Oslo

Mann zündet sich bei Breivik-Prozess an

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Foto: REUTERS

Ein 49-Jähriger hat sich vor dem Gericht in Oslo angezündet. Der Mann überlebt schwer verletzt. Die Norweger rätseln über das Motiv.

Ein Mann hat sich am Dienstag vor dem mit dem Prozess gegen den norwegischen Attentäter Anders Behring Breivik befassten Osloer Gericht selbst angezündet. Vor dem Eingang des Gebäudes habe sich der Mann mit einer brennbaren Flüssigkeit übergossen und in Brand gesetzt, sagte Polizeisprecher Finn Belle. "Es waren Polizisten vor Ort, und das Feuer wurde schnell gelöscht", sagte er. "Der Mann erlitt Brandverletzungen und wurde in das Osloer Universitätskrankenhaus gebracht."

Die versuchte Selbstverbrennung soll nicht im Zusammenhang stehen mit dem Prozess. Die norwegische Anwältin Bente Roli sagte, der Mann sei vor der Selbstverbrennung in ihrem Büro gewesen und habe einen Umschlag mit wirren Notizen abgeliefert. "Er war verstört. Sehr sogar. Er hat nichts mit den Ereignissen vom 22. Juli (dem Tag des von Breivik verübten Bombenanschlags in Oslo und des Massakers auf der Insel Utøya) zu tun", sagte sie. Sie sei nicht in ihrem Büro gewesen, als der Mann dort war, aber ihre Sekretärin habe ihn getroffen, sagte Roli. "Er war psychisch instabil und dachte, er sei das Opfer einer Verschwörung", sagte die Anwältin. "Er dachte, jeder würde ihn wegen seiner sozialen Probleme verfolgen." Der Mann sei 49 Jahre alt, sagte sie. Es soll sich um einen Norweger mit ausländischen Wurzeln handeln.

Kopf in Flammen

Polizeisprecher Kjel Jan Kverme sagte, der Mann habe schwere Verbrennungen davongetragen. "Er ist ernsthaft verletzt. Er hat Verletzungen an der Brust und am Bauch." Die norwegische Zeitung "Verdens Gang" (VG) veröffentlichte auf ihren Internetseiten ein Video, auf dem ein Mann zu sehen ist, der auf die Sicherheitskräfte zurennt, während Flammen von seinem Kopf aufsteigen. Eine andere Szene zeigt Polizisten, die sich um den auf dem Boden liegenden Mann kümmern und ihm seine brennende Jacke ausziehen.

Das Feuer am Dienstag war seit Beginn des Breivik-Prozesses der erste Vorfall vor dem Gerichtsgebäude. Im Verhandlungssaal warf am Freitag ein irakischer Mann, dessen Bruder unter den Opfern Breiviks war, einen Schuh auf den geständigen Attentäter - traf aber nur dessen Verteidiger.

Überlebenskampf auf der Insel

Trotz des Zwischenfalls am Dienstag wurde der im April gestartete Prozess fortgesetzt. Im Gerichtssaal schilderten Augenzeugen, wie Breivik im Juli vergangenen Jahres Jagd auf seine Opfer auf der Insel Utøya machte. Sie berichteten vom eigenen Kampf um das Überleben mit schwersten Schussverletzungen, vom Tod enger Freunde und waren sich in ihrem Eindruck vom geständigen, aber nicht reuigen Täter einig: Breivik habe ruhig und überlegt gemordet.

Im Gerichtssaal sagte der 33-jährige Utøya-Überlebende Even Andre Øien Kleppen über das Verhalten Breiviks beim Massaker auf der kleinen Fjordinsel: "Er war ruhig, beherrscht und sehr zielbewusst mit dem, was er wollte." Kleppen war als Samariter der Norwegischen Volkshilfe auf Utøya und verbarrikadierte sich mit Jugendlichen in einem Aufenthaltsraum. Als er von der Überlegung berichtete, Breivik beim befürchteten Eindringen mit einem Feuerlöscher anzugreifen, lächelte der sonst unbewegt zuhörende rechtsradikale Attentäter.

Die 22-jährige Ina Rangønes Libak sagte aus, wie sie nach vier Treffern aus Breiviks Schnellfeuergewehr um ihr Leben gekämpft hatte. Nach den Schüssen in einen Arm, das Gesicht und die Schulter sei sie sicher gewesen, dass sie sterben müsse. Ein junger Überlebender, der in den Medien anonym bleiben wollte, sah vor seiner Flucht, wie Breivik als Erstes eine junge Frau erschoss, als sie auf ihn zuging und die Hand ausstreckte: "Sie wollte ihn irgendwie wie einen Gast begrüßen." Danach kämpfte der 17-Jährige mit den Tränen, als er vom Tod seines Freundes Haakon berichtete, der auf der Flucht ertrank.

Breivik hatte am 22. Juli vergangenen Jahres acht Menschen in Oslo mit einer Autobombe getötet. Danach fuhr er nach Utøya ins Sommerlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF und tötete 69 Teilnehmer.

Das Urteil wird im Juli erwartet. Als wichtigste offene Frage gilt die Haltung des Gerichts zu Breiviks Zurechnungsfähigkeit. Er betrachtet sich als nicht schuldig im Sinne der Anklage. Breivik begründet seine Taten vielmehr damit, Norwegen vor der Einwanderung von Muslimen schützen zu wollen. Seine Opfer nennt er Verräter.

( BMO )

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