Hochwasser

Bewohner Bangkoks fürchten um ihr Hab und Gut

Angesichts des Jahrhunderthochwassers hat die thailändische Hauptstadt Bangkok alle Schleusen geöffnet, damit das Wasser in Richtung Süden ins Meer abfließen kann. Doch auch eine Evakuierung der Zwölf-Millionen-Metropole steht zur Debatte.

Foto: dapd / dapd/DAPD

In Thailand ist das Hochwasser am Freitag in die ersten Vororte der Hauptstadt Bangkok eingedrungen. Ministerpräsidentin Yingluck Shinawatra rief die Menschen auf, sich angesichts des schlimmsten Hochwassers seit einem halben Jahrhundert auf Evakuierungen in höher gelegene Gebiete vorzubereiten. Yingluck sprach am Freitag im Katastrophenschutzzentrum am Flughafen Don Mueang von einer Vorsichtsmaßnahme.

Dabei hatte die Regierungschefin alles andere als eine gute Figur gemacht. Sie lamentierte emotional über die Naturgewalten statt Führungsstärke zu zeigen. Noch Ende letzter Woche meinte sie, der Industriepark Navanakorn nördlich von Bangkok sei sicher. Drei Tage später stand der Komplex mit 227 Fabriken und 175.000 Mitarbeitern unter Wasser. „Das schlechte Krisenmanagement hat zu großen Beschwerden der japanischen Investoren geführt“, sagte Vermögensverwalter Vorovan Taraphum der Wirtschaftsagentur Bloomberg. „Die Regierung muss das Vertrauen der Investoren zurückgewinnen und langfristig sicher sein, dass sie mit Naturkatastrophen fertig wird.“

Yinglucks Fluthilfe-Zentrum FROC kam erst nicht in die Gänge, weil eine kompetente Führungsfigur fehlte. Erst nahm der Direktor eine Flutwarnung des Wissenschaftsministers zurück. Dann sorgten verwirrende Verlautbarungen für mehr Chaos als Überblick. Dem Umfrageinstitut ABAC sagten bei einer Schnellumfrage Anfang der Woche 87 Prozent der Befragten, den FROC-Angaben sei nicht zu trauen.

Das fand auch Bangkoks Gouverneur Sukhumbhand Paribatra, der seine Behörden anwies, nur noch auf ihn zu hören. Er wollte sich von der Truppe um Yingluck in Bangkoker Angelegenheiten nicht reinreden lassen. „Wir tun unser bestes, um der Zentralregierung zu helfen, aber wir müssen an die Bedürfnisse der Einwohner denken“, sagte er, als es darum ging, ob Bangkok die Schotten dicht machen und die Wassermassen den umliegenden Provinzen überlassen kann. Schließlich öffnete er die Schleusentore, damit das Wasser durch die Kanäle der Zwölf-Millionen-Metropole abfließen kann.

Am Freitag aktivierte die Regierungschefin ein Gesetz, das ihr die Hoheit über alle Desasterentscheidungen gibt. Damit muss sich auch Bangkoks Gouverneur ihren Anweisungen beugen. Er gehört der Oppositionspartei der Demokraten an, die Yingluck im Juli aus dem Amt gefegt hat. Bangkoker argwöhnen, dass politisches Kalkül zwischen beiden im Spiel ist. Die Opposition hat mehrfach gefordert, dass die Regierung den Notstand ausruft. Dann könne das Militär stärker eingreifen. Das ist für Yingluck aber ein rotes Tuch. Ihr Bruder war 2006 im jüngsten Militärcoup aus dem Amt geputscht worden.

Indes wurden unter dem Druck der Wassermassen aus dem Norden in der Nacht zu Freitag die Schleusentore geöffnet. Damit soll ein Teil des Wassers aus den Überschwemmungsgebieten durch die Kanäle der Stadt Richtung Süden zum Golf von Thailand geführt werden. Es bestehe kein Grund zur Panik, teilte die Stadtverwaltung mit. Der Wasserpegel in den 19 größeren Kanälen steige zwar, doch werde nur so viel Wasser eingelassen, wie verkraftet werden könne.

In der Stadt ging in mehreren Supermärkten das Trinkwasser aus. Autofahrer parkten die Seitenstreifen von Hochstraßen zu, um ihre Autos aus niedrig gelegenen Stadtteilen in Sicherheit zu bringen. Vor zahlreichen Geschäften lagen Sandsackwälle. Manche Firmen ließen sich in letzter Minute Schutzwälle vor die Eingänge mauern.

Der Gouverneur von Bangkok war zuversichtlich, dass 90 Prozent der Stadt trocken bleiben. Das kommerzielle Zentrum der Stadt soll geschützt bleiben. Er erklärte zwei weitere Distrikte im Norden und Osten zu Risikogebieten, berichtete die „Bangkok Post“. Die Anwohner wurden aufgefordert, in Notunterkünfte zu gehen. Sieben Bezirke gelten schon seit Mittwoch als Gefahrenzone.

Nach Monaten schwerer Monsunregen stehen in Thailand ein Drittel der Provinzen teilweise unter Wasser. Riesige Landstriche nördlich von Bangkok sind überschwemmt. Das Wasser kann nur Richtung Süden - und damit durch Bangkok – in den Golf von Thailand abfließen. Thailand erlebt seit mehr als zwei Monaten die heftigsten Regenfälle und Überschwemmungen seit Jahrzehnten.

Unterdessen musste der japanische Elektronikkonzern Sony wegen des Hochwassers in Thailand die Auslieferung einer Reihe neuer Produkte verschieben. Betroffen sind vier Kameramodelle und mehrere Kopfhörer, wie das Unternehmen am Donnerstag in Japan mitteilte. Der Grund seien Produktionsstopps in Werken von Sony selbst sowie bei Zulieferern in Thailand. Die neuen Kameras sollten am 11. November auf den Markt kommen, ein neues Datum für den Start steht den Angaben zufolge nun noch nicht fest.