Lesen Sie auch, den ersten und dritten Teil des Interviews mit Escort-Girl Natalie McLennan!

Morgenpost Online: Was haben Sie gemacht, wenn ein Kunde sich als betagter Fettsack mit Schuppenflechte entpuppte?

McLennan: Uncoole Typen wurden von unseren Bookern schon am Telefon ausgesiebt und an die Konkurrenz verwiesen. Meine Kunden waren im Schnitt zwischen 25 und 45. Die eine Hälfte war Single, die andere verheiratet. Fast alle waren intelligent, teuer gekleidet, hatten trainierte Körper und rochen gut. 80 Prozent der Männer fand ich so umwerfend, dass ich mich auch ohne Bezahlung mit ihnen getroffen hätte. Ich konnte 45 Minuten oben bleiben und dachte: „Unfassbar, dass ich dafür auch noch Geld bekomme!“ Ich wurde auch nie satt, mir anzuschauen, wie viel Reichtum und guten Geschmack es gibt. Und tief in mir drin hoffte ich immer, der Liebe meines Lebens zu begegnen.

Morgenpost Online: Haben Ihre Gefühle mal dazu geführt, dass Sie kein Honorar wollten?

McLennan: Meine Politik war, immer in den ersten 30 Sekunden zu kassieren. Deshalb hat sich dieses Problem nie gestellt.

Morgenpost Online: Stimmt das Klischee, dass viele Männer bei Prostituierten in Wahrheit nur reden wollen?

McLennan: Das ist Bullshit. Bloß um dein Ohr zu haben, zahlt dir kein Mann 2000 Dollar pro Stunde. Viele Kunden haben mich erstmal zwei Stunden zum Essen ins Balthazar oder Cipriani ausgeführt, aber das Schönste daran war für sie, dass sie Zeit hatten, mich mit ihren Augen sehr langsam auszuziehen.

Morgenpost Online: Heidi Fleiss, viele Jahre die führende Callgirl-Vermieterin in Hollywood, soll in ihrer Zeit als Escort-Girl auf Wunsch eines Kunden Sex mit einem Schäferhund gehabt haben. Hatten Sie vergleichbare Erlebnisse?

McLennan: Nein. Das Seltsamste war ein äußerst snobistischer britischer Lord, den ich aus der Zeitung kannte. Er wollte zusehen, wie ich von einem Callboy gefickt werde. Mit näselnder Stimme gab er Regieanweisungen wie: „Und jetzt dreh Natalia doch bitte um zehn Grad nach rechts, damit ich sehen kann, wie du sie von hinten nimmst.“ Noch bizarrer war der CEO eines großen Fernsehsenders. Er hatte für 16.000 Dollar vier Mädchen gebucht. Aber alles, was er tat, war, auf unsere nackten Füße zu starren – und das vier Stunden lang. Ich dachte, Fußfetischismus würde irgendwann in Sex übergehen, aber nicht bei ihm. Ich habe mich noch nie in meinem Leben so unfassbar gelangweilt.

Morgenpost Online: Wusste Ihr Freundeskreis, womit Sie Ihr Geld verdienten?

McLennan: Jason prahlte an jedem Restauranttisch der Stadt, er sei „der König aller Zuhälter“ und ich die amtierende Sexgöttin. Und einmal pro Woche schaltete er im „New York Magazine“ eine halbseitige Anzeige mit meinem Gesicht. Wie soll man bei dieser Publicity ein Doppelleben führen?

Morgenpost Online: Haben Sie von Ihrer Arbeit geträumt?

McLennan: Ich hatte einen wiederkehrenden Alptraum: Ich laufe mit gesenktem Kopf und Handy am Ohr durch die Lobby des Hotels St. Regis zu den Aufzügen. Plötzlich stolpere ich über meine Manolos, und der Inhalt meiner Handtasche kullert über den Marmorfußboden: Kondome, Gleitcreme, Doppeldildo, Vibratoren, Fesseln, Kreditkartendurchschläge und Bündel mit 100-Dollar-Scheinen. Alle starren mich angewidert an wie das allerletzte Stück Scheiße.

Morgenpost Online: Als Sie Jason kennenlernten, trug er elektronische Fußfesseln. Weshalb?

McLennan: Er hatte 17 Monate im Gefängnis gesessen, weil er am Flughafen Newark mit 4000 Ecstasy-Pillen erwischt worden war, die er in Amsterdam gekauft hatte. Als er auf Bewährung freikam, sollten die Fußfesseln sicherstellen, dass er die Stadt nicht verlässt. Mit Ende 20 hatte er mit einem Telefonsexunternehmen in Miami bereits Millionen verdient. Als er pleite machte, verlor er auch seine klügste Investition: das Besitzrecht an der URL-Adresse „pussy.com“. Er hat dann zweimal versucht, sich umzubringen, zuerst mit einem Steakmesser, dann mit 150 in Scotch aufgelösten Tabletten. Natürlich hätte mich seine Vergangenheit warnen müssen, aber meine Wahrnehmung hatte große blinde Flecken.

Morgenpost Online: Nahm Jason Drogen?

McLennan: Zu seinen Bewährungsauflagen gehörten regelmäßige Drogentests. Deshalb schoss er sich nur mit Zeugs ab, das sich nicht nachweisen ließ. Sein großes Ding war Ketamin, auch als Special K bekannt. Das ist ein Betäubungsmittel für Pferde, das einen in eine tiefe Leere reinzieht – eine ungeheuer intensive Erfahrung.

Morgenpost Online: Man mag es kaum aussprechen, weil es wie elendes Klischee klingt: Jason wurde nach kurzer Zeit die größte Liebe Ihres Lebens.

McLennan: Ich weiß, Nutte verliebt sich in ihren Zuhälter ist ein echter Klassiker. Aber so war es.

Morgenpost Online: Jason wird als aggressiver, geschmackloser Angeber beschrieben, der ständig prahlte, mit mehr als 700 Frauen geschlafen zu haben. Zu seinen Erkennungszeichen gehörten ein bodenlanger Fuchspelzmantel, ein Mercedes 600 und T-Shirts mit dem Aufdruck: „Ich bin der Zuhälter deiner Freundin“. Sieht so Ihr Männerideal aus?

McLennan: Jason ist ein großes, ungezogenes Kind – und ein bisschen irre. Er hat überhaupt keine Scheu, seine Defekte und Abgründe zu zeigen. Es ist ihm auch keine Spur peinlich, dauernd mit seinen Eiern hupen zu müssen. Aber seine Freiheit machte mich frei. Zum ersten Mal im Leben hatte ich das Gefühl, mich nicht zensieren zu müssen. Das machte ihn so verrucht und sexy für mich. Wenn ich nicht gerade Kunden besuchte, waren wir unzertrennlich. Wir fühlten uns wie Bonnie und Clyde in Dolce & Gabbana.

Morgenpost Online: Sie lebten gemeinsam in einer Wohnung, in der Sie auch Kunden empfingen.

McLennan: Wir mieteten in Tribeca ein 460 Quadratmeter großes Loft mit viereinhalb Meter hohen Decken, an denen 26 Kronleuchter von Swarovski hingen. Ein Exemplar kostete 3000 Dollar. Mein begehbarer Wandschrank hatte die Größe einer Einzimmerwohnung, und eine Haushälterin machte mir Frühstück und bügelte meine Kleidung. Die Musikanlage kostete 50.000 Dollar, und wir hatten Discoscheinwerfer und eine Nebelmaschine. In einem der Zimmer stand ein Flipperautomat mit dem Gesicht von Hugh Hefner. Es war Jasons großer Traum, aus „NY Confidential“ ein Imperium im Stil des „Playboys“ zu machen.

Morgenpost Online: Waren Sie eifersüchtig, wenn Jason mit anderen Frauen schlief?

McLennan: Nein. Ich wollte, dass es eine Balance zwischen uns gibt. Deshalb habe ich ihn sogar ermuntert, andere Mädchen zu haben. Geärgert hat mich nur, wenn ich benutzte Kondome in unserem Bett fand. Es rührte mich, wenn er in mein Ohr flüsterte: „Wenn du jemals ohne Bezahlung mit einem Mann schläfst, brichst du mir das Herz.“

Morgenpost Online: Jason versuchte, den Alltag bei „NY Confidential“ als Reality-Soap an den US-Sender VH1 zu verkaufen. Waren Sie damit einverstanden?

McLennan: Total. Unsere Egos spielten verrückt. Als in unserem Loft die Probesendung gedreht wurde, fühlten wir uns schon wie die nächsten großen Superstars des Primetime-Fernsehens. Die Juristen des Senders haben dann aber ziemlich schnell den Stecker aus dem Projekt gezogen. Sie fürchteten Millionenklagen wegen Verletzung der Persönlichkeitsrechte unserer Kunden. Das war ein Tiefschlag, der Jason für immer verändert hat. Er haute sich immer mehr Special K rein und wollte mit der Mafia ins Geschäft kommen. Für das erste Treffen kaufte er zwei farblich aufeinander abgestimmte Anzüge von Dior, einen für sich, den anderen für seinen Bodyguard, einen früheren Secret-Service-Agenten.

Morgenpost Online: Woran zerbrach Ihre Beziehung schließlich?

McLennan: Ich fand heraus, dass Jason mir mehr als 150.000 Dollar Honorar nicht ausgezahlt hatte. Mein Zuhälter gab seiner Freundin und fleißigsten Angestellten ihr Geld nicht: Plötzlich fühlte ich mich wie die billigste Parkplatznutte.

Lesen Sie auch, den ersten und dritten Teil des Interviews mit Escort-Girl Natalie McLennan!

„ Natalia. Intime Bekenntnisse des teuersten Escort-Girls in New York “, Heyne Verlag, 352 Seiten, 12 Euro