Den Briten sagt man fälschlicherweise Zurückhaltung in ihren emotionalen Ausdrucksformen nach. Wer's bezweifelt, komme nach London und schaue sich den Überschwang der vier Feiertage an, die von heute an über die Nation hereinbrechen wie eine sehnlich erwartete Ablenkung von aller wirtschaftlichen und politischen Misere.
60 Thronjahre der Queen, Flaggen und Fähnchen überall, der Union Jack übernimmt die Regie. Es ist auch ein Jubiläum der Selbstbestätigung, man feiert sich als Gemeinschaft im Glanz dieser Ikone, an deren Dienstjahren sich britische Biografie der Nachkriegszeit ablesen lässt.
Elizabeth II. gab es schon, als noch Lebensmittel rationiert wurden, die Todesstrafe galt, Churchill Premierminister war und Olympische Spiele in Helsinki stattfanden, bei denen die Briten eine (sic!) Medaille gewannen.
Heute regiert ein David Cameron in der Downing Street, der nach den vier Kindern der Monarchin geboren wurde, und London richtet nach 1908 und 1948 zum dritten Mal Olympische Spiele aus, in Erwartung eines reichen Medaillensegens.
Die Queen, der gute Geist der Beständigkeit
60 Jahre und ein Staatsoberhaupt. So wandelt die Queen durch die Metamorphosen der Geschichte wie der gute Geist der Beständigkeit. Kein Wunder, dass laut der jüngsten Erhebungen 75 Prozent der Befragten an der Monarchie festhalten wollen. Und 60 Prozent sagen gar voraus, dass es die Monarchie in England auch noch in 100 Jahren geben wird.
Das hat sich dramatisch zugunsten der parlamentarisch-konstitutionellen Monarchie geändert, der man vor 15 Jahren, nach endlosen Tragödien in der Windsor-Familie, keine Zukunft mehr weissagen wollte. Das Vertrauen in andere Säulen des Establishments, ob Finanzwelt, Politik, Medien, ist dramatisch abgestürzt.
Ein zusätzlicher Feiertag zu den drei Tagen „Bank Holiday“ Ende Mai/Anfang Juni wurde diesmal anberaumt – anders ließe sich die Fülle der festlichen Abläufe gar nicht unterbringen.
Das beginnt an diesem Sonnabend mit dem traditionellen Derby in Epsom, dem Hochfest der englischen Wettleidenschaft. Wie passend, dass das Jubiläum mit einem Ereignis eingeläutet wird, an das auch die Queen ein Leben lang ihre Leidenschaft verschwendet hat: Pferde und Pferderennen. Sie hat im internationalen Pferdesport mit ihren Züchtungen so ziemlich alle Trophäen gewonnen, die es zu gewinnen gibt – das Epsom-Derby jedoch noch nie.
„Majestät müssen sehr nervös sein“
1953, bei ihrer Krönung, setzte sie alle Hoffnung im Derby, das einen Tag nach den Krönungsfeierlichkeiten auf dem Programm stand, auf Aureole. „Majestät müssen sehr nervös sein“, versuchte damals eine Hofdame die Queen zu beruhigen, als der Moment der Salbung in Westminster Abbey heranrückte.
„Ja, das bin ich auch“, sagte Elizabeth, „ich hoffe, dass Aureole es schafft.“ Was sich nicht erfüllte, das Pferd kam als zweites durchs Ziel, wie vor einem Jahr ihr Hengst Carlton House. Für das Derby heute hat die Queen kein Pferd gemeldet, was ihrem brennenden Interesse an dem Rennen aber keinen Abbruch tun wird.
Zweifellos richten sich alle Augen im In- und Ausland auf den Sonntag als dem spektakulärsten Programmpunkt der Jubeltage: der River Pageant, der Festkorso der 1000 Schiffe, Boote und Nachen auf der Themse, eine Flottille, wie sie London seit mehr als 300 Jahren nicht mehr gesehen hat.
Vorneweg das Trägerboot der königlichen Familie, „Spirit of Chartwell“. Auf diesem umgerüsteten, mit einem samtenen Thron für die Queen und Prinz Philip ausgestatteten Schiff werden sich auch Prinz Charles mit Camilla befinden, sowie Enkel William und seine Kate.
Für die Sicherheitsverantwortlichen ein Albtraum: Noch nie hat sich die Spitze der Monarchie, von der Königin über den Thronfolger bis zur Nummer zwei der Folgeliste, an einem Ort versammelt, der nicht der Balkon des Buckingham-Palastes ist. Zum Schutz sind allein 13.000 Polizisten abgestellt, zu Wasser, am Ufer und auch entlang des Flusses.
Drei Dörfer könurrieren um Girlanden-Rekord
Am Sonntag steigen auch die meisten der mehr als 8000 Straßenfeste, die landauf, landab dem Jubiläum huldigen. Gleich drei Dörfer konkurrieren um den Rekord für die längste Girlande aus handgenähten Wimpeln – einer traditionellen Dekoration im Königreich. Der Rekord liegt bei gut 3,4 Kilometern.
Im walisischen Bangor findet eine „Tea Party“ für Teddybären statt, geladen sind Kuscheltiere mit Besitzer. In Kent spielt ein Dorf die Schiffsparade auf der Themse für die Queen mit Papierbooten nach.
Mehr als 2000 Teilnehmer in Kostümen werden in der Grafschaft Nottingham erwartet, wo eine ganze Schlacht aus dem Englischen Bürgerkrieg im 17. Jahrhundert nachgestellt werden soll. In der Nähe der Stadt Gloucester gibt es einen Wettbewerb, bei dem Käse einen Hügel hinuntergerollt wird. Gefeiert werden soll außerdem in einigen der typischen roten Telefonzellen im Land.
Temperatursturz und Dauerregen im Königreich
Alles ist vom Wetter bedroht, ein Temperatursturz auf elf Grad und Dauerregen wurden vorhergesagt. Hätte man alles doch eine Woche früher gelegt, als England in Hochsommersonne und 27 Grad Wärme erstrahlte! Aber auch die Krönung am 2. Juni 1953 fand bei Dauernieselregen statt, ohne dass dies den Enthusiasmus der Zuschauer damals überhaupt dämpfen konnte.
Am Montag konzentriert sich das Geschehen auf den Buckingham-Palast, wo auf einer großen Bühne rund um das Victoria-Denkmal ein Konzert mit Gesangsgrößen wie Shirley Bassey, Tom Jones, Paul McCartney und Kylie Minogue geplant ist. Man muss schließlich wissen, was dem 86-jährigen Staatsoberhaupt zuzumuten ist.
Den Reigen der Feiern beschließt am Dienstag eine prachtvolle Kutschfahrt der königlichen Familie vom Buckingham-Palast bis zur St.-Paul's-Kathedrale, dem Ort des offiziellen Dankgottesdienstes für die 60 Thronjahre der Königin. Religiös grundiert, wie sie ist, wird dies für die Queen Besinnung und Ansporn sein für weitere Jahre des Dienstes an ihrem Land. Und die Briten werden aus tiefster Seele einstimmen:
God save our gracious Queen,
Long live our noble Queen,
God save the Queen.
Send her victorious,
Happy and glorious,
Long to reign over us,
God save the Queen.



