Kommentar

Marathon abgesagt - New York setzt ein historisches Zeichen

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Foto: epa Keith Bedford / dpa

Dass der New-York-Marathon abgesagt wurde, hat auch mit Sportsgeist zu tun. Die Entscheidung fiel Bürgermeister Bloomberg trotzdem schwer.

Man kann den New Yorkern wirklich nicht vorwerfen, sich das Leben derzeit leicht zu machen. Bis zuletzt hielt Bürgermeister Michael Bloomberg am Marathon fest; der Mann mit dem demonstrativen Optimismus wollte der Welt, seinen Bürgern und wohl auch sich selbst zeigen, dass so ein Wirbelsturm alles durcheinanderbringen könne, aber nicht die spannendste Stadt der Welt. Der traditionsreiche Lauf, Partner Berlins in der Klasse der weltweit attraktivsten Marathons, als Sinnbild für die Unbeugsamkeit der New Yorker, die sich nicht von Terror, nicht von Hurrikans unterkriegen lassen, Motto: Ruhe bewahren, weitermachen.

Der öffentliche Druck der letzten Tage war dann doch zu stark. Manche Einwohner der in Teilen verwüsteten Stadt sprachen aus, was viele dachten: Schenkt euch diesen Marathon. Jede helfende Hand wird gebraucht; die Menschen benötigen ein Dach, Strom, Benzin. Die vielen Tausend Helfer und Sanitäter an der Strecke sind derzeit allemal sinnvoller einzusetzen als beim Fähnchendienst an Einfahrten und der Ausgabe von Iso-Drinks. Soll man Wasser auf den Straßen verplempern, wenn viele Hähne versiegt sind? Was sind das für Bilder, wenn Zigtausende Freizeitathleten durch Trümmer traben, Applaus einfordern für ihren Trab und noch Fotos schießen von den Gebeutelten, die in der Asche nach ihren Habseligkeiten stochern?

Bei aller Symbolkraft einer großen Sportveranstaltung ist es angebracht, die Prioritäten zu sortieren. Marathon ist eine wenn auch für manchen Teilnehmer qualvolle Spaßveranstaltung und gehört derzeit nicht zu den Wichtigkeiten in einem Katastrophengebiet mit fast 100 Toten, wo sich womöglich die Präsidentschaftswahl entscheidet.

Klar, für viele Läufer ist New York der Lebenstraum, manche haben hart gespart für die Reise. Andererseits darf sich jeder glücklich schätzen, der keine anderen Probleme hat als einen vergeblichen Flug und eine Hotelrechnung. Der Verdacht, der in Läuferkreisen geäußert wird, die New Yorker hätten sich mit der Absage so lange Zeit gelassen, um noch ein paar Zimmer zu verscherbeln, ist an Infamie kaum zu überbieten und sagt mehr über die seltsamen Wertemuster der Verschwörungstheoretiker als über die, die absagten. Den paar Millionen an Übernachtungseinnahmen stehen immense Ausfälle gegenüber, für ausfallende TV-Übertragungen, murrende Sponsoren und deren Regressforderungen.

Anstatt den entgangenen Spaß-Event zu begreinen, stünde es den Freizeitathleten aus aller Welt sehr viel besser an, die überschüssigen Kräfte beim Aufräumen einzusetzen. Gut trainiert sind sie ja. Man kann seine Energie auch einsetzen, um ein paar Stunden den Schutt wegzuräumen, Blut zu spenden oder Decken an die zu verteilen, die mit Bangen der angesagten Kälte entgegenbibbern. So könnte von diesem Marathon, der keiner ist, ein historisches Zeichen ausgehen: Sie kamen alle, um ihre Freude in und mit New York zu haben. Jetzt sind sie da und können den New Yorkern zur Seite stehen. Sportsgeist bedeutet nicht nur Wettrennen, sondern viel mehr ein praktiziertes Wirgefühl.

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