Prozess in Oslo

Experten streiten über Breiviks Zurechnungsfähigkeit

Der norwegische Attentäter Anders Breivik will nicht als psychisch krank gelten. Die Psychiater sind sich darüber im Prozess uneinig.

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Der Massenmörder Anders Behring Breivik hört unbewegt zu, wenn Teenager vor Gericht herzzerreißend über den Tod ihrer Freunde, ihren eigenen Überlebenskampf oder lebenslang zu erwartende Behinderungen berichten. Ob das ein Zeichen für Unzurechnungsfähigkeit ist oder ein weiterer Ausdruck für durchdachtes, politisch motiviertes Morden – daran hängt das Urteil beim Osloer Prozess gegen den 33-Jährigen, der im Sommer 2011 insgesamt 77 Menschen tötete.

„Psychiatrische Verwirrung“ kommentierte am Donnerstag Harald Stanghelle von der Zeitung „Aftenposten“, was aus den Fachkreisen über die entscheidende offene Frage beim Prozess an die Öffentlichkeit dringt. Zwei Gutachten mit entgegengesetzten Schlussfolgerungen liegen dem Gericht vor: „Paranoid schizophren“ und damit nicht schuldfähig, hieß es im ersten. „Zurechnungsfähig“ hatten die Experten für ein zweites geurteilt.

Eine rechtsmedizinische Kommission hat sich bei der fachwissenschaftlichen Expertise für das Gericht ohne Einschränkung hinter das erste Gutachten gestellt. Das zweite wurde dagegen nur „zur Kenntnis genommen“. Kommentatoren werteten das als gewichtige Weichenstellung für die fünf Richter. Das Gericht verlangte am Donnerstag eine Klarstellung von der Kommission, ob sie das zweite Gutachten für fachlich akzeptabel hält.

„Aftenposten“ veröffentlichte Ergebnisse einer dreiwöchigen Dauerbeobachtung Breiviks aus der Haftanstalt Ila, die für die Zurechnungsfähigkeit des rechtsradikalen Islamhassers zu sprechen scheinen. Die Psychiaterin Maria Sigurjonsdottir stufte ihn als „aufmerksam, konzentriert und organisiert“ ein. Er zeige „adäquate Denkprozesse“, nach Inhalt und Struktur logisch. Dabei nutze er jede Gelegenheit, „seine politische Botschaft zu verkaufen“. Hier war auch nachzulesen, dass der Massenmörder gegenüber dem Personal „aus eigenem Antrieb selbstironisch herumflachste“ und beim Fernsehen auch noch Backgammon spielen konnte.

Breivik hat erklärt, dass er für sein Massaker an den Teilnehmern des sozialdemokratischen Jugend-Ferienlagers auf Utøya und für die Bombe in Oslo als zurechnungsfähiger, politisch motivierter Täter verurteilt werden will. Deshalb lässt er seinen Verteidiger Geir Lippestad bei den Aussagen jugendlicher Zeugen über das Höllenerlebnis auf Utøya immer wieder nachhaken, wie sich der Täter aufgeführt habe. Dass so gut wie alle den als Polizist verkleideten Attentäter als ruhig und kontrolliert schildern, fällt in Breiviks Sinn aus. Seine politischen Motive hat der Täter auch durch Briefe an die in Deutschland inhaftierte Beate Zschäpe von der Zwickauer Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund unterstrichen, die für Morde an zehn Menschen – zumeist Ausländer – verantwortlich gemacht wird.

Vom 8. Juni an stehen Aussagen von Fachleuten zur Zurechnungsfähigkeit auf dem Prozessprogramm in Oslo. Auf das Gericht kommt danach eine schwere Entscheidung zu. Erklärt es Breivik für nicht zurechnungsfähig, will er Berufung einlegen.