Missbrauchsvorwürfe

Warum Pola Kinski so lange geschwiegen hat

Der Missbrauch durch Vater Klaus Kinski hat tiefe seelische Wunden hinterlassen. Was die 60-Jährige ihm heute sagen würde.

Foto: © Stefan Klüter/Insel Verlag

Es war einmal ein Mädchen, es hieß Pola. Ihr Vater war der berühmte Klaus Kinski, niemand in seiner Umgebung hatte es leicht. Kinski, begnadet als Schauspieler und Sprecher, war ein Wüstling, ein schreiender, oft grotesk zuckender Egozentriker. Und ein Weltstar. Das Publikum sah ihm fasziniert zu und liebte diese Auftritte.

Das Mädchen Pola wurde später ebenfalls Schauspielerin, genau wie ihre Halbschwester Nastassja. Beide dünnhäutig und scheu, beide wie geschaffen, Komplexe und Verstörungen nach außen zu tragen. Kein Wunder, las man damals, bei dem Vater. Und niemand ahnte, wie furchtbar der Vater wirklich war.

Pola erzählt nun von ihrer Kindheit, über weite Strecken wie im Märchenton, dunkel und voller Schauer. "Kindermund" heißt das Buch, (Insel, 267 S., 19,95 Euro). Der Kindesmissbrauch beginnt früh, sie ist neun Jahre. 1971 endet das Martyrium dann. Polas Halbschwester Nastassja schrieb nunjetzt einen offenen Brief. Sie sei stolz auf Polas Kraft, ein solches Buch zu schreiben. "Meine Schwester ist eine Heldin. Denn sie hat ihr Herz, ihre Seele und damit auch ihre Zukunft von der Last des Geheimnisses befreit."

Pola Kinski hat den Brief ihrer Schwester gelesen, danach war sie bereit, mit der Berliner Morgenpost zu sprechen. Es war einmal ein Mädchen, es hieß Pola. Dieses Mädchen steckt noch in der Frau, die nun 60 Jahre alt ist und endlich die Wahrheit sagen will.

Berliner Morgenpost: Frau Kinski, Sie haben jahrelang geschwiegen. Was war der Auslöser für Ihr Buch?

Pola Kinski: Ein solcher Entschluss braucht Zeit. Kinskis Glorienschein wurde von Jahr zu Jahr größer, noch strahlender, was für ein wunderbarer Mensch! Noch ein Bildband, noch ein Gedichtbuch, eine Biografie – und ich wachte immer noch mit Angst auf und hatte mit den Folgen zu kämpfen. Das hielt ich nicht mehr aus. Ich habe das Buch nicht geschrieben, um ihn schlechtzumachen. Es ging mir nie um den Skandal. Manche Schlagzeilen machen mich jetzt regelrecht wütend und auch traurig: Kinski, der Vergewaltiger, dass das jetzt die Essenz aus allem sein soll. Das ist eine derartige Verknappung, in der sich auch schon wieder so ein Voyeurismus zeigt. Allein das Wort Vergewaltigung ist auf perverse Weise schon wieder Attraktion. Nein, ich habe ein Buch geschrieben über den Kampf eines Kindes, das durch diese Erlebnisse über Jahre von den Folgen gequält wird. Es ist nicht nur ein Vergewaltigungsbuch. Es geht natürlich um die Tat, aber noch wichtiger ist, was sie auslöst und für Wunden hinterlässt. Es geht um den seelischen Missbrauch vor allem auch. Darum, dass ein Kind in einer Welt von Erwachsenen existieren muss, die es eigentlich hätten lieben und beschützen müssen. Nicht darum, was Kinski wieder gemacht hat. Ich habe so viel Rücksicht nehmen müssen mein ganzes Leben. Durfte nicht sprechen, weil er sonst ins Gefängnis gekommen wäre. Ich musste um Liebe buhlen bei meiner Familie. Hier ging es einmal um mich.

Wie lange haben Sie an Ihrem Buch geschrieben?

Irgendwann, vor Jahren schon, habe ich mal angefangen, was in mir los ist, aufzuschreiben – wenn mich wieder diese Ängste überkamen und diese gewaltige Wut. Es waren erst nur Fetzen, ich hatte Kladden voller Notizen, Gedanken, Erlebnisse. Alles mit der Hand geschrieben, ich dachte, das ist sinnlicher als mit einem Computer. Ein Buch hatte ich nie geplant. Es schien mir viel zu intim. Es zu schreiben, war ein schwerer Prozess, nicht nur für mich, auch für meine Umwelt. Ich wusste nicht, dass es so schmerzhaft und hart wird, dass das mich so angreift. Dass ich noch mal so traurig werde. Einsamkeitsgefühle. Ekel. Ich fing plötzlich an, meine Vergangenheit mit der Gegenwart zu vermischen. Es gab Tage, da bin ich weggelaufen vor allem. Aber wenn ich geschrieben habe, dann stundenlang. Oft morgens. Ich bin dann in einen Park gegangen oder habe mich mit meinem Laptop in die letzte Ecke einer kleinen Bäckerei zurückgezogen. Ich konnte besonders gut in diese andere Welt, meine Vergangenheit gehen, wenn um mich herum viel los war. Dann allerdings, zum Ende hin, bin ich nur noch in einen Raum gegangen, in dem ich ganz alleine war. Zum Beispiel in der Kanzlei meines Mannes. Wenn Klienten kamen, habe ich mich ins Bad gehockt. Ich hatte nie einen Ghostwriter, wie eine Zeitung schrieb. Ich habe das Buch ganz allein geschrieben, ich habe mit niemandem drüber gesprochen, nicht mal mit Freunden oder meinem Mann.

Haben Sie Ihrem Vater das, was er Ihnen angetan hat, je vorgehalten oder gar daran gedacht, ihn anzuzeigen?

Ich war schon auch sehr aggressiv gegen ihn und habe mich zur Wehr gesetzt. Einmal habe ich ihm einen deutlichen Brief geschrieben. Aber er hat mich nicht respektiert. Und ich habe mich nicht getraut, ihn anzuzeigen.

Wenn Sie ihm heute begegnen würden, was würden Sie zu ihm sagen?

Ich weiß nicht, ob ich das sagen kann oder darf, aber das Erste, was mir einfällt, wäre "Schwein". Einfach nur "Du Schwein". Oder "Du Drecksschwein". Und ihn stehen lassen, ja, einfach stehen lassen … Ich hätte lieber andere Dinge zu ihm gesagt, glauben Sie mir. Jedes Kind möchte seinen Vater lieben.

Konnten Sie "Vater" zu ihm sagen?

Ich hatte ja nur diesen "Vater". Ich sage nicht mehr Vater, schon lange nicht mehr. Er war kein Vater. Er ist "Herr Kinski" für mich.

Sie haben mit 19 Jahren zum ersten Mal Ihrer Mutter erzählt, was Ihnen all die Jahre widerfahren war. Wie hat sie reagiert?

Sie hat es zur Kenntnis genommen. Reagiert hat sie nicht. Bis heute nicht. Das Thema Mutter ist schmerzhaft für mich. Ich habe ihr vor ein paar Tagen einen Brief geschrieben. Ich weiß, das Ganze hier ist auch hart für meine Familie. Da gibt es auch Vorwürfe und Fragen, ich müsste mich doch schämen, wenn ich so etwas schreibe. Das ist doch für den Kinski nicht zuträglich. Obwohl sie wissen, was los war. Ich habe so etwas erwartet, aber traurig macht es mich trotzdem. Und dann wieder wütend. Was sind das für Reaktionen? Manchmal kommt es mir vor wie die "Muppet Show". Immer noch so zu tun, als ob das alles gar nicht wahr ist, ist doch absurd. Es ist traurig, denn ich liebe meine Mutter, ich will sie gar nicht schlechtmachen. Vielleicht ändert sich etwas, wenn sie das Buch gelesen hat, vielleicht. Ich hoffe, sie liest es, ich hoffe es wirklich.

Ihre Schwester Nastassja hat in einem offenen Brief auf Ihr Buch reagiert und sich hinter Sie gestellt.

Ihr Brief hat mich unheimlich gefreut. Das war wie eine Umarmung, wirklich schön. Ich hatte keine Ahnung davon, wir haben lange nicht miteinander gesprochen. Jeder lebt sein Leben. Ich denke, wir werden bald einmal telefonieren. Im Moment ist alles sehr viel für mich.

Könnte Ihrer Schwester Ähnliches widerfahren sein?

Das weiß ich nicht, das kann ich wirklich nicht sagen. Ich glaube es nicht, ich denke, man hätte davon erfahren.

Wie haben Sie es geschafft, heute ein Leben mit eigener Familie zu führen?

Ich habe Glück gehabt. Meine Familie hat mir vor allem Geborgenheit gegeben. Und immer wieder Liebe. Es war schon auch harte Arbeit teilweise. Ich kann schon sehr resolut sein, ungeduldig. Manche Eigenschaften übernimmt man leider von seinen Eltern, auch negative. Selbst wenn man sich dagegen wehrt. Dieses Bestimmende, Herrschende merke ich an mir schon auch. Die Menschen um mich herum mussten einiges mitleiden. Ich finde langsam Frieden.

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