EHEC-Gipfel

Minister verteidigen in Berlin trotzig ihre Arbeit

Beim EHEC-Gipfel in Berlin scheuen Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner und Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr Korrekturen beim Krisenmanagement – und Selbstkritik. Und auch EU-Gesundheitskommissar Dalli findet nur lobende Worte.

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Eben noch hatte EU-Gesundheitskommissar John Dalli Deutschlands Umgang mit der EHEC-Krise scharf kritisiert. Kaum 24 Stunden später lobte er plötzlich das deutsche Krisenmanagement. EU-Experten seien beeindruckt vom Einsatz ihrer Kollegen, sagte Dalli nach dem EHEC-Gipfel der Verbraucher- und Gesundheitsminister von Bund und Ländern in Berlin.

Solange der EHEC-Erreger wüte, müssten alle Anstrengungen darauf konzentriert werden, die Kranken zu versorgen und die Infektionswelle zu stoppen, sagte Dalli nach dem Treffen. Dann aber müssten der Umgang mit der Krise analysiert und notwendige Lehren gezogen werden.

In den vergangenen Tagen war die Kritik am Krisenmanagement der deutschen Behörden immer schärfer geworden. Thomas Oppermann, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, warf der Bundesregierung vor, die EHEC-Infektionen zunächst nicht ernst genommen zu haben. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast kritisierte das Kompetenz-Wirrwarr zwischen Bund und Ländern. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sieht jedoch keinen Anlass, an der Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern zu zweifeln. Nach der EHEC-Krise müsste allerdings genau analysiert werden, wo es Verbesserungsbedarf gebe. Noch aber scheuen sich Bund und Länder vor der notwendigen Selbstkritik. Die Forderungen nach einer neuen Behörde zum Krisenmanagement nannte Bahr eine "typisch deutsche Diskussion". Eine neue Institution sorge nicht automatisch dafür, dass die Bevölkerung schneller und besser versorgt werde. Solange die EHEC-Infektionen noch andauerten, sei nicht der Zeitpunkt für "Strukturdiskussionen", sagte Bahr.

Seit dem Ausbruch der EHEC-Epidemie Anfang Mai sind knapp 2000 Erkrankungen bestätigt worden. In jedem dritten Fall hat die Darminfektionen einen besonders schweren Verlauf mit dem hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS). Mindestens 25 Patienten sind an den Folgen einer EHEC-Infektion gestorben.

Neue Spur in Bio-Tonne

Noch immer ist die Quelle des tödlichen Erregers nicht identifiziert. In Sachsen-Anhalt aber sind die EHEC-Fahnder jetzt auf eine neue Spur gestoßen. Auf dem Gurkenrest aus einer Bio-Tonne in Magdeburg wurde der EHEC-Erreger vom Stamm O104:H4 nachgewiesen. Die belastete Probe stammt aus dem Müll einer Familie, die am 19. Mai an EHEC erkrankt war. Der Vater war leicht erkrankt, die Mutter wurde stationär behandelt; sie ist inzwischen wieder zu Hause. Die Tochter aber leidet noch unter der schweren HUS-Verlaufsform.

Die niedersächsischen Behörden gehen unterdessen weiter der Spur verdächtiger Sprossen nach. Eine ganze Kette von Indizien führt zu dem Hof in Bienenbüttel bei Uelzen, wo verschiedenen Sprossensorten produziert werden. Mindestens eine Mitarbeiterin des Betriebes soll an EHEC erkrankt sein, zwei weitere leiden an Durchfallerkrankungen. Der Hof wurde gesperrt, sämtliche Produkte wurden aus dem Handel zurückgerufen. Vor 18 verschiedenen Sprossenprodukten wird seither gewarnt.

In keiner Sprossenprobe konnte der EHEC-Erreger bislang nachgewiesen werden. Dennoch hält Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) es für richtig, auch diese Spur weiterzuverfolgen. Weiterhin würden das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) aber auch vor dem Verzehr von rohen Gurken, Tomaten und Salaten warnen, betonte Aigner nach dem EHEC-Krisengipfel. Der Absatz von Gemüse ist inzwischen völlig eingebrochen. Brüssel hat daher seine versprochenen Entschädigungen von 150 auf 210 Millionen Euro aufgestockt.

Für Entwarnung noch zu früh

Auch wenn die Zahl der Neuerkrankungen langsam abebbt, ist es nach Einschätzung von Bund und Ländern für eine Entwarnung noch zu früh. In einer gemeinsamen "Verlautbarung" erklärten die zuständigen Minister, beide Verzehrhinweise seien "im Sinne eines vorsorgenden und gesundheitlichen Verbraucherschutzes angemessen und richtig". Da gerade auch die Krisenkommunikation in den vergangenen Tagen kritisiert worden war, versprachen sie zudem, "gemeinsam konsistente Informationen" sicherzustellen. Schon jetzt gebe es regelmäßige Schaltkonferenzen der Länder mit den zuständigen Bundesministerien, versicherte Bremens Verbrauchersenatorin Ingelore Rosenkötter. Um die EHEC-Epidemie einzugrenzen, würden die zuständigen Landesbehörden örtliche Schwerpunkte der Erkrankungen, sogenannte Cluster, untersuchen. Dazu gehörten Restaurants und Kantinen. Kontrolliert würden auch Betriebe, die Gemüse als Rohprodukte an die Gastronomie liefern, sagte Rosenkötter.

So hoffen Bund und Länder, den EHEC-Erreger am Ende doch noch ausfindig machen zu können. Nur Bayerns Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) wagte sich jetzt schon einmal vor und dachte laut darüber nach, wie das Krisenmanagement verbessert werden könnte. Bei Epidemien, sagte Söder, halte er es für "durchaus gerechtfertigt, dass der Bund mehr Zuständigkeiten übernimmt".