Ausnahmezustand an der US-Ostküste: Millionen Menschen warteten am Sonntag voller Sorge auf den Hurrikan „Sandy“, der in der Nacht zum Dienstag mit heftigen Regenfällen und meterhohen Flutwellen über die dicht besiedelte Region hereinbrechen sollte. Angesichts der Absage tausender Flüge drohte ein Verkehrschaos, in der Metropole New York kam das öffentliche Leben zum Stillstand.
In New York begannen die Behörden am Sonntag damit, 375.000 Menschen aus tiefer gelegenen Gebieten in Sicherheit zu bringen. Für die Busse, U-Bahnen und Vorortzüge der Metropole, die sonst rund um die Uhr unterwegs sind, wurde ein Fahrverbot verhängt. Für Montag wurde das Hauptquartier der UNO ebenso geschlossen wie die New Yorker Börse.
Um die Sicherheit der Händler und Angestellten nicht zu gefährden, bleiben die Handelsplätze in den Vereinigten Staaten geschlossen. Dies ordnete die US-Wertpapieraufsichtsbehörde SEC in New York an. Damit gibt es am Montag keinen Handel an den bekanntesten Börsen der Welt, der New York Stock Exchange (NYSE) und der Nasdaq.
Ob am Dienstag wieder gehandelt werden könne, stehe noch nicht fest. Zunächst hatte es geheißen, nur der Parketthandel falle aus. Das letzte Mal war die Börse 1985 sturmbedingt geschlossen, damals war es Hurrikan „Gloria“. Auch nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 stand der Handel an der berühmten Wall Street still. Am 8. Januar 1996 hatte die NYSE wegen eines Wintersturms die Handelszeiten verkürzt.
Der Verlauf des Hurrikans ist auf der Internetseite der „New York Times“ zu sehen - hier.
Evakuierungen auch in New Jersey und Delaware
Auch in den Bundesstaaten New Jersey und Delaware, wo das Zentrum des Sturms auf Land treffen sollte, ordneten die Behörden Evakuierungen an. Die Brandung sollte sich an der Küste den Vorhersagen zufolge auf mehr als drei Meter Höhe auftürmen. Der Strandort Rehoboth in Delaware glich nach der Evakuierung einer Geisterstadt, berichten Reporter. Auch Washington und Philadelphia stellten den öffentlichen Nahverkehr ein.
In der US-Hauptstadt konnten die Mitarbeiter der Regierung zum Wochenbeginn zuhause bleiben. Für zwei Millionen Kinder fiel wegen Schulschließungen in sieben Bundesstaaten am Montag der Unterricht aus. Die Fluglinien strichen mehr als 7400 Flüge, auch viele Transatlantikverbindungen waren betroffen. Schon seit dem Wochenende hatte sich die Bevölkerung mit Hamsterkäufen auf den Sturm vorbereitet, in vielen Gegenden wurden Wasser und Taschenlampen knapp.
50 Millionen Menschen wohnen im Gefahrengebiet
Mehr als 1100 Kilometer lang ist der Küstenstreifen von Maine bis nach South Carolina, der die Auswirkungen von „Sandy“ spüren könnte. Im Gefahrengebiet im Nordosten der USA wohnen etwa 50 Millionen Menschen. Der Hurrikan, durch den in den vergangenen Tagen auf seinem Weg durch die Karibik 66 Menschen ums Leben gekommen waren, sollte sich nach Angaben von Wetterexperten mit einer Kaltfront zu einem besonders schweren Unwetter vereinigen.
Neben Starkregen und Überschwemmungen warnten Meteorologen in höheren Lagen auch vor massiven Schneefällen. Die heftigen Winde könnten vor allem in ländlichen Gebieten die oberirdischen Stromleitungen zum Einsturz bringen und zu tagelangem Elektrizitätsausfall führen. „Sandy“ dürfte demnach bis nach Ohio – also weit ins US-Landesinnere hinein – für Verwüstungen sorgen. Mehrere Bundesstaaten und die Hauptstadt Washington verhängten bereits den Notstand.
US-Präsident Barack Obama forderte seine Mitbürger auf, die Bedrohung durch den Hurrikan „sehr ernst“ zu nehmen. Obama ermahnte die Bewohner der Ostküste, die Anweisungen der Behörden in den kommenden Tagen genauestens zu befolgen. Dem Chef des Nationalen Hurrikan-Zentrums, Rick Knabb, machte vor allem die schiere Größe des Sturms Sorgen. „Das System ist so groß, dass Millionen von Menschen in Gegenden leben, die von Springfluten oder Überschwemmungen durch Flüsse betroffen sein könnten“, sagte Knabb.
afp/dpa/bee



