentlich darüber sprechen. Die königliche Familie erscheint nicht vor Gericht. Eine Erklärung muss reichen: Ein tragischer Unfall habe zum Tod von Don Alfonso geführt.

Die Geschichte, die sich am Abend des Gründonnerstags 1956 in dem Schlafzimmer ereignete, klingt wie eine Szene aus einem historischen Roman. Hier der blonde Sonnenschein, der gerade ein Golfturnier gewonnen hatte und aus der Abendmesse kam, dort der ältere Bruder, der von der Militärakademie zur Semana Santa, der Karwoche, nach Hause kam.

Das Königshaus ist zu der Zeit im Exil in Estoril. In Spanien herrscht Diktator Franco. Der allerdings hat vorgesorgt. Nach seinem Tode, so erklärte es ein Gesetz von 1969, solle der älteste Sohn des Thronprätendenten Don Juan den Thron besteigen. Francisco Franco starb am 20. November 1975. Zwei Tage später wurde Juan Carlos, besagter Sohn, zum König von Spanien erklärt. Es begann die „Transición“, der Übergang Spaniens zur Demokratie.

Einfluss des Königs Juan Carlos

Man muss diese Geschichte kennen, um zu verstehen, welche Rolle König Juan Carlos für viele Spanier spielt. In der politischen Theorie spricht man von zwei Körpern des Königs. Dem sterblichen und dem symbolischen. Der symbolische Körper des spanischen Königs ist die Demokratie. Er ist bei Weitem nicht so einflussreich, wie es die englische Königin ist, die neben ihrem eigenen Königreich auch gleich noch in den Commonwealth hineinwirkt, er wurde nie so geliebt, wie die ehemalige niederländische Königin Beatrix es wurde, aber er ist eben auch nicht nur ein royales Accessoire wie der amtierende schwedische König Carl Gustaf. Juan Carlos steht für einen wichtige Moment in der spanischen Geschichte, für Kontinuität. Vielleicht aber sollte man richtigerweise sagen: Er stand dafür.

In Spanien war das Königshaus lange unantastbar. Juan Carlos heiratete eine griechische Prinzessin. Große Romantik interessierte da keinen, Hauptsache, sie kam aus der richtigen Schicht und wahrte die Form. Die Mitglieder der königlichen Familie zeigten sich ordentlich frisiert und gekleidet zu allen üblichen Terminen: Neujahr, Sommerferien, Hochzeiten. Es gab hier und da ein paar Gerüchte, mal eine Begleiterin des Thronfolgers, die für einen Unterwäschehersteller posierte, mal der Verdacht, der Auserwählte der Infantin Elena könnte Männer bevorzugen, aber im Grunde fiel man nicht über die Royals her. Und jetzt? Jetzt ist alles anders.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Monarchie ist vergangene Woche eine königliche Hoheit zur Aussage vor Gericht geladen worden. Die spanische Infantin Cristina. Historisch gesehen hat eine königliche Hoheit nur vor Gericht auszusagen, wenn ihr vom aufständischen Volk der Kopf abgeschlagen werden soll. Bei Cristina aber geht es um ganz und gar bürgerliche Fragen: Steuerbetrug, Geldwäsche und Dokumentenfälschung.

Alles begann mit der „Elefantenaffäre“

Ihr Ehemann, der Ex-Handballer Iñaki Urdangarin, darüber besteht kaum mehr Zweifel, hat öffentliche Mittel für eine gemeinnützige Stiftung mit Umweg über eine Immobilienfirma für seinen ganz privaten Luxus verwendet. Es geht um Millionenbeträge, die Vorwürfe sind seit Längerem bekannt, dem Angeklagten drohen bis zu 19 Jahre Haft. Urdangarin ist längst von der königlichen Familie verstoßen worden, er wird verurteilt werden. Was aber wusste die Infanti? Immerhin war sie Miteigentümerin der Firma. Und es gibt auch Vorwürfe gegen Cristina: Urlaubsreisen und private Anschaffungen soll sie über die Kreditkarte der Firma abgerechnet haben. Noch heißt es beschwichtigend, sie solle nicht angeklagt werden. Lediglich eine Zahlung von 600.000 Euro ist im Gespräch. Was aber wäre, wenn ein Mitglied des Königshauses ins Gefängnis müsste?

Über eine gefallene Prinzessin plus kriminellen Ehemann muss nicht gleich ein ganzes Königshaus stolpern. Das Problem ist: Die Prinzessin ist nicht die Einzige, über die neuerdings auf Spaniens Straßen hergezogen wird. Es begann mit der „Elefantenaffäre“: Im April 2012 brach sich König Juan Carlos die Hüfte. Das wäre an sich kein großer Skandal bei einem 74-Jährigen, hätte er sich die Hüfte nicht in Botsuana bei der Jagd auf Elefanten gebrochen.

Während die Wirtschaft Spaniens in einer ihrer größten Krisen steckte, die Arbeitslosigkeit täglich stieg und die Jugend auf den Straßen demonstrierte, gönnte sich der König eine Auszeit auf Safari. Noch vor seiner Abreise hatte er in einer Ansprache verkündet, die Situation der Jugendlichen bringe ihn um den Schlaf, jetzt erfuhr das Volk, mit wem der Elefantenjäger diese schlaflosen Nächte verbrachte: mit der 47-jährigen Corinna, ihrerseits Titeljägerin und seit einer Blitzehe Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein.

Königin Sofía, bekannt als Hüterin von Fassade und Tradition, ließ demonstrativ einige Tage verstreichen, bevor sie ihren Mann im Krankenhaus besuchte. Sie blieb nur 15 Minuten, hieß es. Und selbst die habe sie nicht komplett am Krankenbett des Königs verbracht.

In der Folge entschuldigte sich der König bei seinem Volk. Nicht nur einmal, sondern gleich mehrere Male. Es gab ja auch immerhin mehrere angebliche Affären. Im Mai 2013 verzichtete der König dann auf die Nutzung der königlichen Yacht „Fortuna“, die auf 21 Millionen Euro geschätzt wird. „Aktuelle Sparzwänge“, so hieß es aus dem Königshaus. Seitdem erspart er dem Steuerzahler einmal Volltanken für 25.000 Euro. Immerhin.

Felipe heiratet die falsche Frau

Den König selbst wird so schnell nichts stürzen können, selbst eine Tochter vor Gericht nicht. Aber er ist nicht mehr der Jüngste und gesundheitlich sehr angeschlagen. In den Niederlanden hat 2013 die Königin zugunsten ihres Sohnes abgedankt. So einen Luxus aber kann sich Juan Carlos gerade nicht leisten. Schon allein deswegen nicht, weil sein Sohn Felipe noch nicht das Zeug zum König hat. Er ist nicht besonders charismatisch. Und er hat einen Makel, der noch vor der Elefantenaffäre des Vaters die Spanier bewegt hat: Er hat die falsche Frau geheiratet, so zumindest ist die feste Meinung der besseren Gesellschaft.

Als sie noch Journalistin war, hat Prinzessin Letizia auch mal kritisch über die spanische Krone berichtet. Sie kommt nicht nur aus einer Familie, die nicht zur richtigen Schicht gehört, sie war auch noch geschieden. Mittlerweile gibt es einige bürgerliche Prinzessinnen an der Seite von Thronfolgern, sie stehen fast immer für eine besonderes Volksnähe, Letizia aber wird nachgesagt, sie sei distanziert und kaltherzig. Dass sie magersüchtig und depressiv sei, heißt es schon länger. Im Januar 2014 wurde sie in die Betrugsaffäre ihres Schwagers hineingezogen: Woher, fragte sich die Klatschpresse, stammt eigentlich ihr Verlobungsring? Ist der nicht von Geldern der gemeinnützigen Stiftung Nóos gekauft, deren Vorsitzender Iñaki Urdangarin ist?

Der Zarzuela-Palast, der es nicht nötig hat, zu Gerüchten Stellung zu nehmen, fühlte sich auf einmal bemüßigt, eine Erklärung über das Eheglück des Thronfolgerpaars zu veröffentlichen. Sie hätten Höhen und Tiefen, das sei normal bei einer Ehe, die seit zehn Jahren besteht. Normal aber ist im spanischen Königshaus schon lange nichts mehr.