Der Fall Lara Mia

Hungertod der Tochter in Kauf genommen

Die Mutter von Lara Mia ist zu drei Jahren Jugendstrafe verurteilt. Anders als im ersten Schuldspruch wurde der Notruf der Mutter nun nicht mehr strafmildernd bewertet.

Foto: dpa / dpa/DPA

Die Kapuze ihres schwarzen Pullovers tief ins Gesicht gezogen, den Kopf gesenkt, die Arme verschränkt, saß Jessica R. an vielen Verhandlungstagen auf der Anklagebank. Diese fast trotzig wirkende Haltung löste sie meist erst auf, wenn die Fotografen und Kameraleute aus dem Gerichtssaal verwiesen wurden.

Ausgerechnet an dem Tag, an dem sie ihr zweites Urteil hört, verzichtet sie auf ihre Vermummung. Die Haare mädchenhaft zusammengebunden, lässt sie das Blitzlichtgewitter über sich ergehen. Einmal lächelt sie sogar kurz. Man wird den Eindruck nicht los, dass Jessica R. gelöst, ja fast befreit wirkt.

Auch als die Richterin das Urteil verkündet, ändert sich ihre Haltung nicht: Drei Jahre Jugendstrafe wegen versuchten Totschlags durch Unterlassen und wegen gefährlicher Körperverletzung lautet es.

Die Staatsanwaltschaft hatte auf vier Jahre plädiert, doch abgesehen von dieser Abweichung ist die Kammer den wesentlichen Argumenten der Anklage gefolgt. Die junge Frau habe den Hungertod ihrer neun Monate alten Tochter billigend in Kauf genommen. So sieht es die Hamburger Staatsanwaltschaft, die gegen das Urteil des ersten Prozesses, das die damals 19-Jährige wegen schwerer Körperverletzung durch Unterlassen mit einer neunmonatigen Bewährungsstrafe belegte, Revision einlegt hatte.

Von September an musste sich die 21-Jährige erneut den Fragen des Gerichts stellen. Ihre Tochter Lara Mia war am 11.?März 2009 tot von Rettungskräften in ihrer Wohnung im Stadtteil Wilhelmsburg aufgefunden worden. Die Obduktion hatte eine deutliche Unterernährung des Mädchens ergeben, das nur noch 4,8 Kilogramm wog. Das Doppelte wäre in dem Alter normal gewesen.

Plötzlicher Kindstot kann nicht ausgeschlossen werden

Im zweiten Prozess erhoffte man sich, die genaue Todesursache ermitteln zu können, doch auch die Vernehmung eines rechtsmedizinischen und eines kinderärztlichen Sachverständigen brachte das Gericht in diesem Punkt nicht weiter. Zwar bezeichnete ein Gutachter die chronische Mangelernährung des Kindes als wahrscheinliche Hauptursache für den Tod.

Letztlich könne auch plötzlicher Kindstod nicht ausgeschlossen werden. Nach Anhörung von 20 Zeugen kam die Kammer zu dem Schluss, dass die Verurteilte den lebensbedrohlichen Zustand spätestens zwei Wochen vor dem Tod erkannt haben musste. „Ihr war bewusst, dass das Kind sterben würde, und sie fand sich damit ab“, sagte die Richterin. Gutachter attestierten ihr mangelnde Empathiefähigkeit sowie eine Persönlichkeitsstörung, die auch auf die schwierigen Verhältnisse in ihrer Herkunftsfamilie zurückgingen. „Sie brachte nicht die Energie und Geduld auf, das Kind mit Nahrung zu versorgen“, so die Richterin.

Anders als im ersten Schuldspruch wurde in dem neuerlichen Verfahren der von der Mutter und ihrem damaligen Freund abgesetzte Notruf nicht mehr strafmildernd bewertet. Die Beweisaufnahme ergab, dass der Notruf nicht getätigt wurde, um das Leben des Kindes zu retten, da der Tod des Kindes zu diesem Zeitpunkt für beide Angeklagten klar erkennbar war.

Der Notruf war 2010 als „Rücktritt vom Tötungsversuch“ gewertet worden. Aus diesem Grund war die Mutter im ersten Verfahren nur wegen Körperverletzung, nicht aber wegen Totschlags verurteilt worden.

Der Rechtsanwalt von Jessica R. ließ nach dem Urteil offen, ob er für seine Mandantin einen Revisionsantrag stellen werde. Sie wolle eine Therapie machen und den Schulabschluss nachholen, hieß es. Zudem will die junge Frau, die nichts gegen den drohenden Tod ihrer Tochter unternahm, Tierpflegerin werden.

Wann der zweite Prozess gegen den Ex-Lebensgefährten der Mutter, Daniel C. (22), beginnt, ist noch offen. Er war ebenfalls zu einer Haftstrafe von neun Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Zu Beginn des zweiten Verfahrens galt er aufgrund seiner psychischen Verfassung als verhandlungsunfähig. Mittlerweile hat sich der Zustand stabilisiert.