Domnica Cemortan

Hostess erzählt ihre Momente des Grauens

Domnica Cemortan, die blonde Hostess der "Costa": In einem Interview berichtet sie über die dramatischen Stunden des Unglücks – und kritisiert die Russen an Bord.

Foto: REUTERS

In der italienischen und rumänischen Presse spielt seit gestern eine junge Frau die Hauptrolle in der "Costa Concordia"-Tragödie: die 25-jährige Domnica Cemortan. Die Moldawierin, die seit mehreren Jahren in Bukarest lebt, gilt als eine wichtige Zeugin des Unfalls vom 13. Januar.

Sie soll in der Nacht mit Kapitän Schettino an Bord des Schiffes gesehen worden sein. Unklar ist bis jetzt, welchen Status Cemortan auf dem Kreuzfahrtschiff hatte. Angeblich wurde sie nicht auf der Passagierliste geführt.

Die Zeitung "Il Secolo XIX " berichtet, die junge Frau sei in Begleitung des Kapitäns und einer anderen Frau gesehen worden. Ein Überlebender erzählt, Schettino habe den Frauen – kurz vor der Katastrophe – die Insel Giglio gezeigt.

Schettinos Darstellung weicht davon ab. In der Vernehmung soll der Kapitän gesagt haben, Cemortan sei von einem anderen Offizier eingeladen worden, habe allerdings die Kommadobrücke betreten.

Cemortan nimmt Schettino in Schutz

In einem Interview mit der Bukarester Zeitung "Adevarul" stellt Domnica Cemortan ihre Sicht der Dinge dar: "Es gibt viele Details, die beweisen, dass ich mit dem Kapitän nichts zu tun hatte. Sollte mich die italienische Polizei vernehmen, gibt es Zeugen, dass ich mit Freunden an Bord war. Einer davon ist im Krankenhaus. Ich bin sehr entspannt."

Und sie nimmt Schettino in Schutz: "Er ist einer der besten Kapitäne der Reederei. Nach dem Zusammenstoß ist es ihm gelungen, das Schiff in die Nähe des Ufers zu lenken, um die Rettung der Menschen zu erleichtern."

Nach eigenen Angaben war Cemortan mehrere Jahre Crew-Mitglied auf der "Costa Concordia". Die in Kischinew (Moldawien), Bukarest und Paris ausgebildete Balletttänzerin arbeitete als internationale Hostess auf dem Kreuzfahrtschiff und dolmetschte für die russischen Passagiere.

"Adevarul" erzählte sie, was sich am Abend der Katastrophe abspielte. Hier einige Ausschnitte ihres Interviews:

"Hätte ich das Schiff nicht gekannt, hätte ich mich nicht retten können"

"Um 21.30 Uhr, als ich den ersten Alarm gehört habe, war ich beim Abendessen mit den Kollegen. Ich war zwar auf der Kreuzfahrt, aber als ich an Bord ging, war ich wie ein Angestellter. Ich habe mein Gepäck - ungeöffnet - in der Kabine gelassen und bin zu meinen Kollegen gegangen, habe ihnen kleine Geschenke mitgebracht.

Nach dem Alarm habe ich verstanden, dass das Schiff sinken wird. Jeder Mitarbeiter hat Position bezogen. Ich bin an Deck gegangen, im 8. Stock. Alle Kollegen haben Ansagen in verschiedenen Sprachen gemacht, es habe ein Problem mit der Stromversorgung gegeben. Es war sehr dunkel auf dem Schiff.

Dann habe sie den Passagieren bei der Rettungsaktion geholfen. Ich bin auf dem Deck geblieben, weil ich vier bis fünf Sprache kenne und der Kapitän wollte, dass ich noch eine Ansage mache. Es waren dort noch etwa 20 Offiziere und der Kapitän.

Nachdem das Schiff Schlagseite bekam, befahl mir Schettino, nach unten zu gehen und Menschen zu retten. Ich bin im Dunkeln vom 8. in den 3. Stock gelaufen. Hätte ich das Schiff nicht gekannt, hätte ich mich nicht retten können. Ich lief an den Wänden entlang, neben mir fielen Gegenstände, Stühle, es gab großen Lärm. Im 3. Stock versuchten zirka 50 Passagiere die Rettungsboote ins Wasser zu lassen.

"Es war ein Augenblick des Grauens"

Sie haben geschrien, standen unter Schock, hörten uns nicht. Ein Vater hielt ein drei Monate altes Kind im Arm und einen dreijährigen Jungen an der Hand. Ich habe dem Vater gesagt, er soll das Baby mit beiden Händen halten, weil er nicht in Sicherheit war. Ich habe ihm das vier Mal gesagt, aber es war neblig und er hörte mich nicht. Ich habe ihn angebrüllt, habe das Kind genommen und ihn ins Boot geschickt. Es war ein Augenblick des Grauens.

Mich haben sie gestoßen und ich bin ins Rettungsboot gestürzt, ich dachte, alles ist vorbei. Das Boot knirschte, die Menschen sind ins Wasser gesprungen. Ich hielt die Hand eines älteren Mannes und war kurz davor, auch zu springen. Es war der zweite Moment, an dem ich dem Tod ins Auge geschaut habe. Ich wusste, in dem eisigen Wasser habe ich nur 20 Minuten Zeit, mich zu retten und ans Ufer zu schwimmen.

Wir haben das Ufer gegen 0.30 bis 1 Uhr erreicht, weil wir noch viele Menschen gesucht haben. Es war sehr dunkel, es gab sehr viel Lärm. Wir haben versucht, uns auf die Hilferufe zu konzentrieren. Meine Kollegen waren am Ufer und haben sich um die Geretteten gekümmert.

"Vorwürfe, Kapitän und Crew seien inkompetent – das ist unerhört"

Die Passagiere, die wir in unser Boot gezogen haben, habe ich ausgezogen und ihnen wärmende Kleidung gegeben. Wir haben Erste-Hilfe-Kurse belegt, waren psychisch und körperlich für solche Situationen vorbereitet. Ich habe die Vorwürfe gelesen, der Kapitän und die Crew seien inkompetent – das ist unerhört. Wenn er inkompetent gewesen wäre, wieso hat er 4000 Menschen gerettet?

Francesco Schettino ist einer der besten Kapitäne der Reederei. Er hat das Schiff ans Ufer gelenkt, um die Rettung der Menschen zu erleichtern.

Die Russen sagen, dass sie an Bord betrunkene Mitarbeiter gesehen hätten. Das ist ein völliger Blödsinn. Keiner traut sich, nur ein Glas Wein zu trinken, weil man damit seinen Job riskiert. Auf dem Schiff sind überall Videokameras installiert.

Die ersten Passagiere, die gerettet wurden, waren die Russen. Ich bin geschockt, woher sie diese Informationen nehmen. Sie können es gar nicht wissen, weil sie die ersten waren, die das Schiff verlassen haben. Sie haben nicht gesehen, wie meine Kollegen Menschen gerettet haben."

Suche nach Vermissten unterbrochen

Das vor havarierte Kreuzfahrtschiff hat sich in der Nacht auf Freitag erneut bewegt. Wegen der Gefahr für die Taucher musste die Suche nach Vermissten vorerst eingestellt werden.

Ob es sich bei den von Sensoren gemessenen Erschütterungen an Bord lediglich um Vibrationen handelte oder ob das Wrack am Meeresgrund abrutschte, war zunächst unklar. Sobald sicherere Bedingungen herrschten, würden die Taucher ihre Arbeit wieder aufnehmen, sagte Marine-Sprecher Alessandro Busonero.