Nach Absage

Tausende laufen ihren eigenen New York Marathon

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Zahlreiche Sportler veranstalteten am Sonntag ihr eigenes Marathon-Event. Sie brachten dabei Hilfsgüter zu den Opfern von „Sandy“.

Nach der historischen Absage des New-York-Marathons machten die Läufer aus ihrer Verärgerung keinen Hehl. „Ich bin bitter enttäuscht. Es war mein eigenes Geschenk zum 60. Geburtstag. Es hat mich 3000 Euro gekostet. Ich glaube nicht, dass ich mir das ein zweites Mal leisten kann“, sagte Jean-Michael Laurent. Nicht allein die Tatsache, dass das Rennen im Big Apple wegen der Folgen des Hurrikans Sandy erstmals seit seiner Premiere 1970 nicht stattfindet, sondern vielmehr die Umstände erzürnten die Athleten. „Sie hätten es einfach früher bekannt geben müssen“, sagte Laurent. Der Franzose sprach damit unzähligen seiner Läuferkollegen aus dem Herzen, unter anderem Deutschlands bester Langstreckenläuferin Sabrina Mockenhaupt.

In den Fokus der Kritik rückte New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg. Bis zuletzt hatte der 70-Jährige an dem prestigeträchtigen Wettbewerb festgehalten, trotz der schlimmen Verwüstungen und mehr als hundert Toten. Zu wichtig sei das Rennen, das der Metropole jährlich rund 340 Millionen Dollar Umsatz beschert. „Viele kleine Geschäftsleute sind von dem Marathon abhängig, an die müssen wir auch denken“, hatte Bloomberg gesagt und den Lauf als „integralen Bestandteil des New Yorker Lebens“ herausgehoben. Am Freitag vollzog er dann aber doch noch die persönliche Kehrtwende.

„Uneinigkeit braucht man in diesen Tagen am wenigsten“

„Der Lauf hat in den vergangenen Tagen sehr viele Diskussionen ausgelöst. Wir wollten verhindern, dass ein Schatten über dem Rennen oder seinen Teilnehmern liegt“, teilte er in einer Erklärung mit. Das Thema habe zu einer großen Spaltung der Meinungen geführt. Und „Uneinigkeit braucht man in diesen Tagen am wenigsten.“ Die Lebensmittel, die für die Läufer vorgesehen waren, würden nun an die betroffenen Gemeinden verteilt, betonte er.

Unterstützung erhielt Bloomberg schließlich auch von Mary Wittenberg, OK-Chefin vom New York Road Runners-Klub. „Das ist wohl nicht das geeignete Jahr, um den Marathon durchzuführen. Es war eine der schwierigsten Entscheidungen, die wir jemals getroffen haben. Aber wir glauben wirklich, dass es richtig für New York ist“, sagte Wittenberg.

Von den rund 45.000 Teilnehmern, die an den Start gehen sollten, hatte auch Sabrina Mockenhaupt ihren Unmut über die kurzfristige Absage geäußert. „Drei Monate Training einfach auf Eis legen ist schwer!... Ich kann die Entscheidung auf der einen Seite verstehen, aber ich kann nicht verstehen, warum man so viele Läufer erst anreisen lässt“, schrieb sie auf ihrem Facebook-Profil.

Tausende laufen ihren eigenen Marathon

Damit hatte die 31-Jährige heftige Reaktionen bei ihren Lesern ausgelöst. „Mädel! Gesunder Menschenverstand. Über 80 tote Menschen und Du machst Dir Gedanken um einen Lauf...“, hieß es zum Beispiel. Mockenhaupt betonte danach noch einmal, dass es ihr bei der Kritik lediglich um den Zeitpunkt der Absage gegangen sei.

Tausende Läufer reagierten ihren Frust am Sonntag beim Laufen ab. So fanden sich rund 3000 Sportler bei bestem Wetter unter strahlend blauem Himmel zum improvisierten „Run Anyway“-Marathon zusammen. Viele von ihnen trugen die Startnummern, die ihnen für das abgesagte Rennen zugeteilt worden waren.

Ein anderer Läufer äußerte seinen Unmut über die kurzfristige Entscheidung auf seine ganz persönliche Art. „Ich liebe inkompetente Milliardäre“, hatte er auf die Rückseite seines T-Shirts geschrieben. Ein Seitenhieb in Richtung des milliardenschweren Geschäftsmannes Bloomberg.

Manche Läufer bleiben als freiwillige Helfer in New York

Dagegen fanden acht Australier, die extra für die 42,195 km durch die fünf New Yorker Stadtteile aus down under angereist waren, schnell eine andere Aufgabe. „Wir wollen jetzt den Menschen in New York helfen und sie wieder glücklich machen“, sagte Justin Gaykamangu. Bis Dienstag wollen sie als freiwillige Helfer im Big Apple bleiben und beim Wiederaufbau helfen. Und im nächsten Jahr dann vielleicht auch den Marathon bestreiten.

Den Organisatoren droht eine Klagewelle

Vor einer schweren Zukunft stehen die New York Road Runners (NYRR). Die Marathon-Veranstalter sind eine gemeinnützige Organisation und generieren knapp die Hälfte ihres Jahresbudgets von 60 Millionen Dollar durch das Event. Noch ist unklar, wie viel die NYRR den Sponsoren sowie dem übertragenden TV-Sender ESPN aufgrund des Ausfalls zahlen muss. Man habe eine Versicherung, dennoch werde es einen starken Einschnitt geben, so Renndirektorin Mary Wittenberg.

Womöglich droht ihrem Verein sogar eine Sammelklage in Millionen-Höhe. Denn der Marathon wurde, wie Bloomberg betonte, nicht aufgrund unbeeinflussbarer Umstände abgesagt. Somit könnten Teilnehmer den Veranstalter durchaus auf Schadensersatz belangen. Im Vorjahr beliefen sich die Gesamtkosten für Reise, Unterkunft und Verpflegung eines Teilnehmers des New-York-Marathons laut Umfrage im Schnitt auf 1778 Dollar pro Person.

Viele Hobbyläufer wollten bereits unmittelbar nach der Absage wissen, ob sie zumindest ihre Teilnahmegebühr von bis zu 347 Dollar zurückbekommen. Die NYRR zeigten sich bislang nicht kompromissbereit, sondern verwiesen strikt auf ihre Police, in der ausdrücklich steht, dass es keine Kostenrückerstattung gibt.

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