Titisee-Neustadt

Suche nach Ursache für Brand in Behindertenwerkstatt

Bei einem Feuer in einem Heim für Menschen mit Behinderungen sterben im Schwarzbald 14 Menschen. Die Ursache ist zunächst unklar.

Es ist ein Unglück, wie man es sich nicht vorstellen möchte. Eine Katastrophe, die eine Gemeinde, ja ein ganzes Land betroffen machen. Im Hochschwarzwald ist sie nun traurige Wahrheit geworden: Bei einem der verheerendsten Brände der vergangenen Jahrzehnte in Deutschland sind in einer Behinderteneinrichtung in Titisee-Neustadt (Land Baden-Württemberg) am Montag 14 Menschen ums Leben gekommen.

Unter den Toten waren den Angaben zufolge 13 Behinderte und eine Betreuungshelferin. Neun Menschen wurden bei der Katastrophe im Schwarzwald verletzt, wie ein Sprecher der Polizei in Freiburg mitteilte. Das Feuer brach aus zunächst unbekannten Gründen in einem Lager aus, in dem auch Chemikalien aufbewahrt wurden.

Rettungshubschrauber im Einsatz

Aus allen Nachbarregionen wurden Einsatzkräfte zusammengezogen. Mehrere Rettungshubschrauber waren im Einsatz. Die Polizei richtete in einer benachbarten Spedition eine Sammelstelle für Menschen ein, die aus dem Haus gerettet wurden. Wie schwer die Flammen in dem Haus wüten, zeigt sich selbst eine Stunde nach Eintreffen der Rettungskräfte noch am dichten Rauch, der aus dem Gebäude in den grauen Herbsthimmel steigt.

Die acht Verletzten wurden in verschiedene Krankenhäuser der Region gebracht, sie erlitten Verbrennungen oder Rauchvergiftungen. Nach Angaben eines Feuerwehrsprechers war keiner von ihnen so schwer verletzt, dass mit weiteren Toten zu rechnen sei. Insgesamt waren 300 Feuerwehrleute, Rettungskräfte, Katastrophenschützer und Polizisten im Einsatz. Die Identifizierung der Opfer dauerte am frühen Abend an, wie ein Feuerwehrsprecher sagte. Zunächst würden die Angehörigen informiert. Nach Angaben der Polizei in Freiburg wurden 25 Seelsorgerteams entsandt, um die Betroffenen zu betreuen.

Bei der Einrichtung handelt es sich um eine Behindertenwerkstatt des katholischen Hilfswerks Caritas. Zum Zeitpunkt des schweren Unglücks befanden sich laut einem Caritas-Sprecher etwa 50 bis 60 Behinderte und Betreuer im Alter zwischen 20 und 65 Jahren in der Einrichtung, in der unter anderem Laubsägearbeiten für Weihnachtsdekorationen gefertigt werden. Die meisten seien geistig behindert und hätten in Kleingruppen gearbeitet. Die Werkstatt besteht seit rund 30 Jahren, momentan wird sie von rund 130 Menschen genutzt.

Brandschutz entsprach allen Anforderungen

Das Gebäude, in dem die Werkstatt jetzt beherbergt ist, sei jedoch erst wenige Jahre alt, erklärte die Caritas. Der stellvertretende Vorstand des Caritasverbands Freiburg-Stadt, Rainer Gantert, sagte: „Wir sind völlig fassungslos, wie in einer modernen und gut ausgestatteten Werkstatt am helllichten Tag eine solche Katastrophe passieren kann.“ Zur Ursache konnte Gantert vorerst keine Angaben machen. Die Brandsicherheit entspreche nach jetzigem Stand „absolut jeglichen Anforderungen“, sagte er. Im Vordergrund stünden nun die Betreuung der Menschen mit Behinderungen vor Ort und das Gedenken an die Opfer und ihre Angehörigen, betonte Gantert.

Nach ersten Ermittlungsergebnissen brach das Feuer in einem Lager aus, in dem auch gearbeitet wurde. In dem Lager kam es zu einer oder mehreren Explosionen. Ob diese Auslöser oder Folge des Feuers waren, war zunächst unklar. Auch Einzelheiten des Unglückshergangs sowie die Gründe für die hohe Zahl der Todesopfer blieben am Montag vorerst unklar. „Wir haben hier mit Menschen zu tun, die naturgemäß nicht rational reagieren“, sagte Kreisbrandmeister Alexander Widmaier. Ein Polizeisprecher verwies zudem auf „starke Rauchentwicklung im ganzen Gebäude“ als mögliche Erklärung. Von einem einzelnen eng umrissenen „Unglücksherd“ sei nach ersten Erkenntnissen nicht auszugehen. Ein Feuerwehrsprecher sagte, Staatsanwaltschaft und Experten für Brandermittlungen der Kriminalpolizei müssten die Details des verheerenden Feuers nun klären.

Kanzlerin Merkel erschüttert

Die baden-württembergische Landesregierung reagierte tief erschüttert auf die Tragödie. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) flog nach Angaben der Stuttgarter Staatskanzlei an den Ort des Geschehens im Schwarzwald etwa 40 Kilometer von Freiburg entfernt. Er sei „zutiefst getroffen“, erklärte der Regierungschef. „In Gedanken bin ich bei den Opfern, und mein tiefes Mitgefühl gilt ihren Angehörigen. Ganz Baden-Württemberg trauert mit ihnen.“ Zuvor hatte Kretschmann Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) über die Brandkatastrophe im Schwarzwald informiert. „Ich habe soeben mit der Bundeskanzlerin telefoniert. Sie ist tief erschüttert, sprachlos und fassungslos angesichts dieser schrecklichen Ereignisse.“

Auch Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall (SPD) machte sich vor Ort ein Bild von der Katastrophe. Landessozialministerin Katrin Altpeter (SPD) sprach von einem „Tag der Trauer und des Schmerzes“. Sie sei überzeugt, dass die Verantwortlichen alles Nötige unternähmen, um das Unglück aufzuklären.

Der Bürgermeister von Titisee-Neustadt, Armin Hinterseh, war entsetzt: „Das ist erdrückend. Wir müssen jetzt herausfinden, wie das geschehen ist“, sagt er. Zuletzt hatte vor knapp einem Jahr ein Großbrand in der beliebten Touristen-Gemeinde für Aufregung gesorgt. Am 28. Dezember 2011 brach ein Feuer in einem Hotel in Titisee-Neustadt aus. Vier Menschen wurden verletzt, 80 Gäste mussten evakuiert werden. Die Erinnerung an diesen Brand wird nun überschattet – von der Katastrophe im Caritas-Heim.