Late Night "Anne Will"

"Flexi, Flexi, Flexi" bis zum Talkshow-Burn-out

Anne Will ignorierte die gescheiterten rot-grünen Koalitionsverhandlungen in Berlin und talkte stattdessen über Burn-Out. Es war langweilig, bis der Arzt kam.

Foto: dpa / dpa/DPA

Im Grunde kann Anne Will Günther Jauch dankbar sein. Der Druck, Themen mit tagesaktuellem Gesprächswert abdecken zu müssen, ist weg, seit sie vom prominenten Sonntagabend auf den Mittwoch verfrachtet wurde.

Wären die rot-grünen Sondierungsgespräche in der Hauptstadt zu einer Zeit gescheitert, als die Sendung "Anne Will" noch das Polittalk-Flaggschiff der ARD war, hätte ihre Redaktion wahrscheinlich das geplante Thema gekippt und die aufgescheuchte Berliner Republik ins Studio gekarrt, deren notorischsten Vertreter lautstark über ein Revival der Großen Koalition debattiert hätten.

"Mittelgradige depressive Episode“

Als Mittwochsplauderrunde, unscheinbar eingebettet zwischen Maischberger & Fuchsberger am Dienstag sowie Beckmanns Promi-Almanach am Donnerstag, muss Will aber nicht mehr reagieren. Sie kann entspannt agieren. Die Gefahr, einem Burn-out anheim zu fallen, scheint für sie damit vom Tisch.

Was nicht heißt, dass man nicht auch mal drüber reden kann, über dieses gefühlte Volksleiden, das gar nicht unter dem Namen Burn-out als Krankheit firmiert, sondern als „mittelgradige depressive Episode“.

Nur so, sagte Christian Dogs, Chefarzt einer Privatpsychiatrie, wollen die Krankenkassen das hören, „weil der Begriff Burn-out kein Grund für eine stationäre psychische Behandlung ist“.

Jüngstes prominentes Opfer dieser pathologischen Dauererschöpfung: Ralf Rangnick, Bundesliga-Trainer und wegen eines legendären Sportstudio-Auftritts, bei dem er eine taktische Spielaufstellung anhand einer Schautafel erklärte, auch gerne „Professor“ genannt.

Gewerkschaftsmitglieder unter Tränen

„Ob Fußballtrainer oder Putzfrau – Jobs immer gnadenloser?“, spannte Will den Bogen ihres Themas „Burn-out“ in die Arbeitspolitik. Unter ihren Gästen tat sie damit zwei Fronten auf, die sich unvereinbar gegenüber saßen. Und das, obwohl ihre Methoden zur Diagnosestellung dieselben sind: Sie lesen in den Gesichtern der Menschen.

Christina Frank, Gewerkschaftssekretärin bei Ver.di, berichtete von Betriebsversammlungen, bei denen den Arbeitnehmern, vom Verkäufer bis zur Führungskraft, die Tränen in den Augen gestanden hätten, als das Thema auf Erschöpfung kam. Soweit die Symptomatik. Ihre Anamnese: Die Menschen sind einem ständigen System unterworfen, das mit Zeitarbeit, Befristungen und Lohndumping dem Mechanismus „Flexi, Flexi, Flexi“ folgt.

„Check-in-Check-out-Verträge“ nannte Frank das Problem: „Da ist ständig Bewegung drin, die Menschen können sich auf nichts einlassen, können ihr Leben nicht planen, nicht einmal dran denken, von zu Hause auszuziehen, geschweige mit Kindern planen.“ Erste Diagnose des Abends: Burn-out aufgrund fragwürdiger Arbeitsbedingungen.

Was sollte eigentlich Immobilien-Tycoon Kramer in der Runde?

Auch Thomas Kramer, deutscher Immobilienunternehmer mit Wohnsitz Miami, beobachtet seine Mitmenschen genau, kommt aber zu gänzlich anderen Ergebnissen als Frank. Deutschland sei so schön, fabulierte der 54-Jährige, und trotzdem liefen hier alle nur mit langen Gesichtern rum: „Ich bin die Tage in einer Straßenbahn gefahren und habe die Leute gefragt, ob sie alle zu einer Beerdigung fahren. Es war unglaublich. Und dann wurde man noch angerunzt, dass man überhaupt was sagt.“

Abgesehen davon, dass man sich Kramer, der sich gerne genauso breitgrinsend wie -beinig mit Zigarre im Mundwinkel für PR-Zwecke ablichten lässt, nur schwer im deutschen ÖPNV vorstellen kann, gebührt jedem unbescholtenen Straßenbahnfahrer Verständnis dafür, wenn er einen Fremden, der ihn mit Ralf-Möller-Gestus bezichtigt, wie sieben Tage Regenwetter auszusehen, mal ordentlich „anrunzt“.

Geholfen hatte es allerdings nicht. Die zur Schau getragene Weltentrücktheit des virilen Selfmademans ging weiter: „Kommen Sie mit mir mal nach Amerika unter die Brücken und sehen sie da die Menschen, die keine Möglichkeit haben, Beschäftigung zu finden“, parierte er Christina Franks Aufforderung an ihn, sich einen Tag lang mit ihr die Situation in den Betrieben vor Ort anzusehen.

Es geht nicht um Arbeitspolitik und Statistiken, sondern um Menschen

Bei einer solchen Vorlage erstrahlte selbst Klaus Ernst, die polternde Phrasen-Pinnwand der Linken, im Lichte der Vernunft: „Der Vergleich hinkt doch“, wies er Kramer zurecht. „Sie können doch nicht hier in Deutschland über Arbeitsbedingungen diskutieren, indem sie sagen: In Amerika schlafen sie unter den Brücken, nehmt Euch daran mal ein Beispiel.“ Ansonsten galten für Ernst die typischen linken Allheilmittel: Leiharbeit weg, Verträge entfristen, Mindestlohn her. Hilft auch gegen Burn-out. Garantiert!

Ein weiteres Medikament, das ins Feld geführt wurde: die Zahlen. "Glücksatlas" -Vater Bernd Raffelhüschen, von Haus aus Volkswirtschaftler und Statistiker, schien sich regelrecht hinter ihnen verstecken zu wollen.

„Kommen Sie mal von den Einzelfällen weg“, forderte er Frank und Ernst beständig auf und zählte im Stakkato demografische und soziale Entwicklungen auf: 60 ist das neue 70, psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz haben zugenommen, physische Krankmacher wie giftige Chemikalien sind dafür weniger geworden. Alles objektiv belegbar, wie Raffelhüschen immer wieder betonte. Nur für die Diskussion wenig zielführend. Ein bisschen wirkte es, als wolle er die Krankheit mit ihren Symptomen heilen.

Das kam auch Christian Dogs so vor. „Wir reden viel zu viel über Zahlen und viel zu viel über Arbeitsbedingungen, aber viel zu wenig über die Menschen“, kritisierte er die Runde und verschaffte der verquasten Sendung nach einer Stunde endlich so etwas wie Substanz.

In der Firma besser krank mit Burn-out, als mit Depressionen

„Es hat eine Werteveränderung in unserer Gesellschaft gegeben“, lautete seine Diagnose. „Die Leute werden heute von Kindesbeinen darauf trainiert zu funktionieren und Leistung zu bringen.“ Anerkennung gebe es dabei nicht mehr. Vielmehr gelte der Grundsatz: Nicht geschimpft ist genug gelobt.

Gleichzeitig monierte er den Umgang mit dem Begriff „Burn-out“. „Das ist so etwas wie ein Adelsprädikat geworden. In der Firma kann ich besser mit Burn-out krank werden, als wenn man sagt, man habe Depressionen.“

In der Bundesliga wiederum muss man mit Titeln vorsichtig sein, wie Trainerurgestein Peter Neururer zum Schluss offenbarte.

Ralf Rangnick habe im eher proletarischen Fußballumfeld unter seinem Spitznamen „Professor“ gelitten, und Neururer selbst brach einst seine Doktorarbeit ab, um Co-Trainer unter Horst Hrubesch werden zu können: „Als Dr. Neururer hätte ich den Job gar nicht anzufangen brauchen.“ Das denken sich viele Profivereine, die er trainiert hat, auch ohne den Dr. bis heute.