Havariertes Kreuzfahrtschiff

Concordia sackt - Italien ruft Notstand aus

Die havarierte „Costa Concordia" sackt immer weiter ab. Noch immer sind nicht alle Vermissten gefunden. Retter müssen die Suche immer wieder unterbrechen. Durch das Abrutschen des Wracks droht eine Umweltkatastrophe.

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Schon wieder sind sie zur Tatenlosigkeit verdammt, die Männer von Feuerwehr, Küstenwache, Alpinrettung, Carabinieri, Polizei und Zivilschutz. Eigentlich sind sie auf die Insel Giglio geschickt worden, um nach der Katastrophe um die „Costa Concordia“ nach Vermissten zu suchen. Doch an diesem Freitagmorgen sitzen sie vor den Cafés der Hafenpromenade, spazieren auf und ab, unterhalten sich. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig. Aus Sicherheitsgründen mussten die Rettungsteams ihre Suche in der Nacht abbrechen. Das havarierte Kreuzfahrtschiff bewegt sich wieder, und zwar unaufhörlich – es droht über eine Unterwasserklippe in die Tiefe zu gleiten. Ein Einsatz im Inneren des Schiffes ist damit zu gefährlich. „Immer wieder warten“, klagt einer der Helfer und schüttelt den Kopf, „und das nun fast seit einer Woche. Dabei wollen wir doch nützlich sein“.

Erst am Freitagabend wurden die Arbeiten wieder aufgenommen. Mittlerweile hat die italienische Regierung den Notstand beschlossen. Dadurch sollen Gelder und zusätzliche Hilfe für die Gegend bereitgestellt werden, in der vor einer Woche die „Costa Concordia“ havariert war. Das leckgeschlagene Schiff droht weiter zu sinken, etwa 2300 Tonnen Treibstoff – offensichtlich überwiegend Schweröl – könnten dann ins Meer vor der toskanischen Küste fließen.

Sieben Millimeter pro Stunde

Möglicherweise brachten Strömungen am frühen Morgen Bewegung in das Wrack. Um das Schiff zu stabilisieren, gibt es nun Pläne, den 290 Meter langen Koloss mit Hebeseilen am Felsen festzumachen. Die Zeit drängt: Von Norden her nähert sich ein heftiges Unwetter. Sturm und hohe Wellen könnten den Luxusliner weiter absacken lassen. Noch immer gibt es mehr als 20 Vermisste, darunter zwölf Deutsche. Bislang sind elf Leichen geborgen worden; acht konnten identifiziert werden. Weil die Suche nach den Vermissten noch nicht beendet und außerdem viel Treibstoff an Bord ist, soll ein Sinken des Schiffes auf jeden Fall verhindert werden.

In Giglio berät ein wissenschaftlicher Ausschuss des Zivilschutzes, ob die Bewegung des Schiffes auch bedeuten könnte, dass es sich auf dem Felsen vor der toskanischen Insel festsetzt. Das Schiff verlagere sich um etwa sieben Millimeter pro Stunde, am Bug bis zu 15 Millimeter, erläuterte der Florentiner Erdrutsch-Experte Nicola Casagli, der den Ausschuss auf Giglio leitet. Ein ferngesteuerter Unterwasser-Roboter sollte am Rumpf des Schiffes die Frage klären helfen, ob das Wrack auf dem Boden „verankert“ werden kann. Jede Bewegung des Kreuzfahrtschiffes werde auch mit Satellitenaufnahmen verfolgt.

Der „Rov“ genannte Roboter suche auch die Umgebung des Schiffes ab, um eventuell Leichen zu entdecken. „Absolute Priorität hat für uns weiterhin die Suche nach Vermissten“, sagte der Sprecher der Rettungsmannschaften, Luca Cari, auf die Frage, wann mit dem Abpumpen des Treibstoffs zu rechnen sei. Wann also die niederländische Spezialfirma Smit mit der Entsorgung des Öls beginnen kann, bleibt fraglich. Der Beginn der Aktion war eigentlich für Freitag oder diesen Samstag geplant. Jedoch dürften die Arbeiten aus Sicherheitsgründen voraussichtlich erst dann beginnen, wenn sich keine Retter mehr an Bord befinden.

Fatale Anweisungen der Crew

Unterdessen zieht die Suche nach den Schuldigen an der Katastrophe immer weitere Kreise. Nachdem Kapitän Francesco Schettino unter Hausarrest gestellt wurde, wird nun das Ergebnis einer Drogen-Analyse des 52-Jährigen erwartet. Schettino war vorgeworfen worden, während der Havarie betrunken gewesen zu sein, weshalb die Evakuierung viel zu spät und chaotisch angelaufen sei.

Auch gegen die Crew und die Reederei werden massive Vorwürfe erhoben. Italienische Medien zeigten Amateuraufnahmen, auf denen zu sehen sein soll, dass Crewmitglieder der „Costa Concordia“ Passagiere auch dann noch in ihre Kabinen zurückschickten, als bereits Wasser in das Schiff eintrat. „Alles ist unter Kontrolle, kehren Sie zu den Kabinen zurück“, sage in dem Video ein Besatzungsmitglied etwa 40 Minuten nach dem Aufprall. Mit diesen Worten wendet sich eine Frau im Auftrag des Kapitäns an Passagiere – womöglich aber auch im Auftrag der Reederei. Denn Kapitän Schettino sagte Medienberichten zufolge, Costa Crociere habe „alles“ gewusst, da er die Firma unmittelbar nach der Kollision informiert habe.

Auf entsprechende Anfragen, wie das Unternehmen auf die Nachricht des Unglücks reagierte und welche Anordnungen es gab, hat „Costa Crociere“ bislang nicht reagiert. Der ARD teilte Staatsanwalt Francesco Verusio mit, die Ermittlungen konzentrierten sich nun mehr und mehr auf die Reederei – und ihre möglicherweise tödliche Fehlentscheidung.