Am leichtesten ist es, den Bürgermeister von Serrara auf Ischia zu erreichen. „Ja, ich bin es. Schießen Sie los!“, sagt Rosario Caruso. Natürlich spricht er von der Kanzlerin. Angela Merkel gehört zu den treuen Stammgästen der Insel im Golf von Neapel. Seit vielen Jahren logiert sie im eleganten Hotel „Miramare“, das im malerischen Sant’Angelo, einem Ortsteil von Serrara, direkt am Meer liegt.
Die Bundeskanzlerin im Urlaub, das ist eine unwiderstehliche Beute für Paparazzi. „Was wir eigentlich sehr bedauern“, sagt Caruso. Aber am Sonnabend trickste die Kanzlerin alle aus: Am späten Vormittag kraxelte sie die Stufen nach Serrara Fontana hinauf, 400 steile Meter. Das war nichts Neues, keiner folgte ihr. Es wusste auch niemand, dass Merkel auf den Spuren einer alten Freundschaft wandelte.
Sie suchte nach Cristoforo Iacono. Das ist der Mann, den sie auf Ischia in diesem Jahr wohl am meisten vermisst. Viele Jahre war er Maître im Restaurant des „Miramare“ gewesen. Und immer hatte der inzwischen 59-Jährige die Wünsche der Kanzlerin erfüllt. Nur in diesem Jahr kam er nicht: Iacono war entlassen worden.
Merkel schickte ihre Bodyguards vor
„In Serrara Fontana angekommen, soll Frau Merkel ihre Bodyguards vorgeschickt haben“, so Bürgermeister Caruso. „Die haben sich vor Iaconos Haus aufgebaut und ihn gerufen, da hat er sich aus dem Fenster gelehnt, neugierig, wer da so einen Lärm machte. Das war keine schlechte Überraschung.“
„Es war eine unfassbare Freude, wir waren zutiefst gerührt, dass die Kanzlerin uns besucht hat“, berichtet Lucia Iacono am Telefon. „Wir wussten ja von nichts, es war eine ungeheuerliche Überraschung: Die deutsche Kanzlerin bei uns zu Hause!“ Signora Lucia ist die Ehefrau von Cristoforo Iacono. „Wir haben gemeinsam einen Kaffee getrunken, nicht etwa zu Mittag gegessen, wie die Zeitungen berichten.“
Und auch, dass „wir eigentlich gar nicht wissen, wie die Nachricht an die Presse gelangt ist“, fügt Signora Lucia schnell hinzu. Ihr täte es unendlich leid, dass die Nachricht nun „so viel Wirbel gemacht hat. Wir möchten Frau Merkel ja beim besten Willen den Urlaub nicht vermiesen! Wir sind ihr doch unendlich dankbar für die schöne Geste!“
„Es war eine besonders schöne Geste von Frau Merkel, Cristoforo Iacono zu besuchen“, sagt Bürgermeister Caruso. „Die Krise trifft auch Ischia und unseren Tourismus. Ich weiß, dass das Hotel ,Miramare‘ im vergangenen Jahr Einsparungen vornehmen musste. Vermutlich dürfte denen auch die Stelle von Iacono zum Opfer gefallen sein.“


