Die US-Ostküste bereitet sich auf den Wirbelsturm vor. Schulen werden geschlossen, Flüge fallen aus, Bahnen und Busse stehen still.

Mitten im Endspurt des US-Wahlkampfs wappnen sich Ostküsten-Metropolen wie New York und Washington für einen der schwersten Wirbelstürme seit Jahrzehnten. Wegen seines Ausmaßes und der zeitlichen Nähe zu Halloween am Mittwoch wird „Sandy“ in den USA auch „Monstersturm“ genannt.

Mehr als 3000 US-Flüge wurden gestrichen, darunter auch Verbindungen von und nach Deutschland. Schulen sollten geschlossen bleiben, Supermärkte wurden leergekauft.

Der schon jetzt wegen seiner enormen Ausbreitung als historisch eingestufte Wirbelsturm nahm nach seinem desaströsen Zug durch die Karibik Kurs auf die Ostküste – einer der am dichtesten besiedelten Regionen der USA.

Ab Montagabend könnte er dem gesamten östlichen Drittel der USA Starkregen und Schnee bringen sowie Überschwemmungen und Stromausfälle auslösen. Für die Bewohner der Hauptstadt Washington und mehrerer Bundesstaaten, darunter New York und Maryland, riefen die Behörden den Notstand aus.

Hunderttausende müssen ihre Wohnungen verlassen

375.000 Bewohnern der Millionenstadt New York müssen gar ihre Häuser verlassen. Das ordnete Bürgermeister Michael Bloomberg am Sonntag an. Betroffen sind vor allem die niedriger gelegenen Stadtteile im Süden Manhattans, darunter auch das beliebte Tribeca, in dem nach der Zerstörung vom 11. September 2001 Tausende neue Wohnungen geschaffen worden waren.

„Dies ist ein ernstzunehmender und gefährlicher Sturm“, warnte Bloomberg. Die erste Ausläufer wurden bereits in der Nacht zum Sonntag (Ortszeit) erwartet, die volle Wucht des Megasturms sollte jedoch erst am Montag auf New York und die Nachbarstaaten treffen. Die Bewohner sollten in Evakuierungszentren unterkommen.

In der US-Metropole soll zudem der öffentliche Nahverkehr ab Sonntagabend 19 Uhr Ortszeit (0 Uhr MEZ) ruhen. Sicherheitshalber würden Busse, U-Bahnen und Züge in den Depots bleiben, sagte der Gouverneur von New York, Andrew Cuomo.

Die Behörden fürchten wegen starker Winde und Überschwemmungen zu hohe Risiken für den Bus- und U-Bahnbetrieb. Sie kündigten an, der Nahverkehr werde zwölf Stunden nach Ende des Sturms den Betrieb wieder aufnehmen.

Auch in der Millionenstadt Philadelphia sollten ab Montag Busse und Bahnen nicht mehr fahren. Für die Stadt und den Bundesstaat Pennsylvania wurde der Notstand ausgerufen. Die Bewohner von Inseln vor der Atlantikküste von New Jersey wie Long Beach Island wurden aufgefordert, umgehend ihre Häuser zu verlassen und sich auf dem Festland in Sicherheit zu bringen.

Schulen und Universitäten in den US-Bundesstaaten, die „Sandy“ treffen sollte, stellen den Unterricht bis mindestens Mittwoch ein. Vielerorts wurden Klassenräume zu Evakuierungszentren.

Menschen decken sich mit Vorräten ein

Die Bevölkerung deckte sich mit Lebensmittelvorräten, Trinkwasser und Batterien ein. Nach Schätzungen der US-Regierung könnten insgesamt rund 50 Millionen Menschen die Folgen von „Sandy“ zu spüren bekommen.

Erste Flugverbindungen nach Nordamerika sind auch vom größten deutschen Flughafen in Frankfurt gestrichen worden. Die Fluggesellschaften United Airlines und Singapore Airlines sagten für Sonntag und Montag fünf Verbindungen nach Washington ab. Bei der Lufthansa wurden zunächst keine Flüge gestrichen. Man warte die weitere Entwicklung an der amerikanischen Ostküste ab, sagte ein Sprecher.

Auch die Fluglinie Air Berlin streicht wegen der Warnungen vor Hurrikan „Sandy“ mehrere Flüge in und aus den USA. Insgesamt würden Sonntag, Montag und Dienstag zehn Flüge ausfallen, sagte eine Sprecherin am Sonntagabend. Das betreffe Verbindungen von Berlin und Düsseldorf nach New York und zurück. Passagiere könnten umbuchen oder kostenlos stornieren.

An der Börse soll dennoch gehandelt werden

Mit den Verkehrsbeeinträchtigungen in der Finanzmetropole der USA gerät auch die Wall Street in Bedrängnis. Die New Yorker Börsen feilten aber an Notfallplänen und sicherten zu, den Handel am Montag wie gewohnt zu starten.

Trotz des aufziehenden Hurrikans soll aber am Montag an der New Yorker Börse (Nyse) gehandelt werden. Die Sitzung werde am Vormittag wie üblich begonnen, kündigte ein Nyse-Sprecher am Sonntag an. „Wir prüfen weiter die Situation und sind im Gespräch mit den Regierungs- und Aufsichtsbehörden sowie den Marktteilnehmern“, sagte er.

Auch der Wahlkampf gerät durcheinander

Doch der von den Amerikanern als „Monstersturm“ gefürchtete Hurrikan „Sandy“ bedroht nicht nur die Bevölkerung, sondern wirbelt auch den Wahlkampf von Präsident Barack Obama und seinem Herausforderer Mitt Romney durcheinander: Obama verzichtet auf Kundgebungen in Virginia und Colorado und kündigte an, sich in der Hauptstadt dem Krisenmanagement zu widmen. Auch Romney sagte zehn Tage vor der Wahl einen Auftritt in dem von „Sandy“ bedrohten Virginia ab.

„Der Präsident wird regelmäßig über den Sturm und die Vorbereitungen informiert“, teilte das Präsidialamt mit. Obama sagte eine für Montag geplante Kundgebung in Virginia ab, zu der auch sein Vor-Vorgänger und populärer Parteifreund Bill Clinton erwartet wurde.

In den USA wird am 6. November abgestimmt, doch viele Wähler nutzen die Möglichkeit zur vorzeitigen Stimmabgabe. In Maryland und Virginia herrschte in den Wahllokalen Hochbetrieb, weil die Bürger noch vor drohenden Stromausfällen für ihren Kandidaten votieren wollten.

Warum der Sturm so gefürchtet wird

Viele Experten warnen, dass „Sandy“ deutlich größere Schäden anrichten könnte als „Irene“ im vergangenen Jahr. Dieser Sturm hatte im Nordosten der USA bereits für Milliardenschäden gesorgt. „Sandy“ fielen in der Karibik mindestens 66 Menschen zum Opfer.

Der Sturm ist nicht so sehr wegen seiner Windgeschwindigkeit gefürchtet, sondern wegen seiner enormen Fläche und seines besonderen Charakters: Er ist eine Mischung aus Wintersturm mit arktischer Kaltluft und einem typischen Tropensturm. Aus dieser Kombination, so fürchten Experten, könnte ein besonders schwerer Sturm mit katastrophalen Folgen entstehen.

Am Sonntag hielt zudem eine Tsunami-Warnung für Hawaii die USA in Atem, die nach einem schweren Beben vor der Pazifikküste Kanadas ausgegeben worden war. Als an den Stränden der bei Urlaubern beliebten Inselgruppe die Wellen niedriger als erwartet ausfielen, gaben die Behörden Entwarnung.