Auf dem Marktplatz von Malmö steht ein Denkmal König Karl X. Gustavs, der als Generalissimus im Dreißigjährigen Krieg durch Deutschland zog und danach sich mit Dänemark bekriegte. Hoch zu Ross sitzt er, schaut grimmig übers Meer. Auch das mürrische Pferd scheint nicht gerade der Jolly Jumper der schwedischen Geschichte zu sein. Aber die momentanen Scharmützel verliert das Denkmal.
Man hat es über und über mit bunten Plastikschmetterlingen behängt, die für den Eurovision Song Contest werben, dagegen helfen keine Waffen und kaum Gebete. Karl X. Gustav ist belagert. Drumherum ziehen Fans. Finnische Männer in Brautkleidern werben gegen Homophobie und für den finnischen Beitrag „Marry Me“, allerdings ist die gleichgeschlechtliche Ehe, für die das Lied eintritt, in Finnland längst erlaubt.
Malmö nimmt den Einzug der ESC-Gemeinde gelassen hin, es ist deutlich ruhiger als in früheren ESC-Jahren. Die Stadt mit ihren 300.000 Einwohnern kreist um den eigenen Aufschwung, es wird überall gebaut, zahlreiche Dänen wohnen mittlerweile in Malmö und fahren zur Arbeit nach Kopenhagen über den Öresund, den Krimi-Fans aus der Serie „Die Brücke – Transit in den Tod“ kennen.
Migranten prägen das Stadtbild, der berühmteste, das wird in keinem Hinweis vergessen, ist Fußballer Zlatan Ibrahimovich, der im berüchtigten Stadtteil Rosengård aufwuchs. Die sozialen Probleme sind greifbar in Malmö, sichtbarer jedenfalls als die meisten musikalischen Anstrengungen dieser Tage. Die ESC-Arena liegt weit draußen, der Gesangszirkus ist gelandet wie ein Raumschiff auf Mission zur Verbreitung von Kulturgütern mit gewöhnungsbedürftiger Qualität.
Und drinnen?
Die Auguren rätseln über die Details. Warum etwa der dänische Song „Only Teardrops“ der Dänin Emmelie de Forest bei den Buchmachern als haushoher Favorit gilt. Am durchschnittlichen Lied mit scheußlichem Flöten-Intro kann die Hysterie kaum liegen. Allerdings hat die Big-Data-Erhebung von Buchmachern, Google-Abrufen und Twitter-Einträgen etwas von einer selbsterfüllenden Prophezeiung.
Man mag das altmodisch schade finden, davon profitierte aber auch schon Lena 2010. Die 20-Jährige Dänin tritt barfuß auf, das hat sogar einen Barfuß-Experten auf den Plan gebracht. Burkhard Reinberg doziert über Körpergefühl und Bodenhaftung und sagt: „Die Personen können einfach von innen heraus mehr geben.“ Wenn die Schuhe fehlen, versteht sich.
Als zweite Favoritin gilt die Norwegerin Margaret Berger, die über das deutlich bessere Lied und das schönere Kleid verfügt. Skandinavien ist im Finale vollständig vertreten, ebenso wie (beinahe) die ehemalige Sowjetunion. Ex-Jugoslawien ist dafür komplett in beiden Halbfinale rausgeflogen.
Hoffnung für Niederlande und Russland
Wirklich sympathische Lieder bringen überraschend Malta und Ungarn mit. Sänger Alex Márta aus Ungarn zeigt, dass das Wort „Hipster“ global bekannt ist, der Redakteur eine Tätowierungs-Magazins tritt mit Wollmütze und Hornbrille im Verschlafenheits-Modus auf, aber das Lied „2Kedvesem“ wird bei jedem Hören besser. Das gilt auch für „Tomorrow“ des lachenden Smarties Gianluca aus Malta. Unter den vielen Balladen dürfen sich am ehesten die Niederlande und Russland Hoffnung machen.
Cascada aus Deutschland ist in der Gunst der Wettanbieter auf Platz neun abgerutscht. Natalie Horler hat ihr Kleid kürzen lassen, damit sie nicht stolpert, das will natürlich niemand. Für einen guten Mittelplatz sollte es mit der Disco-Nummer reichen. Zur Qualität des Wettbewerbs hat die erfahrende Musikerin güldene Worte gefunden: „Ach, ich glaube, die meisten Songs hier sind nicht mit Mozart zu vergleichen.“
Es ist Horlers Art, dazu lauthals zu lachen. Der ESC kreiselt um sich. Mit der Musik da draußen hat das alles wenig zu tun. Deshalb lohnt es sich, die Auftritte mit bizarren Ideen anzupreisen, allen voran den rumänischen Beitrag „It’s My Life“. Sänger Cezar ist ein Countertenor, der in drei Minuten mehr Entsetzen auslösen kann als manche Horrorfigur. Im dunklen Rock zwischen blutroten Tüchern lässt sich an niemand anderen als an Graf Dracula denken.
Vielleicht würde da sogar Klaus Kinski als Nosferatu vor Scham versterben. Gänzlich ungeniert gehen die Griechen ans Werk. Ihr Lied „Alcohol is free“ streitet für die Umsonst-Mentalität. Wir wollen die Frage nach den Finanzierungsmodalitäten hier einmal ausklammern. Die EZB ist nicht der ESC. Seit Ralph Siegel für Dschingis Khan „Auf Brüder! Sauft Brüder! Rauft Brüder!“ vertonte, gab es keinen ehrlicheren Prost-Pop.
Prosecco, Pikkolo, Eierlikör, Sprizz, Berliner Weiße, was die Gläubigen so bevorzugen, runter damit.
Und wer holt sich nun die Krone beim ESC?
Wer holt sich die Krone beim 58. Eurovision Song Contest in Malmö – die barfüßige dänische Elfe Emmelie, der in höchsten Tonlagen jaulende „Graf Dracula“ aus Rumänien oder vielleicht doch die deutsche Natalie? Die Frontfrau von Cascada jedenfalls hätte das Zeug dazu, auch wenn viele in Deutschland die Nase über den Eurodance der Gruppe rümpfen. Im Ausland zieht das Programm aber.
Doch vor dem Finale an diesem Sonnabend führt die 20-jährige Emmelie de Forest mit „Only Teardrops“ so überlegen auf den Listen der Buchmacher und Experten, dass vielleicht nur eine schwache Tagesform oder ein böses Malheur ihr den Sieg noch nehmen kann.
Warum der dänische Song als haushoher Favorit gilt, ist allerdings etwas rätselhaft. Am durchschnittlichen Lied mit scheußlichem Flöten-Intro kann die Hysterie kaum liegen.
Allerdings hat die Big-Data-Erhebung von Buchmachern, Google-Abrufen und Twitter-Einträgen etwas von einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Wer oben gehandelt wird, für den stimmen dann auch viele ab. Man mag das altmodisch schade finden, davon profitierte aber auch schon Lena 2010.
Die 20-jährige Dänin de Forest tritt mit Startnummer 18 auf – und barfuß. Das hat sogar einen Barfuß-Experten auf den Plan gebracht. Burkhard Reinberg doziert angesichts des Auftritts über Körpergefühl und Bodenhaftung und sagt: „Die Personen können einfach von innen heraus mehr geben.“ Wenn die Schuhe fehlen, versteht sich. Als zweite Favoritin gilt die Norwegerin Margaret Berger, die über das deutlich bessere Lied und das schönere Kleid verfügt.
Die ARD überträgt das Spektakel aus der Malmö-Arena live von 21.00 Uhr an. Cascada startet als Nummer elf, der Auftritt wird in der streng durchgetakteten Show gegen 21.45 Uhr erwartet.
Die 31-jährige Natalie Horler aus Bonn, deren erfolgreichste Single „Evacuate the Dancefloor“ 3,5 Millionen Mal verkauft wurde und ihr in den USA Platin sowie in Deutschland Gold einbrachte, wird mit dem Dance Song „Glorious“ durchaus im vorderen Feld erwartet. Ihr goldfarbenes Kostüm soll kurz sein, dazu trägt sie eine lange Schleppe und Glitzer-Pumps. Mit einem Ergebnis ist übrigens gegen 23.30 Uhr zu rechnen.
Hier läuft der ESC live in Berliner Kneipen
Wer keine Lust hat, den ESC zu Hause auf dem eigenen Sofa zu sehen oder nichts von Grillpartys hält, auf denen der Hausherr das Fernsehprogramm per Beamer auf die Hauswand wirft, kann natürlich auch mit wildfremden anderen Menschen das Abschneiden Cascadas beobachten. In Berlin haben zahlreiche Kneipen und Veranstaltungsorte ein besonderes ESC-Programm, zum Teil sogar mit eigener Live-Moderation. Unter anderem hier läuft der ESC:
Marabu Bar, Oppelner Str. 23, Kreuzberg, Tel. 53060252, ab 20.15 Uhr Übertragung auf einer Leinwand, Eintritt frei
Freiluftkino Kreuzberg, Mariannenplatz 2. Kreuzberg, Tel. 29361628, ab 20.30 Uhr Übertragung mit Live-Moderation von Inge Borg und Gisela Sommer, Eintritt frei
FC Magnet Bar, Veteranenstr. 26, Mitte, ab 20.15 Uhr, Eintritt frei
Junction Bar, Gneisenaustr. 18, Kreuzberg, ab 20 Uhr, Eintritt im Café zur Übertragung frei
Bar zum schmutzigen Hobby, Revaler Str. 99, RAW-Gelände, Friedrichshain, ab 19 Uhr mit Live-Moderation von Dragqueen Nina Queer, Eintritt frei
Monster Ransons Ichiban Karaoke, Warschauer Str. 34, Friedrichshain, ab 19.30 Uhr, Live-Übertragung teilweise zum Mitsingen, Eintritt 3 Euro
FritzClub im Postbahnhof, Straße der Pariser Kommune 8, Friedrichshain, ab 20 Uhr, Eintritt frei
Sonntagsclub, Greifenhagener Str. 28, Prenzlauer Berg, ab 20 Uhr, Eintritt frei
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