Norwegen

Utøya, die im Schock erstarrte Geisterinsel

| Lesedauer: 8 Minuten
Per Hinrichs

Es gibt kaum eine Stelle auf dem kleinen Stück Land Utøya, an dem Anders Breivik nicht mordete. Zu Besuch an dem Ort, der im Schrecken erstarrt ist.

Ende April liegt noch Schnee auf den Bergen, die den Tyrilfjord einrahmen, doch auf Utøya blühen neben dem immer grell-grün schimmernden Moos auf den Felsen schon die ersten Knospen. Vogelgezwitscher hallt zwischen den Bäumen, ansonsten ist es still auf der kleinen Insel. Selbst das Wasser, das so stürmisch viele Furchen in die Felsen am Ufer gezogen hat, plätschert heute nur müde an die ausgeblichenen Steine. Eine menschenleere Idylle, ein Ort, der aus der Zeit gefallen scheint, aber nur drei Minuten vom Festland entfernt liegt, wenn man das Boot von Brede Johbråten nimmt.

Brede und seiner Frau gehört der Campingplatz Utvika, nur 750 Meter von der Insel entfernt. Er bietet Touren auf dem Fjord an, in den vergangenen Monaten musste er allerdings beinahe nur Besucher nach Utøya übersetzen. Mit zehn PS tuckert das knallrote Plastikboot der Insel entgegen, die der „Arbeiderpartiets Ungdomfolk“ (AUF) gehört, den norwegischen Jungsozialisten. Das norwegische Jedermannrecht erlaubt es, dass dort jeder anlegen und an Land gehen darf.

Kein Ort ohne roten Punkt

Das Boot ist schnell am Kai vertäut, links neben dem Fähranleger, der zur Zeit nicht benötigt wird. Wer sich Utøya nähert, spürt stets dieses Unbehagen, einen Ort zu betreten, an dem etwa so Schreckliches passiert ist wie am 22. Juli 2011. Anders Behring Breivik ging an diesem Tag als Polizist verkleidet an Land und tötete in einem beinah 90-minütigem Amoklauf 69 Jugendliche und Erwachsene. Es gibt kaum einen Ort auf dem zehn Hektar großen bewaldeten Felsen, an dem Breivik nicht mordete, wo nicht ein roter Punkt auf der Karte der Staatsanwaltschaft als Symbol für jeden erschossenen Menschen zu sehen ist. Und am Donnerstag verkündete er im Gericht, sein „Ziel war nicht, 69 Menschen zu töten, das Ziel war alle zu töten“. Zum Zeitpunkt des Attentats waren etwa 500 Menschen auf der Insel. Hauptziel sei die frühere norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland gewesen.

Das alles geht einem durch den Kopf, wenn man seinen Fuß auf den baufälligen Kai an der Südspitze der Insel setzt, ein langer Steg aus Beton, der genau zum Eingang des weißen Haupthauses führt. In roten Lettern prangt „UTØYA“ am Giebel. Diesen Weg muss er gegangen sein, bis er nach wenigen Minuten auf Trond Berntsen traf, sein erstes Opfer, das er mit mehreren Schüssen regelrecht hinrichtete. Von da ging es Schlag auf Schlag.

Politik ist in westlichen Gesellschaften ein nüchternes und säkulares Geschäft, Spiritualität und Heiligtümer haben dort eigentlich keinen Platz. Aber Utøya war ein besonderer Ort, ein Rückzugsraum der AUF und ihrer Arbeiterpartei, wo Jugendliche am Lagerfeuer und in Workshops diskutieren lernten, sich eine Meinung zum Nahostkonflikt oder zum neuen Staat Süd-Sudan bildeten, Volleyball spielten, flirteten, in Zelten schliefen, Gemeinschaft erlebten. So einen Ort, an dem die ganze politische Führungselite der staatstragenden Sozialdemokraten sozialisiert wurde, gibt es in ganz Norwegen nicht noch einmal. Und dann verwandelt ein Mann dieses Paradies in einen Tatort und entweiht Utøya regelrecht, ermordet gezielt und aus Hass Menschen, und macht aus dem einstigen Zentrum für Lebensfreude einen Ort des Grauens, Sterbens, Leidens.

Heute ist die Insel verlassen, beinahe aufgegeben und vieles liegt seit dem 22. Juli unberührt an seinem Ort, wie ein plötzlich aufgegebenes Dorf in der Goldgräberzeit im Westen der USA. Eine Geisterinsel.

Das weiße Haupthaus wirkt baufällig, auch die anderen Gebäude haben bessere Zeiten gesehen. Sie sollen abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden, umgerechnet etwa zwölf Millionen Euro wird das kosten. Aber die Vorstellung, dass in den windschiefen Häusern Jugendliche starben, lässt keine andere Lösung denkbar erscheinen.

Wie lange es wohl dauert, bis Utøya wieder an die Zeit vor dem 22. Juli anknüpfen kann? „Eine ganze Zeit“, sagt Brede. Er hat seit dem Attentat mit Hunderten Journalisten gesprochen und gibt bereitwillig Auskunft über die stets gleichen Fragen. Wie viele gerettet wurden (200 etwa), wie kalt das Wasser damals war (15 Grad) und wie er die Insel heute sehe. Ach, sagt Brede, der sich wie jede Norweger nur beim Vornamen nennen lässt, so gut sei das Verhältnis gar nicht gewesen. „Wir hatten wenig miteinander zu tun, und wenn, dann gab es viele Konflikte.“

Die Dauercamper und Wohnwagentouristen und auch Brede selbst konnten wohl mit Nahost-Seminaren wenig anfangen, außerdem war es „dort immer ziemlich laut, wenn die feierten“. Eine Zeit lang vermietete die AUF die Insel an Rockgruppen, die dort ideale Übungsmöglichkeiten vorfanden. Die Musik allerdings traf nicht unbedingt den Geschmack der Dauercamper.

Ein eigener kleiner Planet

Einmal sei ein deutsches Touristenpaar nach drüben gerudert, um seinen Kindern die Insel zu zeigen. Das Jedermannrecht erlaubt es ja. Doch die wurden von AUFlern weggejagt, erzählt Brede. „Das Recht gilt wohl nicht für die“, brummt er. Vielleicht war das auch ein Geheimnis Utøyas: Sich zu distanzieren, abzukapseln vom Rest der Welt, der nur 750 Meter entfernt liegt. Ein eigener kleiner Planet, abgeschirmt von den eigenen Problemen und denen der anderen. Hier war die Welt, wie sie sein sollte. Der Filmclub hätte am 22. Juli den Thriller „Kick ass“ gezeigt, der Zettel hängt noch am Clubhaus.

Utøya lässt sich schnell umrunden, ein kleiner, glitschiger und von Baumwurzeln aufgeworfener Wanderweg führt einmal rund um die herzförmige Insel. Ein Fußball, dem die Luft ausgegangen ist, liegt neben dem Sportplatz im Gestrüpp. „Willkommen auf der Insel, dem nordischen Paradies“ steht auf einem Zettel an einem der Häuser, gleich daneben der Hinweis „100 Kronen bezahlen, dann Kaffee frei während des Lagers“. Verblichene Zettel, Grüße aus einer vergangenen Zeit.

An Land blickt Cecilie Reisda Moen lieber in die Zukunft. Sie steht vor dem Gedenkstein, vor dem Blumen und Teelichter drapiert sind. „Wenn ein Mensch soviel Hass zeigen kann, denke, wie viel Liebe wir alle zeigen können“, ist dort auf der Metallplatte eingraviert. Es ist ein Zitat, das eine junge Norwegerin getwittert hatte, und das zu einer Leit-Motto der Norweger geworden ist.

Ein guter Freund von Cecilie wurde auf Utøya erschossen, zwei weitere beim Bombenanschlag im Regierungsviertel verletzt. „Danach bin ich in die AUF eingetreten“, sagt die18 Jahre alte Abiturientin. Sie hatte sich schon vorher für Politik interessiert, nun wollte sie sich engagieren. „Ich hoffe, dass er für immer weggesperrt wird“, sagt sie leise.

Es gefällt ihr gut beim AUF, sagt sie, dort kämen nette Menschen zusammen und sie habe schon viel über Politik gelernt. Dieses Jahr allerdings wird es noch kein Sommerlager auf Utøya geben, dafür treffen sich die Jusos aus dem ganzen Land im nordnorwegischen Tromsø. Utøya ist bis auf weiteres im Pausenmodus, eingefroren. Vielleicht ist es ja im nächsten Jahr schon so weit, wenn die neuen Häuser stehen und Anders Behring Breivik verurteilt worden ist. Vielleicht kann die neue AUF-Generation ja bald über die Betonbrücke zum dann neu aufgebauten Haupthaus gehen, ohne zuerst an Mord und Leid zu denken. Sondern an Diskussionen über den Hunger in Afrika und das nächste Volleyballturnier.

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