Krailinger Doppelmord

Mutter leidet an einer seelischen Verwüstung

Im Prozess um den Kraillinger Doppelmord ging es um die psychischen Folgen für die Mutter. Sie sollte vermutlich das dritte Opfer des Täters werden.

Das Münchner Schwurgericht hat der Mutter der beiden getöteten Mädchen von Krailling, Sharon und Chiara, die Konfrontation mit dem mutmaßlichen Mörder erspart. Der angeklagte Thomas S., Onkel der Kinder und Schwager der Zeugin, bekam ihre Aussage lediglich in einer Videoaufzeichnung im Nebenraum zu sehen. Die Öffentlichkeit wurde für die Dauer der Vernehmung von Anette S. ganz von der Verhandlung ausgeschlossen.

Bislang konnte man nur ahnen, was die Bluttat von Krailling, jenes abscheuliche Verbrechen, bei dem am 24. März vergangenen Jahres zwei kleine Mädchen brutal ermordet wurden, mit der Mutter gemacht hat – wie ihr Leben in dieser Nacht zerstob, wie alles Licht und alle Hoffnung daraus verschwanden.

Der vom Gericht als Gutachter hinzugezogene Psychologe und Psychotherapeut Günter Lauber hat nun erstmals die verheerenden Folgen und seelischen Verwüstungen beschrieben, mit denen Anette S. seit jenem Tag leben muss.

Mutter leidet unter „Flashbacks“

Lauber sprach von einem „Trauma gigantischen Ausmaßes“, unter dem die Mutter zu leiden habe. Anette S. hatte in der Tatnacht vom 23. auf den 24. März 2011 ihre Töchter Sharon (11) und Chiara (8) tot aufgefunden – erdrosselt, erschlagen, erstochen von einem Unbekannten, in der eigenen Wohnung.

Es war 4.45 Uhr, als sie mit ihrem Lebensgefährten Klaus P. nach Hause kam. Sie schaute wie immer zuerst nach den Kindern, und es sind, so Psychologe Lauber, genau diese Bilder, die die Mutter in sogenannten Flashbacks bis heute verfolgen. Sharon lag in der Wohnküche, Chiara hatte der Täter ins Bett der Mutter ins Obergeschoss gebracht.

Gefasst, aber immer wieder stockend, schilderte danach der Lebensgefährte der Mutter, wie sie die ermordeten Kinder fanden. Zuerst hätten die beiden beim Heimkommen eine Dose Terpentin und dann eine Hantelstange entdeckt, die nicht in die Wohnung gehörten, sagte er. Außerdem hätten in der Küche Messer gelegen.

Über den Schock Notrufnummer vergessen

Wenig später habe er seine Lebensgefährtin schreien hören. „Ich bin hinterhergelaufen“, berichtete der 53-Jährige. Im oberen Stockwerk habe die achtjährige Chiara tot zwischen Bett und Wand gelegen, die Hände verkrampft und rot. Er habe telefonieren wollen. 103, 110, 109, 117 – „Ich fang an zu zittern, weil mir die Notrufnummer nicht einfällt.“ Unten habe er dann die elfjährige Sharon gefunden, die „wie aufgebahrt“ auf dem Rücken am Boden gelegen habe. Er habe ihr kurz über die Wange gestrichen, die kalt war. Dass die Kinder tot gewesen seien, sei für ihn außer Frage gewesen.

Günter Lauber hatte gesagt, dass er Anette S. zwar „nicht akut“ für suizidgefährdet hält, ein Selbstmordrisiko sei aber nicht mit Sicherheit auszuschließen. Das Gericht macht Laubers Einschätzung, wonach ein Aufeinandertreffen der S. mit dem mutmaßlichen Mörder ihrer Töchter vor Gericht ihren ohnehin kritischen Zustand verschlimmern oder gar „chronifizieren“ könnte, zur Grundlage des Beschlusses, den Angeklagten von der Vernehmung auszuschließen.

Dass auch die Öffentlichkeit ausgeschlossen wird, erklärt sich daraus, dass für Anette S. „die Öffentlichkeit Teil ihres Traumas ist“, wie Günter Lauber sagt. Die exzessive Medienberichterstattung im Fall Krailling habe für sie „Trigger-Qualität“, sie fühle sich dadurch mitschuldig am Geschehen und „stigmatisiert“. Die weiteren Ausführungen des Gerichts gehen daneben fast ein wenig unter, könnten aber im Prozess noch eine wichtige Rolle spielen.

Spekulationen über einen Mittäter

Wenn, wie zu erwarten, bei der Vernehmung der Anette S. auch familiäre Dinge zur Sprache kämen wie etwa das gespannte Verhältnis von Anette S. zu ihrer Schwester Ursula, der Ex-Ehefrau des Angeklagten, dann beträfe das die Persönlichkeitssphäre der Zeugin, so Richter Ralph Alt. Außerdem gäbe es da noch die Möglichkeit, dass Anette S. Vermutungen zur etwaigen Tatbeteiligung weiterer Personen äußern könnte.

Eine Hypothese, die im Zusammenhang mit dem Kraillinger Doppelmord häufig diskutiert worden ist. Gut möglich, dass sich aus der Aussage von S. neue Ansatzpunkte für die Anklage ergeben. Die aber gehören nach Meinung des Gerichts (noch) nicht in die Öffentlichkeit.

Als die Münchner Oberstaatsanwältin Andrea Titz kurz vor die Presse tritt, sagt sie nur, dass die Zeugin Anette S. vor Gericht um Fassung ringt: „Sie ringt um Worte, sie weint. Aber sie macht einen tapferen Eindruck.“ Anette S. hat ihre Kinder verloren. Aber wenigstens sie selbst ist mit dem Leben davongekommen.

Wenn stimmt, was in der Anklage steht, dann wäre die Mutter von Sharon und Chiara das dritte Mordopfer des Thomas S. in jener Nacht gewesen. Die Rekonstruktion des Geschehens am Tatort ergab, dass er seine Schwägerin offenbar gezielt in eine Falle laufen lassen wollte, um sie ebenfalls zu töten.

Um zu verhindern, dass Anette S., die er gegen zwei Uhr nachts zurückerwartete, gleich beim Betreten der Wohnung Verdacht schöpfte, drehte er das Stromkabel des Deckenlichts heraus. Er ließ Wasser in die Badewanne laufen, ein elektrischer Handmixer lag eingesteckt bereit. Thomas S. wollte seine Schwägerin mit einem Stromschlag töten, glaubt der Staatsanwalt. Aber der Angeklagte schweigt. Nach wie vor.