Bangkok

Drei Meter hohe Dämme sollen vor Fluten schützen

Thailand leidet unter Überschwemmungen. Die Fluten aus dem Norden rauschten bereits Richtung Süden durch die Hauptstadt Bangkok. Heftige Niederschläge über der Stadt sorgen für Wassernachschub. Die Einwohner bereiten sich auf Schlimmeres vor.

Foto: AFP

Auf der Bühne auf dem Campus der Thammasat-Universität in Rangsit im Norden Bangkoks bereitet sich eine Band auf ihren Auftritt vor. Davor sitzen unter Zeltdächern Hunderte Thais bei Reis und Nudeln. In der Sporthalle dahinter aber weicht die Volksfestatmosphäre der bitteren Realität. Hier haben mehr als 2300 Menschen Obdach gefunden. Sie alle sind Opfer der großen Flutkatastrophe, die Thailand seit Wochen heimsucht.

Ruhig sitzt Nop im Lotussitz auf seiner Strohmatte. Seine beiden kleinen Söhne malen Bilder in einem Malbuch aus. In der Plastiktüte neben der zusammengerollten Schlafdecke steckt das Wenige, das der Tuk-Tuk-Fahrer aus Ayutthaya retten konnte. „Das Wasser kam so plötzlich“, sagt Nop. Mit den Verhältnissen im Lager ist er zufrieden. „Meine Kinder sind sicher hier. Aber ich habe Angst um mein Haus und mein Tuk Tuk.“ Das knapp 50 Kilometer entfernte Ayutthaya mit seinen weltberühmten historischen Tempeln ist eine der am schwersten betroffenen Regionen.

Der Rangsit-Campus ist eines von inzwischen vielen hundert Evakuierungszentren. „Wir können sofort weitere 2000 Flutflüchtlinge aufnehmen“, versichert Vizerektor Prinya Thaewanarumitkul dem deutschen Botschafter Rolf Schulze, der sich vor Ort ein Bild der Lage macht. Der Botschafter hat Decken, Matratzen und für die Kinder Bälle als „kleine Geste“ im Gepäck und das große Versprechen auf deutsche Hilfe für den Wiederaufbau der Flutgebiete. Vor allem bei der Beseitigung der Hochwasserschäden an den historischen Tempeln und Palästen von Ayutthaya, das mehr als 400 Jahre lang die Hauptstadt des Königreichs Siam und im 18. Jahrhundert die Metropole Südostasiens war, könne er sich deutsche Hilfe vorstellen, sagt Schulze. Dort erreichten die Fluten eine Höhe von knapp zwei Metern.

Es regnet immer weiter

In Bangkok sehen die Menschen mit Bangen den kommenden Tagen entgegen, obwohl die Pegel vereinzelt zurück gehen. In der Hauptstadt wird noch bis Dienstag Hochwasser erwartet. Soldaten erhöhen Deiche und baggern Kanäle aus, Sandsackwälle türmen sich vor Geschäften und Hotels. Trotzdem steht am Wochenende das Wasser schon in 20 der 50 Bezirke der Metropole mit zwölf Millionen Einwohnern bis zu einem halben Meter hoch. Für Wassernachschub sorgen seit Freitag wolkenbruchartige Niederschläge, die ganze Straßenzüge überfluten. Immer mehr Bangkoker bringen ihre Autos auf Autobahnbrücken in Sicherheit. Der Chao-Praya-Fluss in einem Außenbezirk der Hauptstadt erreichte eine Rekordhöhe von 2,15 Metern, wie Bangkoks Gouverneur mitteilte. Die Hochwasserschutzdämme wurden auf drei Meter erhöht. Bisher wurden die Fluten aus dem Norden in Kanäle geleitet oder flossen in den Golf von Thailand.

Am Sonnabend hieß es im Industriepark Bang Pa-in in Ayutthaya Land unter. Nach dem Bruch eines Deichs schoss die schmutzig-braune Brühe des Chao Phraya auf das Gelände. Die 60.000 Arbeiter der 90 Fabriken, die Textilien, elektrische Geräte und Maschinen produzieren, mussten evakuiert werden. Bang Pa-in ist bereits der vierte Industriepark in Ayutthaya, der in dem Jahrhunderthochwasser versinkt. Das thailändische Arbeitsministerium schätzt, dass 10.000 Unternehmen in 15 Provinzen des Landes von den schweren Unwettern betroffen sind. Mehr als 350.000 Arbeiter sind ohne Jobs.

Zwar kann das genaue Ausmaß der Flutschäden erst erfasst werden, wenn das Hochwasser zurückgegangen ist. Aber Experten gehen davon aus, dass das „Große Hochwasser“ das Land alleine in diesem Jahr ein Prozent des Bruttosozialprodukts kosten könnte. Darin noch nicht eingerechnet sind die Kosten zum Bau von Dämmen und Wehren, um in Zukunft besser gegen Hochwasserkatastrophen gewappnet zu sein.

Im Evakuierungszentrum der Thammasat-Universität ist von der medizinischen Versorgung bis zu Spielplätzen für die Kinder für alles gesorgt. Sogar an ein Notaufnahmelager für die Haustiere der Hochwasseropfer wurde gedacht. Mehr als 200 Tiere, hauptsächlich Hunde, sind in Plastikboxen und Holzverschlägen untergebracht. Kein Platz ist in dem zoologischen Notlager für jene 70 Elefanten, auf denen in normalen Zeiten Touristen zu den Tempelanlagen Ayutthayas reiten können. Aber die Tempel stehen unter Wasser wie auch, was für die Elefanten viel schlimmer ist, die Felder, auf denen das Futter für Thailands Nationaltier angebaut wird. Auf Zwangsdiät müssen die Elefanten, die gut und gern 250 Kilo Heu und Früchte am Tag verzehren, jedoch nicht. Das Nationale Elefanteninstitut im mehrere Hundert Kilometer entfernten Lampang hat einige Lkw-Ladungen Elefantenfutter geschickt. Bedenklich dagegen ist, dass durch die Überflutung einer Krokodilfarm in Uthai Thani rund 100 der gefährlichen Reptilien in die Freiheit gelangten und jetzt zur Bedrohung geworden sind.

Unterdessen sind in Bangkok in den Supermärkten der gefährdeten Viertel bereits die Regale durch Hamsterkäufe leergefegt, während die Verkäufer auf den vielen Märkten Bangkoks dank des Regens vergeblich auf Kunden warten. Die Wolkenbrüche bescheren der Hochbahn einen Rekordandrang, während Taxifahrer mit einem lässigen „Es regnet“ die Einschaltung des Taxameters verweigern, um den Kunden Fantasiepreise abzuverlangen.

Zur Angst der Bangkoker vor dem Wasser kommt der Frust über das Katastrophenmanagement von Premierministerin Yinluck Shinawatra, deren Minister mal mit Panikprognosen, mal mit beruhigenden „Bangkok-ist-sicher!“-Botschaften die Bevölkerung verwirren und verärgern. Am Sonntag sagte Shinawatra: „Ich glaube, Bangkok wird sicher sein.“ Derweil regnete es heftig.

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