DSDS

"Du singst leider so, wie du aussiehst"

Wer vom Schmusekurs à la "The Voice" genug hat, ist bei den DSDS-Castingrunden von Dieter Bohlen goldrichtig. Denn beim Poptitan gab es ordentlich auf die Glocke.

Die Casting-Ausstrahlungen der neunten Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ haben kaum begonnen, und schon weiß man genau, was Freunde des hämischen Fremdschämens im Vergleich zur neuen Show „The Voice of Germany“ so vermisst haben: realitätsferne Selbstdarsteller, Fegefeuer der Peinlichkeiten und großkotzige Sprüche von Dieter Bohlen.

Auch bei 35.000 Kandidaten bei der neuesten Casting-Tour gibt es schablonenhaft die bewährten Teilnehmer-Typen: Das ist zum einen „Typ Großmaul“. In der Regel männlich, sich maßlos selbst überschätzend und aber auch – um im Bohlen-Jargon zu bleiben – völlig talentfrei.

Dazu quittiert der Kandidat entsprechend berechtigte Kritik unter völliger Verkennung der Tatsachen mit teils wüsten Pöbeleien gegen die Jury. Über den Gesang mag selbst die Jury überhaupt nicht reden, denn die Gesamterscheinung macht jeden weiteren Kommentar überflüssig.

Beispiel für diesen Typ war diesmal Patrick K., der – wie er denkt – mit seinem Sprachfehler, seinen obszönen Gesten vor laufender Kamera und seinen schiefen, gelben Zähnen gut bei Frauen ankomme. Selbstredend hatte er es daher auch auf Jury-Mitglied und Cascada-Sängerin Natalie Horler abgesehen, zusätzlich hatte er sich als Ziel gesetzt, Dieter Bohlen mit seinem Auftritt „fertig zu machen“ und Bruce Darnell zu zeigen, „wo der Style ist“.

Erwartungsgemäß versagte er auf ganzer Linie. Auf das einstimmig vernichtende Urteil der Jury reagierte er mit einem kurzen Gegenangriff („Du hast es auch nicht weit gebracht, du konntest ohne deinen Thomas Anders nämlich auch nichts“) und fluchte hinter den Kulissen weiter („Die haben überhaupt keine Ahnung!“).

Wie sprach noch der Fuchs über die Trauben? „Sie sind mir noch nicht reif genug, ich mag keine sauren Trauben.“ Dem altgriechischen Dichter Äsop ist DSDS zwar erspart geblieben, aber die Moral seiner Fabel ist eben zeitlos.

Vom "Typ Großmaul" zum "Typ Spinner" und "Typ Arme Seele"

Vom „Typ Großmaul“ ist es bei DSDS nicht weit zum „Typ Spinner“. Ebenfalls in der Regel männlich, unter verzerrter Eigenwahrnehmung leidend, nichts könnend, sich allerdings auch nicht wirklich wichtig nehmend.

Diesem Typ reicht es, ins Fernsehen zu kommen, er möchte sich nicht selbst verwirklichen, Botschaften vermitteln oder auch nur unterhalten, sondern wahrscheinlich lediglich diese zum Glück wenigen Sendeminuten als Höhepunkt seines bisherigen wohl eher ereignisarmen Lebens dokumentiert wissen.

So war auch dem von Beruf „Zerspaner“ Felix (Nachfragen der Jury: „Was? Spanner?!“ „Spanier?“ „Nein, Zerspaner. Das hat was mit dem Drehen von Metall zu tun.“) nach eigenen Angaben bereits von seiner Mutter bescheinigt worden, „was Sonderbares“ zu sein.

Und dann sind da wieder die Teilnehmer vom Typ „Arme Seele“. Junge Männer und Frauen, die laut eigener Aussage schon lange singen und fleißig üben – dabei aber eben nicht merken, dass sie einfach kein Talent oder zumindest mangels einer gewissen Reife (noch) keinen nennenswerten Unterhaltungswert haben und somit oft – vorsichtig formuliert – eigenwillige Interpretationen zum Besten geben.

Die einen tragen das Urteil der Jury mit Fassung, andere brechen in bittere Tränen aus. Zum Beispiel hatte die 16 Jahre alte Kandidatin Angel seit acht Jahren und damit ihr halbes Leben darauf gewartet, sich bei DSDS bewerben zu können.

Harsche Kritik fürchtete die telegene Schülerin nicht. Sie präsentierte sich im Grunde auch nicht schlecht, aber es waren wohl kaum ihre Sangeskünste, die Bohlen veranlassten, seine beiden Jury-Kollegen mit einer Einladung zum Recall zu überstimmen, sondern eher Angels tränengefluteten, braunen Augen (Bohlen gerührt: „Ich halt’ das nicht mehr aus.“).

Keine Gnade für Kirchenchor-Helena

Bürokauffrau Helena, die vorab ihrem Kirchenchor für die Beihilfe zum Mutfinden gedankt hatte, sich bei DSDS zu bewerben, fand weniger Gnade. Sie sah in ihrer Teilnahme eine „großartige Chance“, „so viele Möglichkeiten“ und nicht zuletzt eine Gelegenheit, ihr Single-Dasein zu beenden.

Für das Casting hatte sie sieben Lieder in drei Sprachen vorbereitet, was ihr jedoch alles nichts nützte. Ihr Vortrag einer russischen Weise mit großer Geste ließ die Minen der Jury versteinern. „Du singst leider so wie du aussiehst“, kommentierte Natalie Horler gehässig ihren Auftritt.

Auch wenn immer wieder Stimmen laut werden, dass die Kandidaten bloßgestellt würden: Davon kann kaum die Rede sein, denn im Jahr 9 von DSDS sollte selbst der einfältigste Teilnehmer wissen, wie die Sendung funktioniert und was ihn erwartet, wer schon allein optisch gut ankommt, wie Beiträge geschnitten oder musikalisch untermalt werden und was insbesondere von Dieter Bohlen zu erwarten ist. Die Kandidaten blamieren sich mit ihren misslungenen Auftritten also sehenden Auges.

Spätestens bei den Live-Shows werden die Trash-Auftritte jedoch in den Hintergrund rücken. Dann stehen die in den Casting-Runden noch vereinzelt auftretenden Kandidaten der Spezies „Könner“ auf der Bühne, die gelegentlich nicht nur mehr als Karaoke singen, sondern manchmal auch parallel gar ein Instrument spielen können.

So überzeugte diesmal zum Beispiel Fahrradmechaniker Patrick Rouiller mit Akustik-Gitarre und seiner Version von Lady Gagas „Pokerface“.

Bezüglich der neuen Jurymitglieder Bruce Darnell und Natalie Horler bleibt weiterhin der Eindruck bestehen, dass sie im Grunde nur Statisten sind, denn Bohlen erörtert wenig bescheiden: „Wenn hier Mittelmaß ist, dann bist du unter dem Parkett. Ich bin oben in der Stratosphäre, da fliegt nur der Poptitan. Ich beweise es jeden Tag. Kein Mensch auf diesem ganzen Planeten hatte mehr Nummer Einsen, keiner hatte mehr Hits als ich.“

Der wirtschaftliche Erfolg mag in der Tat für den Oberjuror sprechen, vor der absehbaren Übersättigung an Eintagsfliegen und immer wiederkehrenden Trashkandidat-Stereotypen schützt dieser allerdings nicht.