Interview

Warum Lothar Matthäus eine Biografie geschrieben hat

Der Ex-Nationalspieler geht mit „Ganz oder gar nicht“ in die Offensive. Morgenpost Online sprach mit ihm über Häme, Respekt und die Zukunft.

Foto: Peter Kneffel / dpa

Morgenpost Online: Herr Matthäus, warum haben Sie eine Biografie geschrieben?

Lothar Matthäus: Weil ich möchte, dass die Leute den echten Lothar Matthäus kennenlernen. In Deutschland sind so viele Bücher auf dem Markt, mit denen ich nichts zu tun habe, aber dennoch steht mein Name mit drauf. Das darf man ja in Deutschland, über Leute schreiben ohne deren Erlaubnis. Schade, ist aber so. So entstand ein falsches Bild von mir. Ich bin nicht so, wie die Leute denken.

Morgenpost Online: Wie sind Sie dann?

Matthäus: Ich bin geprägt durch meine Kindheit, durch die Erziehung meiner Eltern. Wenn die Leute den Anfang des Buches lesen, in dem es um meine Wurzeln in Herzogenaurach geht, dann verstehen sie den wahren Lothar Matthäus. Das geht in die Tiefe. Wie ich mich als Kind durchkämpfen musste, jünger und immer ein Kopf kleiner als die anderen, das prägt.

Morgenpost Online: Sie kämpfen immer noch, wie mit diesem Buch. Sie kämpfen um Respekt, der Ihnen Ihrer Meinung nach gebühren müsste, den Sie hierzulande vermissen.

Matthäus: In Deutschland geht man mit Menschen, die etwas geleistet haben, nicht fair um. Es ist Mode, Leute ins Lächerliche zu ziehen, sich über sie lustig zu machen. Es wird so viel Respektloses über mich geschrieben. Die Menschen kennen mich nicht, aber sie glauben das, weil sie so viel über mich lesen. Das falsche Bild, das die Medien mitunter liefern, das stört mich.

Morgenpost Online: Sie schreiben, hier in Deutschland seien Sie nur „der Loddar“, in Italien dagegen „Il grande Lothar“. Was wollen Sie denn, wollen Sie verehrt werden?

Matthäus: Es geht mir nicht um Verehrung, sondern um Anerkennung. Auf der ganzen Welt begrüßen sie mich mit Freude und Herzlichkeit und sagen: „Hey Lothar, schön, dass du da bist.“ Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In meiner Zeit in Israel, da gab es ein Lokal, das hieß „Türkis“. Damals war ich oft mit Liliana dort. Eines Abends seh ich eine Flasche Aperol hinter der Bar und frage: „Habt ihr einen Aperol Sprizz?“ Die Antwort: „Nein, was ist das?“ Und weil ich gerade Zeit hatte, mixe ich denen einen Sprizz: Aperol, Prosecco, Wasser. Vor sechs Monaten komme ich mit Joanna ins „Türkis“, schaue die Getränkekarte an, was steht drin? „Matthäus-Cocktail“: Aperol, Prosecco, Wasser. Joanna hat ihren Augen nicht getraut.

Morgenpost Online: Haben Sie auf Ihr Urheberrecht gepocht?

Matthäus: Warum sollte ich? Sie sagten, der Matthäus-Cocktail ist der wahre Renner. An der Geschichte sieht man, in Israel zählt mein Name etwas. Oder nehmen Sie Inter Mailand. Da stehen 20.000 Menschen im Stadion auf und geben Standing Ovations, nicht etwa weil ein Tor fällt, sondern nur weil ich zu meinem Platz gehe und sie mich entdeckt haben.

Morgenpost Online: 20.000?

Matthäus: Übertrieben, gut, vielleicht sind es auch weniger. Ich will damit nur zum Ausdruck bringen, wie man mich im Ausland sieht, da wird respektiert, was ich geleistet habe.

Morgenpost Online: Und hier sind Sie eine Witzfigur. Dreht man im Radio Bayern 3 an, kommt immer die Parodie von Franz & Lothar. Der eine ist die Lichtgestalt, der andere eine Lachnummer. Warum ist das so?

Matthäus: Wenn ich mit Franz Beckenbauer hier über die Straße gehe, dann geht der Franz richtig drüber und ich gehe falsch. Das meine ich ja mit dem Bild, das man von mir hat. Oder warum ist es gerade bei mir verboten, eine jüngere Frau zu heiraten wie damals bei Liliana. Joschka Fischer hat doch auch eine Frau, die viel jünger ist als er, nur bei mir gibt das gleich wieder Schlagzeilen.

Morgenpost Online: Für die sorgten Sie aber schon auch selbst. Schließlich drängten Sie sich mit Liliana permanent in die Öffentlichkeit. Sehen Sie da nicht Fehler bei sich?

Matthäus: Ich war sicher nicht schuldlos, ganz klar. Vielleicht war der Altersunterschied doch zu groß. Liliana hat die Ehe nicht gelebt, sie ist ausgebrochen, hatte Nachholbedarf, mit 22, 23 Jahren, war in diesem Klub ausgeflogen, hat bei jenem auf dem Tisch getanzt, war viel alleine unterwegs. Sie wollte ihre Jugend ausleben, was nachvollziehbar war, aber sie übertrat dabei die Grenzen. Das ging dann auf meine Kosten und kam wie ein Bumerang auf mich zurück. Da hat sich die Öffentlichkeit amüsiert. Es ist als Promi nicht mehr so angenehm wie vor 30 Jahren. Da konntest du im Biergarten noch einen trinken und zwei Mädels im Arm haben, ohne dass einer mit seinem Smartphone ein Bild machte und verbreitete.

Morgenpost Online: Aber noch mal, Sie selbst waren es doch, der die Klatschspalten bediente. Allein die Debatte, als Liliana sagte, sie hätte Ihnen ihre Jungfräulichkeit geschenkt und Sie allen Ernstes erwiderten, Sie hätten das gar nicht bemerkt. Das ging doch in jeder Hinsicht unter die Gürtellinie.

Matthäus: Ja. Diese Zeit hat mir geschadet. Da habe ich Dinge gesagt, zu denen ich heute keine Stellung mehr nehmen würde. Das habe ich gelernt. Man muss nicht alles kommentieren. Kürzlich hat Liliana in „FHM“ ein Interview gegeben, dass ich kein Geld zahle und sie am Telefon anflehen würde, sie möge zurückkommen. Lauter Geschichten, die nicht stimmen. Ich hätte das auch erwidern, die Bankauszüge zeigen können, aus denen hervorgeht, dass sie sehr wohl Geld bekommt. Aber das will ich nicht mehr.

Morgenpost Online: Sie schreiben, Sie sehnen sich seit einiger Zeit nach mehr Ruhe.

Matthäus: Richtig.

Morgenpost Online: Umso erstaunlicher, warum Sie dann diese Dokusoap auf Vox mit sich machen ließen. Das war doch purer Exhibitionismus.

Matthäus: Absolut. Nur war es mit Vox anfangs ganz anders abgesprochen. Es sollte eine ehrliche Geschichte werden, den Lothar anders darstellen, eben so, wie er in Wahrheit ist. Ich wollte rüberbringen, dass ich nicht den roten Teppich brauche, sondern ein ganz normaler Mensch bin, der aufsteht, frühstückt, einkauft. Aber dann kamen neue Leute in die Produktionsfirma, und die meinten, sie müssten das Klischee bedienen. Mich so zeigen, wie mich die Öffentlichkeit kennt. Und der Satz, dass ich meiner Freundin bei Minustemperaturen nicht erlaube, eine Strumpfhose anzuziehen, das haben sie dazugedichtet. Das hat zu meinem Image in Deutschland sehr gut gepasst.

Morgenpost Online: Ist dieses Image auch dafür verantwortlich, dass Sie in der Bundesliga noch immer keinen Trainerjob bekommen haben?

Matthäus: Nein. Ich hatte Möglichkeiten, Erste Liga, Zweite Liga, Angebote, interessante Verhandlungen, nur hat es nie gepasst. In Nürnberg und Frankfurt wollten mich die Fans nicht, weil ich Ex-Spieler des FC Bayern bin. Trotz vieler Trainerwechsel hat sich eine für mich passende Situation nicht ergeben. Schauen Sie nur nach Köln: In Köln suchen sie jedes Jahr drei Trainer.

Morgenpost Online: Wo sehen Sie denn dann Ihre Zukunft?

Matthäus: Als Trainer da, wo ich mich wohlfühle, zumindest wird es keine zweite Autobiografie geben und keine zweite Dokusoap. Vielleicht arbeite ich auch als Sportdirektor, ich bin weltweit gut vernetzt, das kann ich mir gut vorstellen.

Morgenpost Online: Tut Ihnen Häme noch weh?

Matthäus: Nein. Schon lange nicht mehr. Am Anfang der Karriere war ich stolz, wenn ich meinen Namen in der Zeitung las, heute bin ich froh, wenn er nicht mehr drinsteht. Ich komme mit dem Spott gut klar, leid tun mir meine Eltern.