Käufliche Begleitung

Warum ein Berliner Callboy nicht nur aufs Geld schaut

| Lesedauer: 14 Minuten

Foto: David Heerde

Er arbeitet bevorzugt in Berliner Nobelhotels, Diskretion ist Ehrensache. Doch jetzt erzählt Richard aus seinem Leben.

Teestunde im „Ritz Carlton“. Die Gesellschaft sitzt in glänzenden Clubsesseln. Spitze Lippen nippen Tee aus Wedgwood-Porzellan. Geschäftsmänner rascheln mit ihren Unterlagen im Anzugschoß, während andere leise in ihr Smartphone murmeln. Das Personal beantwortet jede Bestellung mit einem „Sehr gerne“ und einem Lächeln. Denn der Gast wird hier behandelt wie ein rohes Ei. Er wandelt auf dicken Teppichen. Gedämpftes Licht und leise Klaviermusik mutet man ihm gerade noch zu.

In einen olivgrünen Loungesessel sitzt eine ältere Dame. Weißer Pelz umschlingt ihren Hals. Das edle Fell zwingt sie, ihr Kinn zu recken. „Ein klassischer Fall“, urteilt Richard (Name von der Redaktion geändert) neben mir: „Ihr Mann telefoniert die ganze Zeit und beachtet sie nicht mehr.“ Die Dame blickt geradeaus, der mutmaßlicher Gatte auf dem Sessel gegenüber gestikuliert mit dem Handy am Ohr an ihr vorbei. „Vielleicht hatte ich sie ja vor zwei Wochen“, sagt Richard, der in etwa so aussieht, wie man sich eine Mischung aus Markus Lanz und Popsänger Robbie Williams vorstellt. Der junge Herr hat keinen Nachnamen. Er ist Callboy.

„Richard ist in Gesellschaft liebenswürdig und entzückt auf zuvorkommende Art“– „Richard ist ein erfindungsreicher und hilfsbereiter Gentleman“ – „Frisch und unterhaltsam kann er eine ganz Nacht lang diskutieren.“ Autor dieser Zeilen ist Michael Bachor. Er ist Inhaber von „Escort4Ladies.de“, einer in Bonn ansässigen Begleitservice-Agentur.

Die meisten Buchungen erhält Bachor nach eigner Aussage aus Berlin, Frankfurt am Main und München. 20 Hauptstadt-Callboys sind auf seine Seite gelistet, darunter Männer, die in ihrem „richtigen Leben“ Arzt, Chemiker oder Erzieher seien. „Niemand der Herren, und das ist ein großer Unterschied zu dem Geschäft mit weiblichen Escorts, übernimmt die Termine aus wirtschaftlichen Zwängen“, sagt Bachor: „Die suchen sexuelle Erfahrungen abseits vom Tellerrand.“ Seit fünf Jahren bietet er den „Begleitservice“ für Frauen an. Und obwohl die Nachfrage steige, buchten mehrheitlich nicht Frauen einen Escort-Begleiter, sondern Paare. „Für eine Dreier-Erfahrung“, sagt Bachor lapidar.

Zwei Stunden kosten 400 Euro

Wenn Frauen allein einen Escort bestellten, seien sie häufig zwischen 35 und 45 Jahren alt, unverheiratet und beruflich sehr erfolgreich. „Diese Damen sehnen sich nach einem Abend, an dem allein sie im Mittelpunkt stehen und sich fallen lassen können.“ Manchmal erhalte ein Escort-Mann vier, fünf Buchungen im Monat, manchmal auch keine. 400 Euro kosten zwei Stunden mit gebuchtem Begleiter. Ein Prozentsatz der Pauschale gehen an den Vermittler. Bezahlt wird bar. Im diskreten Umschlag.

Richard aus Berlin-Mitte will erst einmal nichts trinken. Den Mantel im Pfeffer-und-Salz-Muster hat er neben sich abgelegt. Etwas unruhig rutscht der 33-Jährige auf dem schwarzen Stoffpolster unserer Loungeecke hin und her. Mal legt er ein Bein über das andere, mal beugt er sich vor. Auf seinen Agenturfotos trägt er mal Anzug und mal nur einen Rosenkranz über dem nackten Astraloberkörper.

Seit drei Jahren arbeitet der hauptberufliche Außendienst-Mitarbeiter auch als Escort-Mann. Vor jeder „Buchung“ sei er aufgeregt. „Alter, Aussehen, Fitnessgrad, ich weiß nie, was auf mich zukommt. Wie hier jetzt eigentlich auch mit dem Interview“, sagt er lächelnd und berührt mich dabei am Oberarm. Flüchtig und mit der flachen Hand. Eine von Kommunikationsratgebern häufig empfohlene Geste zum Vertrauens- und Sympathieaufbau.

An jeder Frau etwas Schönes finden

Noch nie habe er eine Buchung absagen müssen, sagt der gebürtige Leipziger und klingt stolz. Auch nicht, wenn eine Kundin im Alter seiner Mutter gewesen sei. Er könne an jeder Frau etwas Schönes finden. Und sei es nur ein Duft, ein Lachen, eine Stimme. Er lächelt, ein bisschen zu breit. Sagt, er konzentriere sich auf diesen schönen Aspekt, dann bekomme er Gedanken und Körper unter Kontrolle, falls es zum Sex kommen sollte. Was in etwa 60 Prozent seiner Buchungen der Fall sei. Nur einmal sei er im Hotelzimmer nach Ansicht wieder weggeschickt worden. „Da regelt man das Finanzielle und fragt nicht nach Gründen.“

Generell gehe es in den ersten Minuten aber immer darum, Unsicherheiten abzubauen. Er kommt mir mit dem Oberkörper entgegen: „Viele Kundinnen fragen sich: ,Was denkt er jetzt von mir?' Oder wollen wissen: ,Warum macht er das eigentlich?'“, Richard lächelt wieder, wieder sehr breit: „Man kann mich ganz ungezwungen fragen.“ Eine seiner Bekannten habe früher als Escort-Frau gearbeitet – und obwohl sie nicht nur Positives über den Job erzählt habe, sei er fasziniert gewesen.

Im Internet fand Richard die Agentur Bachors und bewarb sich per Mail. Er machte Angaben zu seinen Hobbys – er sagt, er gehe gern zum Bowling –, seinen Maßen – 1,82 Meter ist er groß – und zu seinem Lieblingsparfüm (Roma Umo). „Ich glaube aber, dass der Job für Männer leichter ist. Wenn bei meiner Bekannten unangekündigt ein zweiter Herr bei einer Buchung auftauchte, war das für sie ein Problem. Für mich ist es keins, wenn es heißt: ,Hey Richard, ich habe noch eine Freundin mitgebracht.'“

Der Callboy lacht jetzt. Sein Job sei toll, wenn er wie selbstverständlich ins „Ritz Carlton“ gehe, mit dem Lift in den 5. Stock fahre und dort eine attraktive junge Frau treffe. Einmal sei sogar eine junge Berliner Prominente, bekannt aus Film und Fernsehen, seine Kundin gewesen. Aber die Regel seien solche Termine nicht.

Wer seine Kundinnen sind

Da sei die 23-Jährige, die endlich ihr erstes Mal erleben wolle und deswegen zwei Stunden mit ihr verbringe. Da sei die Ehefrau, die alles habe: Hund, Haus, Mann, Kinder. Aber niemanden zum Reden. Die sich an die Agentur wende, um ihm ihre Sorgen zu erzählen. Da sei die Betrogene, die ihn auf eine Party einlade, zu der auch ihr Ex erscheine, um ihn eifersüchtig zu machen: „Und da ist die gut betuchte ältere Dame, die wieder Beachtung sucht. Das alles sind klassische Fälle“, sagt Richard und bestellt dann doch einen Espresso: „Und dann sind da noch die verrückten Geschichten.“ Mit einem kleinen Löffel rührt der Callboy im Wedgwood-Porzellan. Nippt am Goldrand und hält das Tässchen dann während des Redens in seinen Händen.

„In der Nähe von Onkel Toms Hütte hat ein Kunde seinen Siebzigsten mit einer Lack- und Lederparty gefeiert. Für sich hat er drei Escort-Frauen bestellt und damit seine Frau sich nicht langweilt, wurde ich für sie dazu gebucht. Auch im Latexkostüm.“ Ein Schluck Espresso. „Das sind so Sachen, da lacht man später schon über sich.“ Die Tasse ist nun leer, er dreht und wendet sie zwischen seinen Händen, verhakt seine Finger in ihrem Henkel, ein Zeichen von Nervosität inmitten lauter lässiger Gesten. Eigentlich rede er sonst nie über seine Buchungen. Seine zwei besten Kumpel seien eingeweiht, aber es sei nicht gut, weder für die Kunden, noch für die Agentur, wenn er indiskret sei.

Lieber mache er alles mit sich selbst aus. „Das kann auch mal eine Genugtuung sein. Denn das wovon andere nur lesen oder hören, das erlebe ich. Ich sehe die Welt mit anderen Augen, blicke auch in die Abgründe. Ich sehe mehr.“ In der älteren Frau mit Pelz und telefonierender Begleitung sieht er eine vernachlässigte Ehefrau. „Genauso gut könnte sie aber natürlich auch eine sein, die verurteilt, was ich mache.“ Und wieder lächelt Richard, stellt das Porzellan zurück auf den Tisch. Zuletzt traf er sich mit einem israelischen Pärchen in der Lobby des „Ritz Carlton“: „Sie waren geschäftlich hier. Erst haben wir in der Gendarmerie gegessen, später waren wir hier oben auf dem Zimmer.“

Nur selten treffe er eine Kundin oder ein Paar zu Hause. „Das soll alles anonym bleiben. Auch ich überlege beim Smalltalk jedes Mal genau, was ich von mir preisgebe.“ Populäre Treffpunkte seien alle großen Berliner Hotels, das „Ritz Carlton“, das „Hilton“, das „Adlon“, sowie die Restaurants rund um den Gendarmenmarkt, die „Gendarmerie“, das „Lutter und Wegner“, sowie diverse Italiener am Kurfürstendamm. Im Taxi zurück ins Hotel beginne er dann meist die Frau zu streicheln – auch Küsse sind erlaubt. Im Hotelzimmer selbst solle er Paaren häufig erst nur zugucken.

Geld sei nicht der alleinige Grund

„Allein die Hotelzimmer sind meist schon ein Erlebnis“, sagt Richard. „Denn meine Urlaube sind selten so schick.“ Geld sei nicht der alleinige Grund, warum er sich als Escort zur Verfügung stelle.

Es gehe ihm mehr um Abenteuer, Neugier und letztlich auch Befriedigung. „Ich bin Teil dieser anderen Welt. Das soll jetzt nicht überheblich klingen, aber immer wenn Bekannte prahlen, was für verrückte Geschichten sie erlebt haben, dann kann ich genugtuend in mich hinein schmunzeln, weil ich weiß, falls es überhaupt wahr ist, ist es nichts im Vergleich zu dem, was ich erlebe.“

Von dem Geld seiner „Termine“ kaufe er sich mal einen neuen Laptop oder gönne sich mal ein Wellness-Wochende. Das Callboy-Dasein erlaube dem Vertreter, lockerer mit Geld umzugehen. Schlecht gefühlt habe er sich nach einem Termin noch nie. Er empfinde auch kein Mitleid mit Kundinnen, die ihn dafür bezahlen, einfach nur jemanden zum Reden zu haben.

„Warum sollte man auch Mitleid mit Menschen haben, die es wagen, mit gesellschaftlichen Konventionen zu brechen? Das trauen sich doch die wenigsten.“ Kann er etwas Trauriges daran finden, wenn eine Person glaubt, einen Callboy bezahlen zu müssen, um ihre Jungfräulichkeit loszuwerden?

Richard schüttelt entschieden den Kopf. „Nein, da ist sich jeder selbst der Nächste. Die interessieren sich ja auch nicht dafür, wie es mir gerade geht oder was mir am Tag zuvor passiert ist. So was lasse ich aus Terminen völlig raus.“ Auch wenn er einen Treue-Tester spiele, gehe er emotionslos vor. Er filmt heimlich das Geschehen. Richard sagt das etwas leiser. Vielleicht ahnt er, dass das gegen die Persönlichkeitsrechte seiner Testpersonen verstößt. „Ich bin dem gegenüber loyal, der zahlt“, sagt Richard, nimmt eine gefüllte Olive aus dem Snack-Trio, kaut, hält sich die Hand vor den Mund. Entschuldigt sich. Auch positive Gefühle wie eine Verliebtheit habe er nie aus den Treffen herausgetragen.

Das schalte man aus, weil beide wüssten: Sobald die Zeit um sei, komme das abrupte Ende.

Nur ein einziges Mal sei ihm eine Gegebenheit länger im Gedächtnis geblieben: „Es gab da einen Termin mit einer Frau, die ihre Sehkraft aufgrund einer Krankheit verloren hatte. Ihre Ehe war daran gescheitert. Sie hat dieses ganze Thema Zärtlichkeit und Berührungen so vermisst, das war alles viel intensiver für sie.“ Für Richard „emotional eine andere Nummer“. „Aber wie das so ist, findet man Zuhause im Briefkasten einen Strafzettel, denkt man da auch nicht mehr drüber nach.“

Kollegen fanden ihn auf der Internetseite

Seitdem Richard als Escort mit Fremden schläft, hat er keine Beziehung mehr geführt. „Aber natürlich habe ich auch private Kontake“, wirft er schnell ein. In den zehn Jahren vor seiner Callboy-Zeit habe er immerhin drei lange Beziehungen geführt.

Mittlerweile werde es immer schwieriger, sich fallen zu lassen: „Und auch dieser Glaube, da empfindet jemand jetzt mehr als nur für diese zwei Stunden...“, Richard wird nun fahrig. Lächelt, diesmal dünn. Sucht nach Worten. „Wie formuliere ich das jetzt am besten?“ Er schaut an mir vorbei in die Lobby hinein.

Die Frau im Pelz und ihre Begleiter sind nicht mehr da. Eine Familie sitzt am Tisch. Ein Kind spielt auf dem Schoß seiner Mutter. „Man verlernt ein wenig, sich zu verlieben“, sagt Richard: „Wenn ich mich verlieben würde, müsste ich ja auch den Job aufgeben und das will ich gerade nicht. Dafür ist die Neugier zu groß.“ Offiziell jedoch hat Richard seinen Job aufgeben. Seine Fotos und sein Steckbrief sind runter von Michael Bachors Agenturseite.

Kollegen aus seinem bürgerlichen Beruf fanden ihn auf der Seite. Richard verdreht die Augen: „,Mein Gott, wir wussten ja nicht!' Und wie konntest du nur?“, ahmt er seine männlichen Mitarbeiter nach. „Scheinheilig“, urteilt der Vertreter. Denn die, die sich am meisten aufregten, hätten wahrscheinlich doch die größte Pornosammlung unter dem Bett. Oder? Er beugt sich zu mir. Um die Situation zu entspannen, sei er von der Website gegangen. Aufträge nehme er aber selbstverständlich noch entgegen. Im Winter steht Richard nun die Hauptsaison bevor. In den kalten Monaten gehen die meisten Buchungen ein.

Sein Lächeln ist gewinnend, das ist sogar aus dieser Perspektive zu erkennen: Callboy Richard begleitet einsame Damen häufiger aufs Hotelzimmer – was dann passiert, darf sich die Kundin wünschen

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