Es gibt sie noch, die modernen Märchen, nach denen sich immer noch Millionen von Fernsehzuschauern sehnen. So scheinen das jedenfalls die Sender zu sehen. Und präsentieren Geschichten von Leidenschaft, Glück, persönlichem Wettstreit, von Träumen, Siegen und Niederlagen – die ganz großen Emotionen eben.

Nicht in Form von epochalen Fantasysagen mit halbwüchsigen Hobbits oder schwülstigen „Rosamunde Pilcher“-Verfilmungen, sondern in den Casting- und Unterhaltungsformaten, die jetzt, kurz vor Weihnachten, auf ihre unvermeidbaren und perfekt inszenierten jährlichen Höhepunkte zugelaufen sind. Wenn das Unterhaltungsfernsehen ein Tempel ist, war dieses Wochenende gewissermaßen das Hochamt der von der beinahe vollständig versammelten Sendergemeinde gesungenen Showreligion. Dass das ZDF mit „Wetten, dass..?“ nicht dabei war, lässt übrigens ebenso tief blicken wie gleichgültig mit den Achseln zucken.

Sei’s drum, könnte man sich beim Mainzer Sender denken, wer will schon an einem Sonnabend gegen das Finale vom „Supertalent“ auf RTL antreten? Diese Castingshow mit dem nölenden Altmeister Dieter Bohlen und den ehemaligen „Wetten, dass..?“-Moderatoren Michelle Hunziker und Thomas Gottschalk in der Jury hat jedenfalls mit ihrem Gewinner die Maßstäbe für künftige Castingstaffeln wieder einmal recht hoch geschraubt. Über 44.000 Talente hatten sich dieses Jahr beworben – so viel wie niemals in den fünf Staffeln zuvor.

Jean-Michel Aweh aus Kassel konnte sich nun als größtes Talent im deutschen Fernsehen durchsetzen. Und wer will ihm das schon verdenken? Es ist noch nicht lange her, da trieb sich der 20-Jährige noch auf der Straße rum. Am Sonnabend nun nichts mehr mit harte Schule des Lebens, sondern Wohlfühl-Weichspül-Gewinnerprogramm: Lammfromm spielte Aweh am Klavier und in einem Meer von Kerzen seine Eigenkomposition „Raus aus dem Nebel“. Wenn das nicht geradezu symptomatisch ist: Raus aus den Niederungen des hessischen No-Name-Daseins, rein ins Rampenlicht. Immerhin bekommt Aweh nun einen Plattenvertrag und 100.000 Euro. Am Ende regnet es Goldkonfetti und Jurychef Bohlen – ganz Elder Statesman of German Casting Business – bilanziert: „Du hast viel riskiert und viel gewonnen.“

Natürlich muss es auch Verlierer geben

Worte, die gerade einen Tag fallen, nachdem der Privatkonkurrent Sat. 1 in der Talentbude „The Voice of Germany“ die beste Stimme des Landes gekürt hat. Und auch da hatte der Beste gewonnen, keine Frage. Nick Howard heißt er, 30 Jahre alt und aus Berlin, der Prädikate wie „sehr geil“ und „total cool“ einheimste. Und sein Song „Unbreakable“ sei „ein Welthit“, schwärmte Howards Coach Rea Garvey. Also kann auch da nichts mehr schiefgehen, zwei neue Sterne am deutschen Talenthimmel sind aufgegangen, der Unterhaltungsolymp leuchtet noch ein wenig heller als ohnehin schon.

Da muss es natürlich auch Verlierer geben, aber die werden liebevoll umsorgt: Die Greifswalderin Isabell Schmidt etwa unterlag im Finale von „The Voice“. Doch Greifswalds Oberbürgermeister Arthur König (CDU) lobte am Wochenende dennoch den Einsatz der 23-Jährigen in der Castingshow: „Ich hoffe, dass sie nicht allzu traurig ist, aber es ist schon eine großartige Leistung, überhaupt das Finale erreicht zu haben.“ Sein Anliegen: „Ein Konzert mit ihr in Greifswald – das würden wir uns wünschen und auch unterstützen.“ Es gibt also, so kann man denken, eigentlich doch nur Gewinner. Und sei es nur die Kommunalpolitik.

Immerhin, „The Voice of Germany“ gilt als verhältnismäßig seriöse TV-Castingshow. Anstatt sich über Leute lustig zu machen, verspricht die Sendung eine ernsthafte Talentsuche. Das brachte dem Format dieses Jahr die Goldene Kamera und den Deutschen Fernsehpreis ein. Vielleicht ist dieses – man mag es Kuschelcasting nennen – dem sensationsgierigen Publikum aber auf Dauer doch zu öde. Zuletzt bröckelte das Interesse erheblich. Beim Halbfinale gab es mit 2,96 Millionen Zuschauern ein neues Staffeltief. Dennoch werde es 2013 eine dritte Ausgabe geben, kündigte der Sender ProSiebenSat.1 schon an. Die Show geht eben weiter.

Der Spielekönig ist tot, es lebe der König!

Und wer wüsste das, wenn nicht Stefan Raab? Die Unterhaltungsallzweckwaffe von ProSieben hatte am Sonnabend natürlich auch seinen großen Auftritt. Beziehungsweise: Jemand klaute ihm seinen großen Auftritt. Denn der Rekordjackpot der Show „Schlag den Raab“ ist geknackt. Der 27-jährige Bernd Stadelmann aus Eisenharz im Allgäu schlug in Köln Gastgeber Raab und erspielte sich 3,5 Millionen Euro. Der 46-jährige Entertainer, Moderator, Musiker und Extrem-Spaß-Sportler hatte zuvor sechs Ausgaben der Sendung gewonnen, dadurch war der Jackpot auf die Rekordhöhe angeschwollen.

Der Spielekönig ist also (zunächst kurzfristig) tot, es lebe der neue König! Die Entscheidung fiel in der Nacht zum Sonntag um kurz vor 1 Uhr im 15. und letzten Spiel. Die Disziplinen zuvor waren so vielfältig wie eh und je: Von Biathlon über Kickern bis hin zum Adventskalender-Inhalt-Merken reichte das Spektrum. Landwirt Bernd stach sich in der finalen Disziplin schließlich schneller als Raab mit einem Messer einen Tunnel durch zwei Kubikmeter Steckmoos, kroch durch und läutete eine Glocke. Das reichte aber nicht, um bestes Belustigungsformat des Sonnabends zu werden, denn im Quotenduell unterlag Raab auch noch mit 3,25 Millionen Zuschauern (Marktanteil 13 Prozent) dem Finale des RTL-„Supertalents“, bei dem 4,35 Millionen (14,6 Prozent) mitfieberten.

Verblüffendes Ergebnis in der Schweiz

Nun lassen sich Qualität und Quote bekanntlich schwerlich zusammenrühren. Erst recht nicht bei Casting- und Showformaten, die ähnliche Geschmackspole aufweisen wie Soap-Operas: Die einen lieben sie. Die anderen hassen sie. Eine Lösung verheißt ein Blick über den Tellerrand. Denn auch in der Schweiz war am Sonnabend Unterhaltungshochamt angesagt. Mit verblüffendem Ergebnis: Nach etlichen Flops beim Eurovision Song Contest schickt die Schweiz 2013 in Malmö die Heilsarmee ins Rennen. Eine Popgruppe aus barmherzigen Helfern soll mit dem Song „You And Me“ in Europa Fanherzen erobern. Die sechs Bandmitglieder im Alter zwischen 20 und 94 Jahren wurden beim Endausscheid vom eidgenössischen Fernsehpublikum als Sieger gekürt.

Bandleader Christoph Jakob sagte, er vermute, dass „viel Goodwill der Menschen ein Grund für den Sieg“ war. Auf der Webseite der Heilsarmee, für die alle sechs Hobbymusiker tätig sind, gibt sich Jakob allerdings schon selbstbewusster: „Unser Lied ist ein Ohrwurm hoch zehn!“ Auch in der Schweiz und sogar bei der Heilsarmee greifen eben die Automatismen des Geschäfts.

Quotensieger in Deutschland war am Sonnabend übrigens eine ARD-Komödie, die 5,23 Millionen Zuschauer (16,9 Prozent) vor die Bildschirme lockte. Ihr Titel: „Die Abstauber“.