Berlin

1487 Gewalttaten in Bus und Bahn in sechs Monaten

Meist ist das Opfer männlich und die Täter sind jugendlich: Immer wieder gibt es Gewaltexzesse in Berliner Bussen und Bahnen. In sechs Monaten waren es 1487 Fälle.

Die Serie gewaltsamer Übergriffe auf Fahrgäste im öffentlichen Nahverkehr reißt nicht ab. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres kam es allein in Berlin zu 1487 Fällen von Körperverletzung in Bussen und Bahnen – ein Zuwachs von 3,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im Schnitt ereignen sich in der Hauptstadt täglich rund acht Vorfälle dieser Art.

Nun reiht sich ein weiterer Fall in die amtliche Kriminalitätsstatistik ein: Am Montagabend ist der 53 Jahre alte Ralf L. zum Opfer von vier jugendlichen Schlägern geworden. Der Mann erlitt dabei eine Jochbeinprellung sowie eine Netzhautablösung und musste in einem Krankenhaus behandelt werden.

Am Mittwoch konnte er die Notaufnahme verlassen und wird derzeit von seiner Frau, einer Krankenschwester, zu Hause versorgt. Zivilbeamte fassten drei der vier Schläger kurz nach der Tat. Es handelt sich um zwei 13-Jährige und einen 16-Jährigen. Einem 15-Jährigen gelang hingegen die Flucht.

Was genau zu dem Gewaltexzess führte, ist bislang unklar. Laut Polizeibericht hatte sich einer der Tatverdächtigen der 22 Jahre alten Tochter des Opfers beim Betreten des U-Bahnhofs in den Weg gestellt. Als der aggressive Minderjährige nicht ausweichen wollte, kam es zu einer Rempelei mit der 22-Jährigen.

Der Jugendliche griff die junge Frau an und wollte sie schlagen. Der Vater ging schützend dazwischen und wurde selbst von dem Jugendlichen und drei Komplizen attackiert. Ralf L. fiel bei dem Angriff zu Boden, wurde aber dennoch weiter geschlagen, bevor die Angreifer von ihrem Opfer abließen und die Flucht ergriffen. Die Tochter rief unterdessen um Hilfe und alarmierte die Polizei.

Kurz darauf entdeckten Zivilbeamte die mutmaßlichen Täter. Die Jugendlichen versuchten zwar zu fliehen, konnten jedoch bis auf einen nach kurzer Verfolgung gefasst werden. Ein inzwischen durch ein Foto identifizierter 15-Jähriger werde noch gesucht.

Die Polizei hat ein Ermittlungsverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung gegen die beiden strafmündigen Tatverdächtigen eingeleitet. Die mutmaßlichen Täter wurden wieder auf freien Fuß gesetzt. Wie „Morgenpost Online“ erfuhr, ist der 16 Jahre alte Tatverdächtige Tayssir K. wiederholt durch Gewaltverbrechen aufgefallen.

Vergleichsweise glimpflich verlief ein weiterer Zwischenfall zu Wochenbeginn in Berlin-Mitte. Ein volltrunkener Mann hatte am Alexanderplatz in der U-Bahn Fahrgäste mit einem Baseballschläger bedroht. Ein Zeuge hatte den Notruf ausgelöst, Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe alarmierten dann die Polizei. Beamte entdeckten den Mann in einem Zug und nahmen den 39-Jährigen vorläufig fest.

Die Polizisten stellten den Baseballschläger sowie ein gestohlenes Wahlplakat der CDU sicher und ordneten eine Blutprobe an, die 3,67 Promille ergab. Ein Richter entschied, den 39-Jährigen in Polizeigewahrsam zum Ausnüchtern zu schicken. Gegen ihn wird wegen Bedrohung und Sachbeschädigung ermittelt.

In den vergangenen Wochen und Monaten hatten in Berlin immer wieder brutale Überfälle insbesondere in U-Bahnhöfen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) für Aufsehen und Verunsicherung unter den Fahrgästen gesorgt. So war im Februar ein 30 Jahre alter Handwerker im Stadtteil Lichtenberg von Jugendlichen ins Koma geprügelt worden. Der Mann ist bis heute nicht vollständig genesen. Die Mordkommission konnte vier Tatverdächtige im Alter zwischen 14 und 17 Jahren festnehmen.

Gegen sie ist wegen versuchten Mordes aus Habgier und niedrigen Beweggründen Anklage erhoben worden. Im Falle einer Verurteilung drohen den jugendlichen Tatverdächtigen bis zu zehn Jahre Haft – die Höchststrafe. Bei den Ermittlungen stützte sich die Polizei auf die Aufzeichnungen der Überwachungskameras, auf denen die Täter gut zu erkennen sind.

Auf den Aufnahmen ist zu sehen, wie einer der Beschuldigten mit hochgerissenen Beinen sein Opfer anspringt und zu Boden rammt. Anschließend treten die Jugendlichen gegen seinen Kopf. Der Handwerker erlitt schwerste Kopfverletzungen und konnte nur durch eine Notoperation gerettet werden.

Zuletzt waren Anfang Juli im Berliner U-Bahnhof Zoologischer Garten zwei Männer von einem 19-Jährigen durch Messerstiche schwer verletzt worden. Ein 20-Jähriger konnte damals nur durch eine Notoperation gerettet werden. Der Täter stellte sich vier Tage später der Polizei. Gegen ihn wurde Haftbefehl wegen versuchten Totschlags erlassen.

Zur Bekämpfung der Kriminalität im Berliner Nahverkehr setzt die Polizei seit Mai 60 zusätzliche Beamte in U-Bahnhöfen ein – eine Reaktion auf die schweren Gewaltexzesse im Nahverkehrsnetz. Von Mitte Mai bis Ende Juni gab es zudem 300 gemeinsame Streifen mit Sicherheitskräften der Berliner Verkehrsbetriebe, bei denen 7500 Personen überprüft und 380 mutmaßliche Straftäter festgenommen wurden.

Bei der Präsentation der kriminalstatistischen Halbjahresbilanz vor einigen Tagen verwies die Polizei auch darauf, dass die Kriminalität insgesamt und die Gewalttaten in Bussen und Bahnen sowie auf Bahnhöfen von Jahr zu Jahr weniger geworden seien. Allerdings würde das Sicherheitsempfinden der Fahrgäste nicht im gleichen Maße steigen, hieß es.