Die erste Probe für Cascada fand am Sonntag in Malmö beim Eurovision Song Contest (ESC) statt. Sängerin Natalie Horler sang ihr Lied „Glorious“. Sie hopste zum Aufwärmen auf einer Art Podium und warf die Beine wie ein Funkenmariechen, schritt dann stürmisch über die doch weitläufige Bühne. Ihr Kleid, von dem Kenner leicht despektierlich sagen, es sei ein Vokuhila-Kleid, glitzerte wie versprochen champagnerfarben und beige.

Es ist unklar, ob es schon die richtige Showausstattung war, die laut Horler irgendwie golden sein soll. Jedenfalls hat es Designerin Katia Convents aus Horlers Heimatstadt Bonn entworfen, die auch für „Let’s Dance“ Kostüme schneidert.

Die Probe war gut, heißt es, der Aufruhr groß. Alle in Malmö sind zufrieden. Auch ESC-Experte und Kommentator Peter Urban sagt mittlerweile: „Die Chancen für Deutschland sind besser, als ich ursprünglich dachte.“

Das kommt gerade recht, am kommenden Sonnabend (18. Mai 2013, 21 Uhr) wird schon final gesungen. An diesem Dienstag ab 21 Uhr sendet Einsfestival das erste Halbfinale um zehn Plätze beim Finale, am Donnerstag das zweite.

Die deutschen Vertreter Cascada mit Sängerin Natalie Horler können derweil noch in Ruhe proben: Ihr Land ist automatisch für das Finale qualifiziert.

Eine echte musikologische Debatte

Eigentlich war Cascada schon wieder in Vergessenheit geraten, seit die Band im Februar 2013 den nationalen Wettbewerb überraschend gewonnen hatte. „Glorious“ klang vielen Zuhörern verdächtig nach dem Vorjahressieger „Euphoria“, das bescherte Deutschland eine echte musikologische Debatte.

Eine Phonetikerin benannte Übereinstimmungen im Aufbau beider Lieder. Die Wohlmeinenden sagten, Dancepop-Songs seien nicht auf Unterschiede, sondern auf die Wiederkehr des ewig Gleichen getrimmt. Beats, Keyboardflächen, Power-Pathos-Gesang.

Das alles klingt im Nachhinein wie Schüsse mit der Dicken Berta auf Sandburgen, erklärt aber auch, warum Deutschland mit Cascada bisher eher fremdelt.

In etlichen Ländern viel bekannter als hierzulande

Denn Cascada, dieses Trio mit Yann Pfeifer und Manuel Reuter, sind weltweit erfolgreich und in etlichen Ländern viel bekannter als hierzulande. Klar, Alben mit Titeln wie „Evacuate The Dancefloor“ taugen nicht zur Gesundung der deutschen Seele, und das war in den letzten Jahren das erklärte Ziel der deutschen ESC-Beiträge. Nur so kam der Gesangswettbewerb wieder ins Blickfeld der großen Öffentlichkeit.

Natalie Horler, 31, ist Kontrast. Die britische Staatsbürgerin kommt nicht aus dem Nichts. Sie ist seit mehr als zehn Jahren Profi. Bei „Deutschland sucht den Superstar“ saß sie 2012 in der Jury.

Sie lacht gern laut und aufreizend, sie ist selbstbewusst und zugleich lakonisch. Der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ erklärte sie eben, sich für den „Playboy“ fotografieren zu lassen sei schon deshalb dufte, weil da die Fotos so vorteilhaft retuschiert würden.

Bei Blondinen-Witzen lache sie mit. Horler kokettiert mit ihrem Image als sehr bodenständige Power-Frau, die die Nächte bei Auftritten durchtanzt und, nun ja, unvorteilhafte Korsetts trägt.

Lied der Favoritin beginnt mit irisch anmutenden Flöten

Das alles sagt über die Chancen von Cascada wenig bis gar nichts aus. Es gibt in jedem ESC-Jahr eine Fraktion mit Dancepop-Sängerinnen, ganz einfach, weil das europaweit globalisierte Klänge sind. Von nationalen Eigenheiten ist kaum die Rede.

Das Lied der als Favoritin geltenden Dänin Emmelie de Forest, 20, beginnt mit irisch anmutenden Flöten, dann wird geweint („Only Teardrops“). Großbritannien hat aus dem Desaster 2012 mit dem Schmacht-Veteranen Engelbert (76, vorletzter Platz) wenig gelernt. Diesmal entsendet die Nation, die Pop erfunden hat, Rockveteranin Bonnie Tyler, 61. Vorab erklärte die frohgemut, das Schminken dauere jeden Tag länger, aber „Gott sei Dank gibt’s Botox, dazu stehe ich“.

Natalie Horler hopste bei der Probe teils barfuß auf dem Podium und die Showtreppe hinunter. Sie trug einfach keine Schuhe, also jene bescheuerten Dinger, von denen Horler gerade gesagt hat, dass sie angezogen werden, um größer zu wirken, und dabei die Wahrscheinlichkeit eines Sturzes ungemein erhöhen.

Oder, in ihren Worten, „während des Auftrittes auf die Fresse“ zu fallen. Man darf aber daran erinnern, dass im vergangenen Jahr Sängerin Loreen gewann mit einem Walle-Walle-Kleid, einem Halbdunkel-Auftritt – und barfuß. Hier wächst hoffentlich nicht noch eine Plagiats-Debatte heran.